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Wie weniger mehr wird

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Frauen werden beim Lohn benachteiligt. Doch das lässt sich ändern. Die Gastwirtschaft.

Von Anna-Lena Hodenberg

Eine erfahrene Personalchefin hat mir neulich erzählt, dass sie in Mitarbeitergesprächen ständig typisches Frauen- und Männerverhalten beobachte. Ein Beispiel: das Ende der Probezeit. Viele Frauen wären da dankbar, dass sie überhaupt übernommen würden. Ein Großteil der Männer hingegen würde noch im Gespräch direkt die Gehaltserhöhung aushandeln.

Das hat System: Frauen sind bei Gehaltsverhandlungen eher zurückhaltend. Doch auch wenn Frauen genauso oft nach einer Lohnerhöhung fragen, wird ihre Forderung öfter abgelehnt, zeigt eine britisch-amerikanische Studie. Neue Zahlen machen das unangenehm deutlich: In Großbritannien halten Großbanken, Medienunternehmen und Ryanair den Rekord in ungleicher Bezahlung. Bei der Fluglinie sind es sogar 72 Prozent Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern. Zutage kamen diese Zahlen erst, als die britische Regierung sie von Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern im April einforderte. In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt sechs Prozent weniger, obwohl sie die gleiche Arbeit machen wie Männer.

Während Frankreich solche Gehaltsunterschiede jetzt bestrafen will, wissen viele Frauen hier noch nicht einmal, dass es sie gibt. Seit Januar gilt aber zumindest für Betriebe mit über 200 Beschäftigten mit dem Entgelt-Transparenz-Gesetz ein beschränktes Auskunftsrecht.

Vermute ich also, dass ich weniger verdiene als meine Kollegen, kann ich mich jetzt an die Personalabteilung oder den Betriebsrat wenden. Wenn es eine Gruppe von mindestens sechs männlichen Kollegen mit gleichem Aufgabenbereich gibt, kann ich den Gehaltsmittelwert erfragen. Bekommen die mehr, was dann? Leider gibt es keine gesetzliche Pflicht zur innerbetrieblichen Gleichbehandlung. Ich muss also selbst mit Chef oder Chefin eine Anpassung aushandeln. Das fordert Mut, aber mit Hilfe von Profis kann es sich lohnen.

Es gibt viele Initiativen, die Verhandlungsgeschick für solche Situationen vermitteln – vom Betriebsrat, über Gewerkschaften, bis hin zu Vereinen, Branchen- und Berufsverbänden. Wem das zu heiß ist, die sollte zumindest dafür sorgen, dass die Lohnungleichheiten im Betrieb über den Flurfunk bekannt werden. Denn nur dann werden sich Frauen finden, die sich im Unternehmen organisieren, Initiativen gründen oder Petitionen starten, um diese Ungerechtigkeit zu beenden.

Die Autorin ist Campaignerin bei Campact.

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