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Wenn der Grundwasserspiegel fällt

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Von: Joachim Wille

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Wo der Euphrat unfruchtbare und trockene Wüstensteppe durchquert, werden - wie hier im Osten Syriens - Kanäle abgeleitet, die dem Fluss viel Wasser entziehen.
Wo der Euphrat unfruchtbare und trockene Wüstensteppe durchquert, werden - wie hier im Osten Syriens - Kanäle abgeleitet, die dem Fluss viel Wasser entziehen. © REUTERS

Konflikte um Ressourcen wie Wasser nehmen weltweit zu. Auch in Syrien spielte der Wassermangel beim Ausbruch des Bürgerkriegs eine Rolle. Experten rechnen in Zukunft mit noch mehr Gewaltkonflikten, die durch klimabedingte Umweltveränderungen ausgelöst werden.

Konflikte um Ressourcen wie Wasser nehmen weltweit zu. Auch in Syrien spielte der Wassermangel beim Ausbruch des Bürgerkriegs eine Rolle. Experten rechnen in Zukunft mit noch mehr Gewaltkonflikten, die durch klimabedingte Umweltveränderungen ausgelöst werden.

Die extreme Trockenheit war einer der Auslöser: Auch in Syrien spielte der Wassermangel beim Ausbruch des Bürgerkriegs eine Rolle, es ging nicht allein um Demokratie, Religion und Konflikte zwischen Volksgruppen. Der Aufstand begann 2011 in provisorischen Siedlungen, wohin ein Teil der von Dürren betroffenen Landbevölkerung im Nordosten Syriens geflüchtet war – in der Umgebung der Städte wie Damaskus, Hama und Aleppo.

Die jüngste Dürre in Syrien war eine der schwersten, die das Land in den vergangenen 100 Jahren erlebte, sie dauerte rund fünf Jahre. Um die Felder überhaupt bewässern zu können, pumpten die Bauern immer mehr Grundwasser hoch. Über 200 000 Bewässerungspumpen gab es nach Schätzungen 2010 in dem Land, die Hälfte davon ohne Genehmigung, aber von der Regierung Assad toleriert. In den stark überpumpten Gebieten, etwa bei Hama, ist der Grundwasserspiegel in den letzten Jahrzehnten von 50 auf 100 Metern Tiefe gefallen. Quellen trockneten aus, Flüsse führen kaum Wasser. Doch die Regierung half weder den verarmten Bauern noch den Flüchtlingen. Die Konflikte eskalierten.

Gewaltsame Auseinandersetzungen um Wasser

Syrien ist kein Einzelfall. Laut einer Bilanz der Umweltstiftung WWF aus dem vorigen Jahr kam es allein seit 2000 im Streit um die Wassernutzung weltweit zu mehr als 50 gewaltsamen Auseinandersetzungen – in Ländern wie Sudan, Indien oder Bolivien. Für Soziologe Harald Welzer (Buchtitel:„Klimakriege“) ist die Problemlage klar: Klimabedingte Umweltveränderungen, darunter Wasserknappheit und Überflutungen, würden „in Zukunft noch viel häufiger weltweit zu erbitterten Gewaltkonflikten führen“.

Welzer sieht einen zukünftigen Kampf um Wasser – und damit Nahrung – voraus: „Anbauflächen werden durch Desertifikation oder Überschwemmungen verschwinden.“ In Afrika wüteten bereits Klimakriege, die allerdings von den Medien anders gedeutet wurden. Vor einer solchen Zuspitzung hatte auch der frühere Chef des UN-Umweltprogramms Unep, Klaus Töpfer (CDU), schon vor über einem Jahrzehnt gewarnt. Er meinte, „dass wir einer Periode von Kriegen um Wasser entgegengehen“.

Laut einem UN-Report, der vor ein paar Jahren erschien, könnte es so kommen. Bis 2050 werden danach selbst „im besten Fall“ zwei (der dann neun oder zehn) Milliarden Menschen in 48 Ländern der Erde unter Wasserknappheit leiden – vor allem in Afrika, im Nahen Osten und in Südasien. Doch die Zahl könnte auch noch deutlich höher liegen. Die Weltbank erwartet, dass es besonders in Afrika und im Nahen Osten durch den Klimawandel zu extremeren Dürreperioden kommt. Bis 2050 werde der Wasserabfluss hier um zehn Prozent sinken, die Wasser-Nachfrage aber um 60 Prozent steigen, vermuten ihre Experten.

Wasserspiegel sinken dramatisch

Vor allem die Übernutzung des Grundwassers und die ineffiziente Nutzung der verfügbaren Reserven macht den Experten im Blick auf die Nahrungsmittelsicherheit Sorge. Die Menge des angezapften Grundwassers hat sich in den vergangenen 50 Jahren verdreifacht, wodurch die Wasserspiegel dramatisch sinken – nicht nur in Entwicklungsländern wie Syrien, sondern auch in wichtigen Anbauregionen etwa in den USA und China. Hinzu kommt, dass das Wasser in der Landwirtschaft, die weltweit rund 70 Prozent des verfügbaren Süßwasser-Angebots verbraucht, oft nicht nachhaltig eingesetzt wird. Rund ein Fünftel der künstlich bewässerten Agrarflächen weltweit sind von Versalzung betroffen, auf einem Zehntel ist der Salzgehalt bereits so hoch, dass die Erträge zurückgehen.

Nicht alle Experten sehen die Gefahren so dramatisch wie Töpfer und Welzer. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München meint, die „Vertreter solcher apokalytpischer Szenarien“ ignorierten die Möglichkeit, dass „technischer und organisatorischer Fortschritt zukünftig Chancen eröffnen kann, die aus der Wasserverknappung resultierenden Probleme zu lösen oder zumindest abzumildern“. Tatsächlich gibt es eine Ansätze, die Wasserkrise zu entschärfen: etwa die solare Meerwasser-Entsalzung, bessere Bewässerungsmethoden, Wasser-Spartechnologien. Töpfer und Welzer hätten sicher nichts dagegen, wenn sie sich durchsetzten. Ganz im Gegenteil.

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