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Besser nicht hingucken: Keine rosigen Aussichten gab es am Montag an der Wall Street.

Finanzmärkte

Weltweit beben die Börsen

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Der Dax verzeichnet zwischenzeitlich den größten Tagesverlust seit der Finanzkrise 2008.

Jetzt muss man endgültig von einem Crash sprechen, nachdem der Markt seit dem Hoch Mitte Februar mehr als 20 Prozent verloren hat“: Oliver Roth, Börsenchef des Bankhauses Oddo Seydler und einer der erfahrensten Händler an der Frankfurter Börse, hat Tage wie den vergangenen Montag selten erlebt. Zum Börsenauftakt sackt der Deutsche Aktienindex Dax um mehr als sieben Prozent und mehr als 900 Punkte im Vergleich zum Freitag auf 10 572 Punkte ab – der tiefste Stand seit Ende 2018. Vorbörslich hatte sich ein noch größerer Einbruch angedeutet.

Am Nachmittag verstärkt sich das Minus nach dem Handelsbeginn an der Wall Street in New York: Dort rutscht der US-Leitindex Dow Jones zunächst um über sieben Prozent auf zeitweise weniger als 23 000 Punkte ab, sodass der Handel kurzzeitig unterbrochen wird. Danach verringert sich das Minus etwas.

Im Dax ist es am Montag zwischenzeitlich der größte Tagesverlust seit der Finanzkrise 2008. Das Minus schwankt im Tagesverlauf zwischen weniger als sechs und mehr als acht Prozent. In den USA brechen der wichtige S&P 500 und die Kurse an der Technologiebörse Nasdaq ebenfalls um rund sechs Prozent ein.

Auslöser für den Einbruch an den Weltbörsen war die Sorge vor einer weltweiten Rezession durch die Folgen der Coronavirus-Epidemie. Verstärkt wurde die Entwicklung durch den mit 30 Prozent größten Preisverfall beim Ölpreis seit 1981, weil sich Russland und Saudi-Arabien nicht über eine Drosselung der Fördermenge einigen können.

Nervosität an der Börse

Besonders hart trifft es am Montag in Frankfurt die Aktie der Deutschen Bank. Sie verliert zeitweise rund 15 Prozent und stürzt auf ein neues Rekordtief von 5,70 Euro. Damit hat sich der Kurs in den vergangenen beiden Wochen nahezu halbiert. Anleger befürchten offensichtlich zunehmende Kreditausfälle. Zweistellig nach unten geht es auch mit der Aktie von Daimler. Rund neun Prozent sind es bei Volkswagen, BASF und Bayer. Beiersdorf und die Deutsche Börse kommt mit einem Minus von drei und rund vier Prozent vergleichsweise gut weg.

Seit seinem Rekordhoch am 20. Februar mit 13 796 Zählern hat der Dax jetzt rund 23 Prozent verloren. Die Gewinne des vergangenen Jahres haben sich komplett aufgelöst. „Ein Hauch von Lehman“ wehe über das Parkett, erinnerte mancher Händler am Montag an die Finanzkrise 2008. Die Nervosität sei so hoch wie damals. Gemessen wird das am Volatilitätsindex VDax. Er schnellte am Montag deutlich in die Höhe.

Verstärkt wird die Talfahrt an solchen Tagen durch computergesteuerte Verkaufsprogramme von Großanlegern. Werden bestimmte Indexschwellen nach unten durchbrochen, werden Aktien automatisch verkauft. Marktkennern zufolge trennen sich mittlerweile auch Privatanleger verstärkt von Aktien.

Am Morgen war es auch an den Börsen in Asien deutlich nach unten gegangen. Mit einer Ausnahme: Der Aktienmarkt in Schanghai büßte nur 1,2 Prozent ein. In Tokio dagegen waren es fünf, in Singapur knapp sechs und Hongkong gut vier Prozent. Ähnlich drastisch wie in Frankfurt ging es in Australien (minus 7,4 Prozent) sowie bis zum frühen Nachmittag in Paris und London mit sieben und 7,5 Prozent nach unten. Den stärksten Einbruch erlebte die Börse in Mailand mit einem Kursrutsch von zeitweise mehr als elf Prozent.

„Völlig übertrieben“

Nicht wenige Händler in Frankfurt schütteln allerdings den Kopf. „Alles, was gerade passiert, ist völlig übertrieben, in der Politik aber auch am Finanzmarkt“, sagt Oliver Roth. „Nicht das Coronavirus ist entscheidend, sondern die Reaktionen darauf.“ Dazu komme das Theater um den Ölpreis. All das seien Anzeichen für eine Rezession. Dies zeigte sich auch in der Rendite für die zehnjährige Bundesanleihe, die auf ein Rekordtief von 0,84 Prozent abrutschte.

„Gegenwärtig bestimmt die blanke Angst die Entwicklung an den Märkten. Die Kurse könnten daher weiter fallen“, warnt Esty Dwek von Natixis Investment. Der März bleibe an den Finanzmärkten schwierig. Auch Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen sprach am Montag von „panischen“ und „extremen“ Reaktionen auf neue Informationen zur Coronavirus-Epidemie und die wirtschaftlichen Folgen. Er sieht Übertreibungen nach unten. Anleger sollten die Nerven behalten und Panikverkäufe vermeiden. Wahrscheinlich sei, dass im Verlauf des Frühjahrs der Höhepunkt der Neuerkrankungen in Europa erreicht werde und es spätestens ab dem dritten Quartal mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehe. Für mittel- bis langfristig orientierte Anleger gebe es jetzt wieder Gelegenheit zum Aktienkauf. Stefan Scheurer von Allianz Global Investors erkennt Entspannungssignale in China, die sich in „ein paar“ Wochen auch hierzulande zeigen dürften.

Von den Notenbanken und der Politik erhofft man sich Unterstützung für die Konjunktur und die Unternehmen. Erste Signale werden am Donnerstag nach Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) erwartet. Präsidentin Christine Lagarde hatte vergangene Woche gesagt, falls nötig, werde die Notenbank „angemessene und zielgerichtete Maßnahmen“ ergreifen.

Aber wie konnte es überhaupt zu dem Börsencrash kommen? Das Coronavirus ist nur eine der Ursachen. Inzwischen zeichnen sich auch einige Folgen des Crashs ab.

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