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Die Dashcam zeichnet das Verkehrsgeschehen auf. Vor Gericht haben die Videos unter bestimmten Bedingungen Beweiskraft.

Unfälle

Wenn das Auto „aussagt“

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Moderne Fahrzeuge sind rollende Datenspeicher. Gerichten und Versicherungen können sie nach Unfällen wichtige Angaben liefern. Doch es bedarf dringend verbindlicher Zugriffsregeln.

Den tödlichen Unfall bei einem illegalen Autorennen auf dem Berliner Kurfürstendamm im Februar 2016 hätte man ohne das Auslesen des Datenspeichers im Fahrzeug nicht aufklären können. Dessen sind sich Joachim Müller als Chef der Allianz Versicherungs AG und andere Experten einig. Die Justiz sorgte damals praktisch dafür, dass das eigene Auto gegen den Unfallverursacher aussagt. Denn moderne Fahrzeuge sind rollende Datenspeicher. Was sie alles aufzeichnen, wissen deren Lenker meist nicht. Selbst Allianz-Experten müssen im Detail passen, weil es von Hersteller zu Hersteller und Modell zu Modell unterschiedlich oder von der aufgespielten Softwaregeneration abhängig ist. „Was weiß das Auto?“, fragt sich deshalb nicht nur Müller immer wieder.

Von den in den meisten Neuwagen verbauten Ereignisdatenspeichern werden in der Regel Geschwindigkeit und Bremsverhalten aufgezeichnet oder ob ein Blinker gesetzt wurde und der Fahrer angeschnallt war, manchmal auch die Stellung des Gaspedals. Sensoren – falls vorhanden – können messen, ob die Hand am Lenkrad war. Kameras, wie sie bei modernen Autos mit Fahrassistenzsystemen üblich sind, können einen ganzen Unfallhergang aufzeichnen. Innenraumaufnahmen zeigen, ob die Augen eines Fahrer offen waren oder ob er zum Zeitpunkt des Crashs schlief.

Aber Standards dafür, was aufgezeichnet werden und wie lange es gespeichert bleiben muss, gibt es noch nicht, jedenfalls nicht in der Europäischen Union (EU). In den USA existieren solche Vorschriften für die Aufzeichnung von Fahrzeugdaten seit 2006. Auch die EU arbeitet mittlerweile daran.

„Wichtig ist, dass aufgeklärt werden kann, ob Mensch oder Maschine die Schuld trägt“, sagt Klaus-Peter Röhler mit Blick in eine Zukunft, die teilweise schon begonnen hat. Er ist Vorstandschef der Allianz Deutschland, die bundesweit 8,6 Millionen Autos versichert hat. Schon heute ist es zur Klärung der Schuldfrage wichtig zu wissen, ob ein Assistenzsystem im Wagen aktiv war, als es gekracht hat.

Zunehmende Automatisierung der Autos

Mit zunehmender Automatisierung der Fahrzeuge wird das nicht nur vor Gericht sondern auch für die Assekuranz für die Schadensregulierung noch entscheidender. Knifflig ist die Frage, wann welche Daten offengelegt werden müssen. Wenn Staatsanwälte heute bei schweren Unfällen mit Toten das Auslesen von Datenspeichern anordnen, ist die Sache klar. Was aber ist bei den anderen 3,6 Millionen Haftpflicht- und 1,7 Millionen Kaskoschäden, die deutsche Autoversicherer heute jährlich regulieren?

„Unfallsachverständige sind derzeit für die Datenauswertung auf die Kooperation der Hersteller angewiesen“, stellt Müller klar. Nur einzelne Autobauer wie Toyota lassen das Auslesen von Daten für Dritte ohne größere Komplikationen zu. Das ist aber nur die technische Seite. Was ist, wenn ein Autofahrer den Zugriff auf die im Auto gespeicherten Daten verweigert? Und darf er das überhaupt?

Die Allianz präsentiert Lösungsvorschläge, die nach Sachschäden einerseits und Personenschäden sowie Straftaten andererseits differenzieren. Wurde bei einem Unfall ein Mensch getötet oder verletzt, soll künftig standardmäßig der Datenspeicher im Auto ausgelesen werden. „Bei einem reinen Sachschaden sollte sich kein Beteiligter durch seine Daten aus dem Fahrzeug selbst belasten müssen“, sagt Müller. Zudem brauche es einen verpflichtenden Standard dafür, welche Daten ein Auto auf alle Fälle speichern muss.

Die Hoheit über die Daten will die Allianz nicht Versicherern oder anderen beteiligten Parteien übertragen, sondern einem Treuhänder. Das könnten technische Prüfgesellschaften wie TÜV und Dekra oder auch das Kraftfahrtbundesamt sein.

Die Sichtweise des Versicherers deckt sich mit der jüngsten Rechtsprechung. So hat der Bundesgerichtshof eine Verwendung von Videos einer im Auto installierten Dashcam als zulässig erklärt, wenn das Interesse eines Geschädigten das allgemeine Persönlichkeitsrecht seines Unfallgegners überwiegt. Ähnlich argumentiert der Deutsche Verkehrsgerichtstag, wenn er Zugriff auf Kfz-Datenspeicher verlangt.

Ohne regulierte Zugriffsrechte werde die Unfallaufklärung immer schwerer bis unmöglich, warnt die Allianz. Durch moderne Assistenzsysteme gebe es immer weniger Bremsstreifen oder andere Spuren an einem Unfallort. Bei einem Blick in die Fahrzeugdaten ist dagegen oft schnell alles klar. Es reiche, die Fahrzeugdaten einige Sekunden vor und nach einem Unfall auszulesen, sagen Allianz-Experten. Längere Bewegungsprofile brauche man nicht.

Bei der EU ist die Normendiskussion noch im Gange. Bislang gehe es in die Richtung der eigenen Vorschläge, heißt es bei der Allianz.

Kfz-Policen

Moderne Automobiltechnik verändert nicht nur das Wesen der Unfallaufklärung sondern auch das der Tarifierung von Kfz-Policen. „Wir werden künftig mehr die Fähigkeiten des Autos in den Tarifen berücksichtigen als die Fahrkünste der Fahrzeuglenker“, sagt Allianz-Manager Klaus-Peter Röhler. Schon heute reduzieren installierte Notbremssysteme die Zahl von Auffahrunfällen um die Hälfte. Ähnliches gilt für Parkunfälle. Anders herum heißt das, dass Policen für Wagen ohne Parkassistent steigen.

Ums Geschäft geht es auch bei einer anderen Idee der Assekuranz. Das ist ein Schadensassistent, der künftig serienmäßig in Autos verbaut werden soll. Dieser könnte Schäden dann automatisch der Versicherung melden, einen Abschleppwagen bestellen, benötigte Ersatzteile ordern sowie einen Termin in der Werkstatt buchen. Damit hätten Kraftfahrzeug-Versicherer das gesamte Schadensmanagement über Partnerbetriebe kostensenkend unter ihrer eigenen Kontrolle.

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