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Der alte und der neue Chef: Martin Blessing (li.) und Martin Zielke (Mitte).
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Der alte und der neue Chef: Martin Blessing (li.) und Martin Zielke (Mitte).

Commerzbank

Ein wenig Langeweile nach turbulenten Jahren

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Martin Zielke wird löst Martin Blessing an der Spitze der Commerzbank ab. Auch wenn das zweitgrößte deutsche Geldhaus das Allerschlimmste hinter sich zu haben scheint, warten schwierige Aufgaben auf den neuen Chef.

Das waren noch Zeiten, als in den Zeitungsredaktionen tagsüber wie nach Feierabend ordentlich Alkoholika konsumiert wurden. Auch Martin Zielke erinnert sich daran. Als Jugendlicher arbeitete der künftige Commerzbank-Chef, der am Sonntag die Konzernführung übernimmt, als eine Art Hausmeister für eine Zeitung in Nordhessen – und reihte Abends aus Spaß einmal alle Alkoholflaschen auf, die er in den Redaktionsräumen finden konnte. „Das waren echt viele“, erzählte Zielke einmal schmunzelnd.

Heute würde der 53-Jährige da in kaum einer Redaktion mehr fündig werden. Wein ist Wasser gewichen. Das ist in seiner Branche allerdings kaum anders. Die Partystimmung, die jahrelang in den Geldhäusern geherrscht hat, ist in der Finanzkrise verflogen. Gerade die Commerzbank ist durch ein tiefes Tal gegangen und konnte 2009 nur mit Staatshilfen von 18,2 Milliarden Euro gerettet werden.

Was die Hausmeister-Geschichte aber vor allem zeigen soll ist: Der im hessischen Hofgeismar geborene Zielke, der seit November 2010 das Privatkundengeschäft der Commerzbank leitet, kann durchaus lustig sein. Als Anfang März bekannt wurde, dass er den bisherigen Commerzbank-Chef Martin Blessing beerben wird, wurden in Medien als Schwächen des Neuen vor allem sein vermeintlich fehlendes Charisma und seine etwas hölzerne Art hervorgehoben. „Es ist bestimmt so, dass es auf Großveranstaltungen mitreißendere Redner gibt“, sagt dazu ein Mitarbeiter, der ihn gut kennt. „Aber in kleinen Runden ist er wirklich gut – er erklärt super, hört aber auch zu und erzählt durchaus mal lustige Anekdoten.“

Mit einem Blick für Details

Und was viele Commerzbank-Beobachter womöglich auch vergessen haben: Auch der noch amtierende Chef Martin Blessing, der heute wegen seiner flapsigen Art, seiner Scharfzüngigkeit und seiner oft provokanten Thesen ein gern gesehener Gast auf Podiumsdiskussionen ist, war nicht immer so. In den schwärzesten Zeiten seiner Bank stand er auf den Hauptversammlungen teils schweißgebadet vor seinen Aktionären und wirkte – auch auf Pressekonferenzen – hochgradig angespannt und verkrampft.

Solche Auftritte werden Zielke hoffentlich erspart bleiben. Denn auch wenn die Commerzbank noch viele große Baustellen hat – das Allerschlimmste scheint die nach Bilanzsumme zweitgrößte deutsche Bank hinter sich zu haben. Erstmals seit fünf Jahren schrieb die Bank 2015 wieder einen Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro, erstmals seit 2007 zahlte sie ihren gebeutelten Aktionären wieder eine Dividende, wenn auch nur von 20 Cent je Aktie. Gleichwohl ist klar: Das reicht nicht. Der Trend mag stimmen; aber eine Milliarde Euro Gewinn ist den Aktionären für eine Bank dieser Größe und Bedeutung viel zu wenig, die gezahlte Dividende eher ein symbolischer Akt. Die Eigenkapitalrendite auf das Konzernergebnis liegt bei nur 3,8 Prozent; um einen Euro zu verdienen, muss die Bank derzeit noch mehr als 73 Cent aufwenden. Von Zielke wird erwartet, dass er die Erträge deutlich steigert und die Kosten senkt. Es liegen also große Aufgaben vor ihm.

Allerdings hat der Vater zweier erwachsener Töchter bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass es ihn nicht schreckt, auf einer Baustelle zu arbeiten. Als er die Leitung des Privatkundengeschäfts der Commerzbank übernahm, war diese das große Sorgenkind des gerade mit der Dresdner Bank fusionierten Instituts. Das Filialgeschäft war defizitär, die Mitarbeiter fühlten sich durch strenge Vertriebsvorgaben – die allein auf den Verkauf und weniger auf den Kundenbedarf ausgerichtet waren – gegängelt, die Sorgen um fusionsbedingte Filialschließungen und Jobkürzungen drosselten die Motivation weiter.

Zielke krempelte die Organisation um. Der Vertriebsdruck wurde von den einzelnen Mitarbeitern genommen, Ziele stärker am Kundenbedarf ausgerichtet, der Werbeetat hochgefahren – heute hat die Bank auch deswegen fast zwölf Millionen Privatkunden und gewinnt täglich neue dazu –, und die Digitalisierung vorangetrieben. Unter Zielke wurde mehr als eine Milliarde Euro in die Privatkundensparte investiert, gleichzeitig wurden aber auch etwa 550 Filialen geschlossen, mehr als 2000 Mitarbeiter in dem Segment abgebaut und Kosten radikal gesenkt. 2015 verdiente die Bank operativ 751 Millionen Euro im Privatkundengeschäft und damit mehr als erwartet – 2010 hatte das Institut noch 47 Millionen Euro in dem Segment eingefahren.

Dass der Commerzbank-Vorstand, wie noch vor wenigen Jahren geschehen, über eine komplette Schließung des Privatkundengeschäfts debattieren könnte, erscheint heute undenkbar. Und die Stimmen, die Zielkes Berufung in den Vorstand 2010 unter anderem deswegen kritisiert hatten, da Blessing damit erneut einen langjährigen engen Vertrauten förderte – Mitarbeiter ätzten damals, sie fühlten sich bei der Commerzbank wie bei „family & friends“ – sind längst verstummt.

Zielke zeichnet noch etwas für die Führungsposition aus: Der studierte Betriebswirt, der seit 2002 für den Commerzbank-Konzern arbeitet und zuvor bei der Dresdner Bank, der Deutschen Bank 24 und der Deutschen Hyp war, bringt Erfahrung aus diversen Geschäftsbereichen mit. So war er neben dem Privatkundengeschäft auch schon im Firmenkundensegment, der Vermögensanlage und lange im Bereich Finanzen tätig. Auch deswegen gilt er als sehr analytisch denkender Mann der Zahlen. „Überhaupt ist er sehr in Details drin – man kann ihm nichts vormachen“, sagt eine Führungskraft aus einer Filiale.

Er passt in die Ahnengalerie

Er interessiere sich auch für Dinge, die Mitarbeitern oft zu banal für einen Vorstand erschienen. Etwa: Wo stellt man ein Werbeplakat in einer Filiale hin? „Da hat er nach einer Sitzung, in der das Thema zur Sprache kam, sogar den zuständigen Mitarbeiter nochmal angerufen und ihm seine Meinung dazu gesagt“, sagt die Führungskraft. „Er bleibt dran an den Themen und lässt nicht lo-cker. Aber das heißt nicht, dass die Mitarbeiter von ihm total kontrolliert werden und wir keinen Spielraum bekommen. Er gibt aber eine klare Linie vor.“ Und bleibe nahbar für die Mitarbeiter. „Wenn er eine Filiale besucht, dann kann das schon mal dauern. Er bleibt dann bei fast jedem Mit-arbeiter stehen und erkundigt sich über dies und das“, berichtet die Führungskraft. Und wenn ihm mal etwas nicht passt? „Dann wird er nicht laut, sondern eher sehr leise – und sehr klar“, sagt ein anderer Mitarbeiter.

Die Eugen-Gutmann-Gesellschaft, die historische Gesellschaft der Commerzbank, hat kürzlich ein Buch mit Porträts der Vorstandssprecher der Commerzbank von 1870 bis 2009 herausgegeben. Der Titel: „Ein gediegener & solider Mann“. „Wenn das die Kriterien für die Commerzbank-Chefs sind, dann passt Martin Zielke da doch wunderbar in die Reihe“, sagt jemand, der den neuen Bankchef kennt. Allerdings fügt er etwas ätzend hinzu: „Es scheint inzwischen in der Branche wieder ‚in’ zu sein, etwas langweilige Bankchefs zu küren.“

Ein bisschen Langeweile dürfte vielen Banken nach turbulenten Jahren allerdings nicht schaden. Und ob Zielke wirklich so spröde ist, wie viele glauben, oder nicht einfach unterschätzt wird, wird sich noch herausstellen müssen.

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