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In Afrika leben mehr als die Hälfte aller Menschen, denen ein verlässlicher Trinkwasserzugang fehlt.

Unesco

2,1 Milliarden Menschen fehlt sauberes Trinkwasser

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Laut Unesco hat fast ein Drittel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu einer dauerhaft sicheren Wasserversorgung.

Die „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen beschreibt die 17 „nachhaltigen Entwicklungsziele“, die „Sustainable Development Goals“. Ziel sechs besagt, dass bis Ende des nächsten Jahrzehnts alle Menschen Zugang zu „einwandfreiem und bezahlbarem Trinkwasser“ erhalten sollen, zudem soll es eine „angemessene Sanitärversorgung und Hygiene für alle“ geben. Doch neue Daten belegen, dass dies nicht erreichbar sein wird, falls die Investitionen in diesen Sektor nicht deutlich erhöht werden. Die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) berichtet, dass derzeit weltweit 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu durchgängig verfügbarem sauberem Trinkwasser haben, also fast ein Drittel der Weltbevölkerung. Zudem können 4,3 Milliarden Menschen keine sicheren Sanitäranlagen nutzen; jeder neunte Mensch weltweit muss seine Notdurft sogar im Freien verrichten.

Laut dem Weltwasserbericht 2019, der am Dienstag in Genf veröffentlicht wurde, sind von dem Wasserproblem vor allem ohnehin benachteiligte Gruppen betroffen, etwa solche, die in Armut leben, wie Slumbewohner und Flüchtlinge. Unter den Kontinenten ist besonders Afrika ein Brennpunkt, hier lebt die Hälfte der Menschen weltweit mit unzureichendem Trinkwasserzugang.

Vergleichsweise gut ist die Lage in Europa oder Nordamerika. Doch sogar hier hätten 57 Millionen Menschen keine Wasserleitungen in ihren Häusern, ein Zugang zu grundlegenden Sanitäranlagen fehle bei 36 Millionen Menschen. Den Bericht erstellt hat die Unesco im Auftrag der Vereinten Nationen, mit Blick auf den Weltwassertag am 22. März.

Deutschland trägt Mitschuld am Wasserproblem

Doch nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Ländern macht der Report große Unterschiede aus – nämlich zwischen Arm und Reich sowie zwischen Stadt und Land. Slum-Bewohner zahlten häufig zehn- bis 20-mal so viel für Wasser wie Bewohner von wohlhabenden Vierteln – und erhielten dafür auch noch oft Wasser von schlechterer Qualität. Generell sind Städter meist bessergestellt als Bewohner ländlicher Regionen. So haben hier vier von fünf Personen Zugang zu einer sicheren Versorgung zu Hause, während das auf dem Land nur bei zwei von fünf Personen gilt. In Städten waren 63 Prozent der Haushalte an ein Abwassersystem angeschlossen, in ländlichen Gebieten nur neun.

Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der deutschen Unesco-Kommission, sagte zu den neuen Daten: „Sicheres Wasser und sichere sanitäre Einrichtungen sind Menschenrechte. Doch für Milliarden Menschen sind diese Rechte nicht verwirklicht.“ Mehr als zwei Milliarden lebten ohne sicheres Trinkwasser, 844 Millionen müssen mindestens eine halbe Stunde täglich für die Wasserbeschaffung aufwenden oder hätten gar keinen Zugang zu gutem Wasser. Burchardt forderte, die Anstrengungen zur Verbesserung der Situation zu erhöhen – durch höhere und effektivere Investitionen in die Infrastruktur wie Wasseranschlüsse und Sanitärversorgung, gerechte Wassergebühren sowie mehr Forschung und Innovation.

Laut dem Unesco-Bericht leben über zwei Milliarden Menschen weltweit in Staaten mit hohem „Wasserstress“, was bedeutet, dass dort jeweils mehr als ein Viertel der erneuerbaren Wasserressourcen genutzt wird. Etwa vier Milliarden Menschen – also mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung – erlebten schwere Wasserknappheit mindestens einen Monat pro Jahr. Betroffen vom Wasserstress seien über 50 Länder. 31 dieser Staaten nutzen zwischen 25 Prozent und 70 Prozent dieser Ressourcen, zum Beispiel Mexiko und China, weitere 22 mehr als 70 Prozent, dazu zählen etwa Ägypten und Pakistan.

Die Autoren des Reports rechnen damit, dass der „Stressgrad“ künftig steigen wird. Einerseits wegen der Wassernachfrage, die bis 2050 weltweit um 20 bis 30 Prozent zunehmen werde, anderseits wegen der zunehmenden Folgen des Klimawandels. „Trockengebiete werden tendenziell trockener und niederschlagsreiche Regionen feuchter.“ Mangelnde Wasserressourcen und Umweltschäden drohten die Ernährungssicherheit zu gefährden, warnen sie. So könnten bis 2050 rund 40 Prozent der weltweiten Getreideproduktion in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Situation in Deutschland ist im Vergleich sehr gut. Hierzulande sind fast 100 Prozent aller Haushalte an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen und haben Zugang zu sicheren sanitären Anlagen. „Unser Trinkwasser erfüllt laut Umweltbundesamt nahezu alle Qualitätsanforderungen“, betonte Burchardt.

Allerdings gebe es Handlungsbedarf bei den Gewässern, da nur sieben Prozent der deutschen Flüsse und Bäche sich in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand befinden. „Deshalb brauchen wir unter anderem eine neue Landwirtschaftspolitik“, meinte die Unesco-Funktionärin.

In der Bundesrepublik liegt die Nutzungsrate der erneuerbaren Wasserressourcen seit 15 Jahren unter 20 Prozent. Damit sei man „auf dem richtigen Weg“, meinte Burchardt. Sie erinnerte aber daran, dass Deutschland auch Mitverursacher der Wasserprobleme in anderen Weltregionen ist – durch den Import etwa von Produkten wie Baumwolle oder Rindfleisch, deren Herstellung teils gewaltige Wasserressourcen benötigt.

Die Unesco-Experten erwarten nicht, dass die globalen Investitionen in die Wasserversorgung und den Sanitärsektor künftig wesentlich ansteigen werden. Sie fordern daher „mehr Mut zu unkonventionellen Lösungen“. Die besten Lösungen seien oft einfach zu teuer, es solle daher auf die „geeignetsten“ Lösungen gesetzt werden. Sinnvoll sei es, NGOs an der Planung von Maßnahmen zu beteiligen, „damit die Zivilgesellschaft sich zu Wort meldet“.

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