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Achtung: Kostengefahr!

Roaming-Gebühren

Wenn die Handy-Rechnung explodiert

Smartphone-Nutzer müssen im Ausland mit Kostenfallen rechnen. Die EU will die Abzocke jetzt eindämmen.

Von Andrea Beyerlein

Sabine Bartel (Name geändert) aus Berlin hatte auf ihrer Südafrika-Reise in diesem Frühjahr ihr neues iPhone dabei. Sie hat nicht weiter nachgedacht und wähnte sich durch ihre Internet-Flatrate vor explodierenden Kosten geschützt. Sie hat nie telefoniert, wollte nur für den Notfall erreichbar sein. In Hotels mit WLAN ging sie gelegentlich ins Netz, verschickte und empfing einige E-Mails und bestätigte einen Flug.

Kurz vor der Heimfahrt erhielt sie eine E-Mail von ihrem Anbieter 1&1. Darin stand, sie habe ungewöhnlich hohe Zusatzkosten über 955,97 Euro verursacht. Der endgültige Rechnungsbetrag sei das aber noch nicht. Wenn sie sich binnen drei Tagen nicht melde, werde ihr Telefon zu ihrem Schutz gesperrt. Sabine Bartel schaltete sofort ihr iPhone ab und wollte auch sonst nicht mehr viel reden.

Solche unliebsame Überraschungen erleben Urlauber oder Geschäftsreisende noch immer häufig, wenn Sie ihr Smartphone im Ausland nutzen. Daran haben die seit Jahren anhaltenden Debatten um die im Ausland von den Telekommunikations-Anbietern kassierten, horrenden Roaming-Gebühren nichts geändert. „Immer mehr Kunden steigen vom normalen Handy auf Smartphones um und vielen ist nicht bewusst, dass die Geräte ständig ohne ihr Zutun Updates herunterzuladen und E-Mails abrufen“, sagt Thomas Grund von der Stiftung Warentest. Unbedingt sollte die Nutzer darauf achten, vorher die Aktualisierungen abzustellen. „Aber das größte Problem ist die mangelnde Transparenz.“ Immerhin: Besserung ist in Sicht. Denn ab dem 1. Juli führt die EU-Kommission strengere Regeln zugunsten der Verbraucher ein.

Betroffene nicht rechtlos

Von überzogenen Roaming-Rechnungen Betroffene seien aber schon jetzt nicht rechtlos, betont Bianka Skutnik, Rechtsschutz-Referentin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Auch wenn das kürzlich verabschiedete, neue Bundes-Telekommunikationsgesetz keine Pflicht enthalte, die Kunden bei Eintritt in ausländische Netze vor den Folgen zu warnen, existiere eine „vertragliche Nebenpflicht“: „Bei Erreichen eines Betrages von 50 bis 100 Euro sollte ein Hinweis des Anbieters erfolgen.“ Geschieht das nicht, hätten die Kunden gute Chancen, sich gegen überhöhte Forderungen zu wehren, erklärt Skutnik. Dazu lägen bereits eine Fülle von Gerichtsentscheidungen vor.

Das Landgericht Kleve etwa befand, dass ein Smartphone-Nutzer die von ihm verlangten 6?000 Euro nicht zahlen musste: „In jedem Falle war es Aufgabe des Klägers, den Beklagten darauf hinzuweisen, dass er durch die Inanspruchnahme des ausländischen Netzes exorbitant hohe Kosten verursacht“, heißt es in dem Beschluss der zweiten Zivilkammer vom Juni 2011.“

Innerhalb der Europäischen Union sind die von den Klever Richtern so titulierten „Schock-Rechnungen“ schon seit Juli 2010 nicht mehr statthaft. Seinerzeit legte die die EU-Kommission eine Kostenobergrenze von 50 Euro plus Mehrwertsteuer fest. Ist die aufgebraucht, müssen die Anbieter die Verbindung ins Internet automatisch kappen. Es sei denn, der Kunde selbst legt einen höheren Betrag fest und besteht ausdrücklich darauf, mit seinem Smartphone weiter das Internet zu nutzen.

Wenn auch nicht eben freiwillig, haben im Zuge dieser europäischen Entwicklung zumindest die meisten großen Telekommunikations-Anbieter ihren Service in Sachen Kostentransparenz bereits verbessert. So jedenfalls lauten die Auskünfte bei Telekom, telefónica, Vodafone und Congstar. Außer bei 1&1 würden die Kunden per SMS automatisch auf die entstehenden Roaming-Gebühren hingewiesen – nicht nur im innereuropäischen Ausland, sondern auch außerhalb. Zumeist werde diese Warnung verbunden mit dem Angebot von überschaubaren Daten-Paketen. „Wir schicken auch außerhalb Europas alle 20 Euro eine Mittelung zum bereits verbrauchten Datenvolumen“, sagt etwa Telekom-Sprecher Dirk Wende. Sein Unternehmen habe schließlich ein Interesse daran, dass die Nutzer nicht verunsichert seien und die angebotenen Dienste auch in Anspruch nehmen. „Da muss der Kunde wissen, was er tut.“

Mangelndes Problembewusstsein?

Das sieht man bei 1&1 eigentlich gar nicht so anders, sagt Sprecherin Ingrun Senft. Es habe allerdings „das Problembewusstsein“ gefehlt. „Wir nehmen den Hinweis auf und werden schnellstmöglich veranlassen, dass auch unsere Kunden eine Warn-SMS erhalten.“ Im Unterschied zu den anderen Großen verfügt das Unternehmen über keine eigenen Netze und kauft seine Netz-Leistungen bei anderen Anbietern ein. Von Schock-Rechnungen Betroffenen stellt Senft Kulanzregelungen in Aussicht - „sie müssen sich aber auch bei uns melden.“ Bei Sabine Bartel jedenfalls hat 1&1 inzwischen auf die zunächst in Rechnung gestellten Roaming-Gebühren von am Ende über 1?300 Euro verzichtet.

Und ab dem 1. Juli dieses Jahres sind ohnehin alle Anbieter zu einer Warnung verpflichtet. Dann nämlich – knapp zwei Wochen nach dem Beginn der Sommerferien in Berlin und Brandenburg – soll eine neue EU-Roaming-Verordnung in Kraft treten, die nicht nur weitere Preissenkungen verspricht. Der Kunde muss künftig auch im außereuropäischen Ausland nach dem Verbrauch eines Datenvolumens im Wert von 50 Euro plus Mehrwertsteuer (59,95 Euro) per SMS gewarnt werden – und bleibt nur online, wenn er ausdrücklich mehr verlangt. Diesen Vorschlag der EU-Kommission hat Ende vergangener Woche das Europäische Parlament gebilligt.

Das kommt auch in Deutschland gut an. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht in den neuen EU-Vorgaben einen großen Schritt nach vorn: „Ich begrüße es, dass die EU-Kommission Roaming-Abzocke künftig unterbinden will und mehr Transparenz schafft. Auch wer außerhalb der EU Urlaub macht, muss keine böse Überraschung mehr auf der Handy-Rechnung erleben.“

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