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Die Füllmenge sank von 170 auf 100 Gramm.

Mogelpackung des Jahres

Weniger Inhalt, gleicher Preis

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Rund 20.000 Menschen wählen Chipsletten zur „Mogelpackung des Jahres“. Verbraucherschützer fordern von der Politik, gegen versteckte Teuerungen vorzugehen.

Für Fans der Lorenz Bahlsen-Marke Chipsletten gab es im vergangenen Jahr schlechte Nachrichten: Das Unternehmen beschloss, in die knallbunten Chipsletten-Packungen statt zuvor 170 künftig nur noch 100 Gramm Chips einzufüllen. Der Preis dagegen blieb gleich: 1,59 Euro pro Packung. Eine saftige Preiserhöhung von 70 Prozent. Allerdings: Die Kunden erfuhren davon nichts. Denn die Chipsletten-Packungen sahen nach der Umstellung fast genauso aus wie davor. Auch die Größe blieb nahezu gleich. Wer nicht nachzählte oder den Gewichtsverlust erkannte, bemerkte die versteckte Preiserhöhung nicht.

Mit dieser dreisten Kundentäuschung schafften es die Chipsletten auf Platz eins der „Mogelpackung des Jahres 2018“. Bei einer Online-Umfrage der Verbraucherzentrale Hamburg stimmte mehr als die Hälfte der fast 40 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den Snack von Lorenz Bahlsen. „Noch nie war das Votum der Verbraucher so klar wie bei dieser Wahl“, berichtet Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Ein Denkzettel, den Hersteller Lorenz Bahlsen völlig zu Recht bekommen habe. Der versteckte Preisanstieg bei den Chipsletten sei besonders krass, dreist umgesetzt und nicht der erste dieser Art. Auch bei anderen Marken hatte das Unternehmen in den vergangenen Jahren durch geringere Füllmengen versteckt die Preise erhöht.

Auf den Plätzen zwei und drei landeten die Truthahnsalami Light 1A der Lidl-Eigenmarke Dulano und der Mini-Babybel von Bel. Doch Chipsletten, Salami und Babybel sind nur drei von vielen Mogelpackungen, die im Jahr 2018 bei der Verbraucherzentrale gemeldet wurden. Insgesamt beschwerten sich 2000 Menschen – mehr als in den vergangenen Jahren. Besonders ärgerten sich die Konsumenten in diesem Jahr nicht nur über die steigenden Preise, sondern auch über den zusätzlichen Müll, der durch die überdimensionierten Packungen anfällt.

Ein krasses Beispiel von Materialverschwendung hat die Verbraucherzentrale durch Röntgenbilder sichtbar gemacht: Bei den Kaffekapseln Bellarom Azzurro Lungo von Lidl verlieren sich 52 Gramm Kaffee in einer Verpackung, die in ihrer Größe einem normalen 500-Gramm-Kaffeepaket entspricht. Die Verbraucher bekämen in solchen Fällen für ihr Geld also weniger Inhalt, aber mehr Müll, heißt es bei der Verbraucherzentrale.

Seit 2013 vergeben die Hamburger Verbraucherschützer den Negativpreis „Mogelpackung des Jahres“, um versteckte Preiserhöhungen aufzudecken. Viel mehr können sie jedoch nicht tun, denn rein rechtlich haben sie gegen die „Mogelpackung“-Praxis von Herstellern und Handel wenig in der Hand. Während die Produzenten die Füllmenge reduzierten, legten die Händler laut Kartellrecht die Preise fest. „Am Ende waschen beide ihre Hände in Unschuld, und der Verbraucher zahlt die Zeche“, ärgert sich Valet. Zwar gebe es eine Verordnung, nach der in einer Packung nicht mehr als 30 Prozent Luft enthalten sein dürften. „Aber das ist eine 40 Jahre alte Verwaltungsregelung, die vor EU-Recht keinen Bestand mehr hat“, klagt Valet. „Uns wurde von Experten immer wieder abgeraten, in solchen Fällen gegen die Hersteller vor Gericht zu ziehen.“

Die Politik müsse endlich handeln, um die Situation für Verbraucher zu verbessern und die „Müllflut“ zu stoppen. „Seit Jahren tut sich nichts.“ Valet fordert als konkrete Maßnahme etwa eine Online-Plattform, auf der veränderte Füllmengen für Konsumenten vorab verpflichtend veröffentlicht werden müssen.

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