Chrysler in Gewerkschaftshand

Wenn Alpträume wahr werden

Die US-Autogewerkschaft UAW könnte Mehrheitsaktionär beim insolventen Autobauer Chrysler werden. Von Dietmar Ostermann

Von DIETMAR OSTERMANN

Es klingt wie ein Märchen aus den kühnsten Träumen eines August Bebel oder - die Sache spielt in Amerika - Walter Reuther: Pünktlich zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, könnte die US-Autogewerkschaft UAW Mehrheitsaktionär bei Chrysler werden. 55 Prozent der Anteile an dem angeschlagenen Konzern soll die Gewerkschaft laut Rettungsplan übernehmen. Bei General Motors könnten die United Auto Workers mit 39 Prozent einsteigen.

Arbeiter als Aktionäre, ausgerechnet im Mutterland des Kapitalismus? Mit der Erfüllung alter Gewerkschaftsträume hat das nichts zu tun. Für UAW-Chef Ron Gettelfinger ist der Deal eher ein Alptraum. "Dies ist die schwierigste Situation in der Geschichte unserer Gewerkschaft", schrieb Gettelfinger am Montag an die Mitglieder. Der UAW-Boss bat die rund 25.000 Gewerkschafter bei Chrysler, der Vereinbarung in einer bis Mittwoch 22 Uhr laufenden Urabstimmung zuzustimmen.

Den Arbeitnehmern blieb kaum eine Wahl: Fällt der Deal durch, droht Chrysler - und den Beschäftigten - das Aus. Denn die Regierung von US-Präsident Barack Obama hat dem de facto längst zahlungsunfähigen Autobauer ein Ultimatum bis Ende April gestellt. Bis dahin muss Chrysler eine Allianz mit dem italienischen Fiat-Konzern schmieden, Gläubigern Zugeständnisse abringen und einen Rettungsplan vorlegen, der Aussicht auf eine rentable Zukunft bietet. Nur dann will Washington frische, dringend benötigte Staatshilfen gewähren.

In dieser Notlage hat die Gewerkschaft neue Zugeständnisse gemacht. Löhne werden eingefroren, Feiertage fallen weg, die Vergütung von Überstunden wird zusammengestrichen. Chrysler darf mehr Arbeiter mit Niedriglöhnen beschäftigen. Vor allem aber werden vertraglich zugesicherte Zahlungen des Unternehmens an die Gesundheitskasse für Pensionäre radikal gekürzt - und damit deren Leistungen beim Krankenschutz.

10,6 Milliarden US-Dollar hätte Chrysler in den gewerkschaftseigenen Trust einzahlen müssen. Jetzt sollen es nur 4,6 Milliarden sein, gestreckt auf 15 Jahre. Die übrigen sechs Milliarden Dollar sollen mit Anteilen am Unternehmen vergütet werden.

Zum Mehrheitseigner würde die UAW laut diesem Deal, weil die Gewerkschaft über die Gesundheitskasse längst der größte Gläubiger von Chrysler ist. Banken und Hedgefonds haben dem Konzern "nur" 6,9 Milliarden Dollar geliehen, die US-Regierung vier Milliarden. Auch bei der Opel-Mutter GM soll die Gewerkschaft für Zugeständnisse Anteile erhalten.

Froh aber ist bei den United Auto Workers niemand über die neue Doppelrolle als Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung. Eher markiert der Deal einen neuen Tiefpunkt für die einst stolze Vorhut der US-Arbeiterbewegung. Unter ihrem legendären Vorsitzenden Walter Reuther hatte die UAW in den 50er und 60er Jahren vorbildliche Sozialstandards erkämpft und die amerikanische Mittelklasse begründet.

Doch seit dem Niedergang der "Big Three", der großen Autokonzerne in Detroit, geht es auch mit der Gewerkschaft bergab. Ende 2007 hatte die UAW erstmals seit 1941 weniger als eine halbe Million Mitglieder. 1979 waren es noch 1,5 Millionen gewesen. "Dies ist die Mondfinsternis für die United Auto Workers", kommentierte der Gewerkschaftsexperte Gary Chaison den Chrysler-Deal: "Ich fürchte, sie werden nur noch ein Schatten von dem sein, was sie waren."

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