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Im Agrarsektor muss dringend gegengesteuert werden – beginnend bei der Erzeugung.

Klimawandel

Zuviel Fleisch, zuviel Konsum - Weltklimarat ruft Alarmstufe Rot aus

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Die Erde brennt. 1,5 Grad Erderwärmung ist längst erreich. Der Weltklimarat warnt vor den Folgen und mahnt zum Umdenken.

Im Kampf gegen die Erderwärmung rücken jetzt der Agrar- und der Forstsektor in den Fokus. Der Weltklimarat IPCC macht in seinem neuen, am Donnerstag in Genf vorgestellten Report zu „Klimawandel und Landnutzung“ klar: Die bisherigen landwirtschaftlichen Praktiken und der globale Trend zu einer fleischbetonten Ernährung sind mit dem Ziel nicht vereinbar, die Erderwärmung möglichst bei 1,5 Grad zu stoppen.

Laut dem Bericht muss etwa der Ackerbau weltweit deutlich nachhaltiger werden, das heißt vor allem wesentlich weniger klimaschädlichen Kunstdünger einsetzen und über vielfältigere Fruchtfolgen und schonende Bodenbearbeitung mehr CO2 im Boden binden. Weitere Ziele sind ein Stopp der Waldvernichtung und ein Schutz der Moore, die große CO2-Speicher sind. Aufforstung und energetische Nutzung von Biomasse können laut IPCC wichtige Klimaschutz-Strategien sein, dürfen allerdings nicht zulasten der Nahrungsmittelproduktion gehen.

Klimawandel bedroht Ernährungssicherheit

In dem Report warnt der IPCC, dass der Klimawandel die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung zunehmend bedrohe. Hitzewellen und Dürren, starke Regenfälle, Sandstürme sowie die Erosion der Böden verkleinerten schon jetzt die nutzbare Agrarfläche und minderten die Erträge. Zudem müssten sich die Verbraucher auf steigende Preise, sinkende Qualität der Lebensmittel und Störungen in der Versorgung einstellen. „Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen steigen wird, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen“, so der Bericht. Treffen werde das vor allem „arme Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik“, sagte der Co-Vorsitzende einer der IPCC-Arbeitsgruppen, Priyadarshi Shukla. Laut dem Bericht leben derzeit bereits 500 Millionen Menschen in Regionen, in denen sich die Wüsten ausbreiten. Sie sind besonders anfällig für Wetterextreme.

Weltweit sind derzeit nach UN-Angaben rund 820 Millionen Menschen von Hunger betroffen, wobei die Zahl in den vergangenen Jahren nach einem Rückgang von 1990 bis 2015 wieder angestiegen ist. Laut dem Welternährungsprogramm der UN (FAO) waren dafür neben Krieg und anderen Konflikten vor allem Klimaschwankungen und -extreme verantwortlich.

Konsum überdenken 

Um im Agrarsektor gegenzusteuern, empfiehlt der Rat, die gesamte Kette von Erzeugung über Verarbeitung und Transport bis zum Konsum von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine Ernährung, die verstärkt auf Getreide, Gemüse und Obst setzt, könne dazu beitragen, die Emissionen von CO2 und anderen Klimagasen wie Methan und Lachgas wesentlich zu senken.

Außerdem müsse die Lebensmittel-Verschwendung deutlich reduziert werden. Heute landet weltweit ein Viertel bis ein Drittel der Nahrungsmittel statt auf dem Teller im Müll.

Der IPCC

Der Intergovernmental Panel on Climate Change wurde 1988 von der UN-Umweltorganisation (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik neutral über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und über mögliche Gegenmaßnahmen zu informieren. Dem IPCC gehören 195 Staaten an. Sie entsenden Experten, die eigenständig Berichte erstellen und das letzte Wort darüber haben. (afp)

Verschärft wird das Problem dadurch, dass die gewünschte Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius einen enormen Landbedarf mit sich bringt. Energiepflanzen werden dann laut IPCC nämlich einen steigenden Teil der Strom- und Wärmeversorgung übernehmen müssen. Um 2050 würden bis zu sieben Millionen Quadratkilometer Land für den Anbau von Energiepflanzen gebraucht, was der anderthalbfachen Fläche der EU entspricht. Als attraktiv gilt die Biomasse-Verbrennung in Kraftwerken vor allem, weil sie die Möglichkeit eröffnet, das dabei entstehende CO2 abzutrennen und tief im Boden zu verpressen. Damit hat man eine Methode, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen, das vorher von den Pflanzen aufgenommen wurde. Viele Klimaforscher glauben, dass diese Technologie, genannt BECCS, genutzt werden muss, um das Temperaturlimit einzuhalten.

Der Bericht zeigt, wie stark die Landnutzung durch den Menschen zum Klimawandel beiträgt. Sie verursacht fast ein Viertel (23 Prozent) der vom Menschen verursachten Treibhausgase, vor allem durch die Landwirtschaft und die Waldvernichtung.

Die Emissionen aus der Landwirtschaft haben sich seit den frühen 1960er Jahren verdoppelt, ebenso wie die der bewässerten Agrarflächen und des Fleischkonsums. Rund 70 Prozent der nicht von Eis bedeckten Böden auf dem Globus sind den Einflüssen des Menschen ausgesetzt – und das oft auf nicht umweltschonende Weise, denn rund ein Drittel der Böden gilt bereits als geschädigt.

Die Weltbevölkerung verbraucht für sich und ihre Nutztiere bereits zwischen einem Viertel und einem Drittel der pflanzlichen Biomasse, die jährlich nachwächst.

Beständige Erwärmung der Landflächen

Gleichzeitig wirkt die Land-Biosphäre als natürliche „Treibhausgas-Senke“, weil bisher knapp 30 Prozent der CO2-Emissionen aus allen Sektoren, also auch aus Energiegewinnung, Industrie und Verkehr, beim Wachstum der Vegetation gebunden werden. Die Fähigkeit, die Klimagase aufzunehmen, sinkt jedoch mit fortschreitendem Waldverlust und der Verschlechterung der Böden. „Die Beständigkeit dieser Senke ist unsicher wegen der Klimaerwärmung“, so die Experten.

Die Landflächen haben sich laut dem Bericht seit 1850 um über 1,5 Grad erwärmt. Das liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt von gut einem Grad Erwärmung. Der Grund: Die Ozeane heizen sich langsamer auf als die Landflächen. Die Klimazonen verschieben sich in Richtung der Pole. Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Dürren oder Starkregen treten dadurch häufiger auf und werden intensiver. Die Folgen sind neben einer zurückgehenden Nahrungsmittelproduktion unter anderem Waldbrände und das Auftauen der Permafrost-Gebiete in Alaska, Nordkanada und Sibirien.

Der neue Report steht im Zeichen des Pariser Weltklima-Vertrags von 2015, der das Ziel hat, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen, möglichst aber 1,5 Grad einzuhalten. Bisher haben die 197 Zeichnerstaaten aber nur CO2-Minderungspläne vorgelegt, die zusammen auf einen Drei- bis Vier-Grad-Pfad führen.

In seinem letzten Bericht hat der IPCC dargestellt, dass das 1,5-Grad-Limit noch machbar ist, allerdings nur, wenn die globalen Emissionen sehr schnell sinken. An dem jetzt vorgelegten IPCC-Sonderbericht haben 107 Autoren mitgearbeitet, mehr als die Hälfte davon aus Entwicklungsländern. Sie werteten dafür rund 7000 wissenschaftliche Studien aus.

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