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Der Fleisch- und Milchkonsum muss reduziert werden.

Klima retten

„Weniger ist mehr“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Agrarexpertin Susanne Neubert über den Konkurrenzdruck in der Landwirtschaft und die Lehren, die wir aus Corona ziehen können.

Wir Verbraucher müssen künftig mehr für Lebensmittel ausgeben, sagt Agrarforscherin Susanne Neubert. Sonst bleiben wir die Komplizen der Argarlobby.

Frau Neubert, die Corona-Krise hat die Lebensmittelpreise steigen lassen, gerade bei Gemüse und Obst. Ein Zeichen dafür, wie fragil unsere Lebensmittelversorgung ist?

Wir haben den Anspruch, dass es alle Lebensmittel zu jeder Zeit gibt, entkoppelt von Saison und Region. Dieses System ist in der Tat fragil, wie sich besonders in dieser Krise zeigt. Die steigenden Nahrungsmittelpreise signalisieren unter anderem, dass dahinter arbeitende Menschen stehen, die bisher unterbezahlt werden. Die Arbeit auf den Feldern ist hart und muss angemessen entlohnt werden. Endlich sehen wir, wie gut die osteuropäischen Arbeiter bei uns schuften.

Bei ordentlicher Bezahlung würden die Nahrungsmittel teurer…

Die Nahrungsmittelpreise sind bei uns sehr niedrig. Wir geben durchschnittlich nur 14 Prozent unserer Einkommen für Essen aus. Das ist ein Problem. Denn wären Lebensmittel teurer, würden wir vermutlich auch nicht so viel Essen wegwerfen, sondern es eher wertschätzen. Wir würden uns automatisch gesünder ernähren, wir äßen weniger Fleisch, und Mineralwasser wäre günstiger als zuckerhaltige Getränke. Zudem könnten Landwirte für Ökosystemleistungen bezahlt werden, wenn sie zum Beispiel auf Pestizide verzichten. Das wäre doch ein Nutzen für alle.

Müssen wir uns also auf ein höheres Preisniveau einstellen?

Susanne Neubert ist Agrarökonomin und Ökologin.

Die aktuellen Preiserhöhungen werden sicherlich wieder zurückgehen, denn die Landwirte produzieren heute unter einem gnadenlosen Konkurrenzkampf. Aber: Gesund ist das nicht.

Reis zum Beispiel ist derzeit knapp auf den Weltmärkten, weil wichtige Exporteure wie China und Vietnam einen Exportstopp verhängt haben. Müssen wir die Nahrungsmittelketten regionalisieren?

Sich von Nahrungsmittel-Importen abhängig zu machen, ist immer schlecht. Allerdings ist grundsätzlich nichts dagegen zu sagen, wenn Länder des Südens Lebensmittel exportieren. Verarbeitete Waren könnten den Anbauländern allerdings deutlich mehr Einkommen sichern als Rohprodukte. Dafür brauchen wir ein faires Lieferkettengesetz, wie zuletzt von der Bundesregierung geplant, aber wegen der Corona-Krise wieder gestoppt.

Zur Person

Susanne Neubert ist promovierte Agrarökonomin und Ökologin und derzeit Senior-Wissenschaftlerin beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU).

In einer Interview-Serie beleuchtet die FR, wie der Neustart der Wirtschaft nach der Corona-Krise genutzt werden kann, um Klima- und Umweltschutz den überfälligen Push zu
geben.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fordert seit langem eine Halbierung des Fleischverbrauchs, um Übergewicht und Kreislaufkrankheiten zu reduzieren. Das würde auch die Klimagasemissionen reduzieren. Wie stehen die Chancen dafür?

Der Fleischverzehr muss sehr stark runter, ganz klar. Die Landwirtschaft der Zukunft kann nur rund 50 Prozent der bisherigen Mengen an Fleisch und Milchprodukten nachhaltig produzieren. Unsere übermäßige „Fleischlust“ geht auf Kosten des Regenwaldes in Amazonien, von wo Soja als Futtermittel kommt. Weniger Fleisch und Milchprodukte zu konsumieren, ist eine Mehrgewinnstrategie. Wir leben gesünder, und Tier-, Umwelt- und Klimaschutz profitieren, weil wir unsere Tiere dann wieder auf die Weide stellen können. Wir sollten das jetzt tun. Und ja, die Chancen dafür sind gewachsen.

Wie kann man das sicherstellen?

Wir brauchen eine an die Fläche gebundene Tierhaltung. Als ich vor in den 1980er Jahren Agrarwissenschaften studiert habe, da wusste jeder: Maximal 1,0 Großvieh-Einheiten pro Hektar sind richtig, damit die anfallenden Exkremente die Aufnahmekapazität des Bodens nicht überfordern. In die Nähe dieser Zahl müssen wir zurück. Heute haben Landwirte heute das Problem, wie sie Gülle loswerden. Doch ist Tierdung eigentlich eine wertvolle Ressource und kein Abfall.

Und warum wird der Unsinn fortgeführt?

Die Landwirte verhalten sich so, weil sie unter einem enormen Kostendruck und in einem Überlebenskampf stehen. Sie befinden sich in einer Spirale, scheinbar ohne Ausweg. Der Konsument hat sich daran gewöhnt, sehr wenig für Lebensmittel zu bezahlen und macht sich damit zum Komplizen der Agrarlobby. Die Bauern schauen weg, sie leugnen etwa, dass sie das Insekten- und Vogelsterben verantworten, obwohl sie wissen, dass es stimmt. Wie traurig ist das eigentlich?

Wie ginge es anders?

Wir sollten gemeinsam mit den Landwirten über eine verträgliche Flächennutzung entscheiden und dann die dabei erbrachten Ökosystemleistungen, wie sauberes Grundwasser und Artenvielfalt, belohnen. Das können wir erreichen, indem wir es in die anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) hineinschreiben. Zudem brauchen wir eine Lenkungsabgabe für Pestizide, wie es die Dänen vormachen und damit bereits 44 Prozent dieser Chemikalien eingespart haben. Viele Bauern wollen doch eigentlich mit der Natur in Einklang leben.

Interview: Joachim Wille

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