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Mit seinen Fehlern tritt niemand gerne ins Rampenlicht: Dabei kann das sehr lehrreich sein.

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Wenn Manager weinen

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Nächte voller Selbstzweifel und Tränen: Chefs erzählen bei „Fuckup Nights“ von ihrem privaten und beruflichen Scheitern. Das soll eine bessere Fehlerkultur in Unternehmen schaffen.

Ein Manager, der öffentlich über seine frühere Computer-Spielsucht spricht und wie er es geschafft hat, sie zu besiegen und beruflich Karriere zu machen. Ein anderer, der erzählt, wie er nachträglich „wie ein Schlosshund“ geweint hat, weil er das Kita-Abschiedsfest seiner Tochter verpasste, da er die Arbeit für wichtiger hielt. Oder einer, der zugibt, wie er sich nach seiner Beförderung vollkommen im Mikromanagement seiner neuen Mitarbeiter verhedderte und damit alle gegen sich aufbrachte.

Das sind Bekenntnisse, die Führungskräfte in Unternehmen eher selten auf offener Bühne machen. Zu groß ist oft die Scham und die Angst, die Karriere dadurch zu ruinieren. Genau diese – und andere – Geschichten über eigene Fehltritte haben aber Manager der Hamburger Otto Group, zu der neben dem Versandhändler Otto auch Unternehmen wie Hermes, Limango, About You und Baur gehören, und der Commerzbank in den vergangenen Monaten vor ihren Mitarbeitern preisgegeben.

Sogenannte Fuckup Nights haben ihren Ursprung in Mittelamerika. Fünf Freunde aus Mexiko-Stadt kamen 2012 auf die Idee, Geschichten von eigenen beruflichen Pleiten, Pech und Pannen als öffentliches Event zu inszenieren. Seitdem gibt es in vielen Städten weltweit derartige Veranstaltungen, manchmal privat, oft aber von jungen Unternehmensnetzwerken oder Universitäten organisiert. Häufig sind es Gründer gescheiterter Start-ups, die sich outen – in der jungen Branche herrscht ein für Fehler offenes Klima.

Aber auch wirtschaftliche und politische Schwergewichte sind bereit, sich auf die Bühne zu stellen. Als der FDP-Chef Christian Lindner 2016 an einer „Fuckup Night“ der Universität Frankfurt teilnahm und über sein Scheitern als Unternehmer in der New Economy plauderte, erzeugte das ein gewaltiges Medienecho.

Dass aber auch Unternehmen dieses Format für ihre internen Zwecke nutzen, ist relativ neu, wenig bekannt und auch noch die Ausnahme. Vor zwei Jahren hat die Commerzbank ihre Veranstaltungsreihe unter dem Namen „My Fail“ gestartet. „Durch die Digitalisierung entwickelt sich die Unternehmenswelt rasant, die Entwicklungszeiten für neue Produkte und Prozesse werden immer kürzer“, sagt Johann Starck, der die Events bei der Bank aufgesetzt hat und moderiert. „Immer wieder passieren bei Innovationen oder Neu-Entwicklungen Fehler. Diese müssen wir zügig erkennen und beheben, um im Wettbewerb mithalten zu können. Das geht nur, wenn die Mitarbeiter Probleme auch zeitig sichtbar machen und ihre Erfahrungen teilen.“ Es gehe um die Entstigmatisierung von Fehlern.

Gute Fehler, schlechte Fehler

Die Universität Hohenheim hat 2015 die repräsentative Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler“ zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber unternehmerischem Scheitern veröffentlicht. Demnach werden Fehler, die im Privatleben gemacht werden, viel eher akzeptiert als berufliche Fehlentscheidungen. Und Männer beurteilen unternehmerisches Scheitern positiver als Frauen. So zeigten 54,2 Prozent der männlichen Befragten eine positive Einstellung, bei Frauen waren es 46,7 Prozent.

Jüngere Menschen akzeptieren der Studie zufolge berufliches Scheitern eher als Ältere. Die Akzeptanz steigt auch, je höher Schulabschluss und Einkommen sind. Am meisten Verständnis zeigen Selbstständige.

Gescheiterte Unternehmer verdienten eine zweite Chance - das bejahten mehr als 75 Prozent. Über 40 Prozent gaben zu, beim Bestellen von Waren Vorbehalte gegenüber bereits gescheiterten Unternehmern zu haben. 

Auf den Veranstaltungen der Commerzbank gibt es stets drei Sprecher, die über eigenes Versagen – sei es privater oder beruflicher Natur – und das, was sie daraus gelernt haben, berichten. Anschließend dürfen die Gäste den Teilnehmern Fragen stellen. Zwei Vortragende sind Mitarbeiter des Unternehmens, einer wird von extern eingeladen. „Es waren auch schon insgesamt drei Vorstände da, inklusive des Vorstandschefs Martin Zielke. Das ist natürlich ein starkes Signal, dass das Management mutig vorangeht“, sagt Starck, der in der Strategieabteilung der Bank mit seinem Team die Digitalisierung kulturell vorantreibt.

Die erste Veranstaltung wurde probeweise mit 80 Teilnehmern durchgeführt, inzwischen sind es immer um die 300 – ausschließlich aus dem Unternehmen. Die Atmosphäre ist zwanglos, es gibt keine geordnete Bestuhlung, keinen Service – wer mag, kann sich aber ein Getränk nehmen. Die Tickets werden nach dem Prinzip „first come, first serve“ vergeben. „Die Veranstaltungen sind immer ausgebucht. Die Leute sind einfach dankbar dafür, der Applaus am Ende ist immer riesig. Fehler hat doch jeder schon mal gemacht – aber nicht jeder hat den Mut, sie zuzugeben und Erfahrungen daraus zu teilen“, sagt Starck.

Auch bei der Otto Group gibt es seit 2016 „Fuckup Nights“ mit jeweils vier bis fünf vortragenden Kollegen. Wegen des großen Andrangs werden die Veranstaltungen sogar live im Intranet übertragen; Ausschnitte der Events können auch Außenstehende im Internet abrufen. Entstanden ist die Idee dafür als Teil der Initiative Kulturwandel 4.0, die die Gruppe 2015 ins Leben gerufen hat. Dabei entwickeln Management und Mitarbeiter gemeinsam Ideen und Maßnahmen, um den Konzern fit für die schnelle, digitale Zukunft zu machen; wie etwa neue Arbeitszeitmodelle, den Abbau von Hierarchien oder eben eine bessere Fehlerkultur. 2018 erklärte die Otto Group zum „Jahr des Muts“, um Mitarbeiter anzuregen, ohne Ängste auch mal zu experimentieren – und womöglich zu scheitern. Da passen die „Fuckup Nights“ gut ins Bild. Neben den Veranstaltungen der ganzen Gruppe gibt es auch noch sogenannte Fuckup Snacks in einzelnen Konzernunternehmen.

Der Autobauer Daimler bietet Mitarbeitern mit den „Fail’n’Learn Nights“ ebenfalls eine derartige Veranstaltungsreihe an. Gerade in Branchen wie der Autoindustrie oder dem Bankensektor, in dem es stark um körperliche oder monetäre Sicherheit geht und jeder Fehler schwere Konsequenzen haben kann, sei das Zugeben von Problemen jahrelang verpönt gewesen, weiß Jens Bergstein, Spezialist für Kulturwandel bei der Personal- und Managementberatung Kienbaum. „Diese Unternehmen waren immer auf Perfektion getrimmt“, sagt er.

„Fuckup Nights“ seien ein erster Schritt für solche Firmen, „das Eis zu brechen“. „Aber tagesaktuelle Relevanz für jeden Mitarbeiter bekommt das erst, wenn die offene Fehlerkultur auch in den einzelnen Teams institutionalisiert und gelebt wird“, sagt er. Nur dann könne sich das Verhalten wirklich ändern. Und das Unternehmen am Ende besser werden. „Je später man Fehler zugibt, desto teurer wird es für die Firma, einen möglichen Schaden zu beheben“, so Bergstein. Unternehmen könnten somit kein Interesse daran haben, Fehler zu bestrafen – sondern vor allem daran, sie durch Mithilfe der Mitarbeiter schnell zu erkennen.

Wie lange die Commerzbank die „My Fail“-Reihe noch fortsetzen wird, weiß Johann Starck nicht. Derzeit sei man in Runde neun. „Es verhält sich wie mit Technologie: Irgendwann nutzt sich das Konzept vielleicht auch ab. Dann muss was Neues her, um nichts zur Gewohnheit werden zu lassen. Veränderung ist allgegenwärtig“, sagt er. Auch sei es nicht immer leicht, Sprecher zu finden. Zum einen müssten die Teilnehmer schon ein gewisses Talent für die Bühne haben und ihre Fehler eine gewisse Fallhöhe, also Relevanz für andere Mitarbeiter. „Und zum anderen sind wir sind nun einmal nicht Zalando oder Facebook mit einer jungen Unternehmenskultur aus dem Technologieumfeld. Die Rahmenbedingungen in einer Bank laden auf den ersten Blick nicht sofort dazu ein, zeitnah über Fehler zu sprechen“, sagt er. Doch genau das wolle die Commerzbank ja schrittweise ändern und sei auf einem guten Weg zu diesem Ziel.

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