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Welthungerhilfe

„Die Ärmsten sind nicht die präferierten Kunden“

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Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme über Investoren in Afrika, Spenden für Notre-Dame und den Schwung von Fridays for Future.

Nachhaltigkeit ist ihr Lebensthema. Deshalb kommt Marlehn Thieme auch mit der Bahn und zu Fuß zum Interview in die Redaktion der Frankfurter Rundschau und erzählt, dass sie es genießt, während längerer Zugfahrten Tageszeitungen zu lesen. Als Beraterin der Bundesregierung für Nachhaltigkeit und in vielen anderen Funktionen ist Thieme oft unterwegs, da ist eine Bahncard 100 beinahe Pflicht. In ihrem neuen Amt als Präsidentin der Welthungerhilfe wird sie allerdings hin und wieder auch in ein Flugzeug steigen müssen.

Frau Thieme, Sie sind Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates, Chefin des Rates für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung und seit November auch noch Präsidentin der Welthungerhilfe. Mussten Sie lange nachdenken, als Ihnen diese Aufgabe angetragen wurde?
Man überlegt immer zweimal. Aber die Welthungerhilfe hat eine große Reputation. Und ich habe mir das Haus sehr genau angeschaut, die Arbeit und auch die Themen, die anstehen, bevor ich Ja gesagt habe. Mein Amt im Nachhaltigkeitsrat werde ich nach fast 15 Jahren im Dezember aufgeben, das hatte ich der Bundesregierung schon frühzeitig signalisiert. Da gibt es dann mehr Luft.

Sie gehören auch dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Was haben Sie als Präsidentin der Welthungerhilfe gedacht, als quasi über Nacht Superreiche fast eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau der abgebrannten Kathedrale Notre-Dame gespendet haben?
Es ist ganz wunderbar, dass Notre-Dame damit wieder errichtet werden kann, und es zeigt den Wert und die Funktion, die die Kathedrale für die Franzosen hat. Mich freut, dass die Unternehmer freiwillig geben und dass diese Art des Spendens auch in einem säkularen Land wie Frankreich noch so verankert ist.

Marlehn Thieme ist seit November 2018 Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe.


Ist es nicht irritierend, dass ein solches Ereignis riesige Summen mobilisiert, während für Hungerbekämpfung Mittel fehlen. Das Welternährungsprogramm muss regelmäßig bei den Staaten um Unterstützung betteln.
Es ist zwar viel Geld, andererseits ja nicht so unermesslich viel für ein wohlhabendes Land wie Frankreich, dessen Regierung auch viel in die Entwicklungszusammenarbeit steckt. Wir sollten diese Spendenbereitschaft an sich wertschätzen und nicht die verschiedenen Themen gegeneinander ausspielen.

Noch nie wurden weltweit so viele Nahrungsmittel produziert – dennoch hungern mehr als 820 Millionen Menschen, zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. Warum schaffen wir es nicht, alle ausreichend zu ernähren?
Wir haben vor allem ein Gerechtigkeits- und im wahrsten Sinne ein Verteilungsproblem. Hinzu kommen zunehmend bewaffnete Konflikte, die die Menschen in die Flucht zwingen und ihnen die Existenzgrundlagen rauben. Außerdem spielen die Folgen des Klimawandels eine immer größere Rolle – mit Dürren oder Fluten, die den Anbau von Nahrungsmitteln erschweren oder unmöglich machen. Deshalb steigt die Zahl der Hungernden seit 2016 wieder.

Die Vereinten Nationen wollen bis 2030 eine Welt ohne Hunger schaffen. Ist das realistisch?
Ich halte das noch immer für möglich, denn es gibt ja beeindruckende Erfolge wie etwa die Halbierung der Kindersterblichkeit seit 2000. Wir müssen an den Problemen und Ursachen arbeiten und den Willen zu politischen Entscheidungen haben.

Wie können Hunger und Mangelernährung am wirksamsten bekämpft werden?
Es ist immer ein integrierter Ansatz, der zum Erfolg führen kann: mit einer besseren Regierungsführung in den Staaten, einer an den Klimawandel angepassten Landwirtschaft, mit der Förderung von verschüttetem traditionellen Wissen über Ackerbau, mit Aufklärung über eine diversifizierte Ernährung – und vor allem mit Friedenssicherung.

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Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, die meisten davon in Entwicklungsländern. Vor welche Herausforderungen stellt das die Welthungerhilfe?
Da geht es in vielen Fällen zunächst um akute Nothilfe, um Nahrungsmittelverteilung, Decken oder Zelte. Aber dann müssen wir den Menschen auch eine Perspektive geben, damit sie sich eine neue Existenz aufbauen und ihre Familien selbstständig ernähren können, beispielsweise mit dem Anbau von Gemüse und Obst. Sie bleiben ja oft jahrelang in Flüchtlingslagern oder siedeln sich rund um die Städte an.

Deutschland hat seine Entwicklungshilfe für die Landwirtschaft zwischen 2008 und 2017 von 178 auf 620 Millionen Euro mehr als verdreifacht. Wird das Geld effizient eingesetzt?
Es ist zu begrüßen, dass die Bundesregierung die Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ so gut dotiert. Das ist Entwicklungshilfe at its best. Ich kann nur an die Regierung appellieren, da nicht nachzulassen, solange immer noch zwei von drei Hungernden weltweit auf dem Land leben. Der Schlüssel zur Bekämpfung des Hungers liegt in der Entwicklung der ländlichen Räume.

Entwicklungshilfe in Afrika: Menschen „stärken, sich selbst etwas zu erarbeiten“

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) will mit „Grünen Innovationszentren“ in Afrika und Asien für eine Modernisierung und mehr Produktivität der Landwirtschaft sorgen. Dafür hat er auch deutsche Unternehmen als Partner gewonnen. Ist das der richtige Ansatz?
Es braucht technisches Know-how und finanzielle Ressourcen, um die Landwirtschaft voranzubringen. Da können dann auch deutsche Unternehmen eine Rolle spielen und Investoren hilfreich sein. Entscheidend ist, dass wir die Entwicklung regionaler Märkte im Blick haben, Bauern in Wertschöpfungsketten integrieren und dass sie mit ihren Produkten konkurrenzfähig werden. Es muss darum gehen, dass wir die Menschen in ihren Möglichkeiten stärken, sich selbst etwas zu erarbeiten.

Einer der Partner der „Grünen Innovationszentren“ ist der Chemie-Konzern Bayer. Vorstandschef Werner Baumann hat den Kauf des Glyphosat-Herstellers Monsanto unter anderem damit begründet, gemeinsam könne man dazu beitragen, dass im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen satt werden. Sollten wir Global Playern wie Bayer die Hungerbekämpfung überlassen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die Gold Nugget ist, um allen Hunger aus der Welt zu schaffen. Alle Kritik, die jetzt an Monsanto laut wird, bestärkt ja auch die Zweifler, die schon immer fragen, welche Nebenwirkungen man sich mit dieser Art von industrieller Landwirtschaft einkauft und ob davon auch die Kleinbauern profitieren.

Die Bundesregierung hat zahlreiche neue Strategiepapiere und Initiativen für den Nachbarkontinent aufgelegt. Da gibt es den Marshallplan mit Afrika, den Compact with Africa oder die Initiative Pro!Africa – wie bewerten Sie diesen Afrika-Aktionismus?
Die privaten Investitionen, die die Bundesregierung damit anstoßen und fördern möchte, können die Entwicklungszusammenarbeit ergänzen, wenn sie sich strikt an Menschenrechten ausrichten. Aber unternehmerische und entwicklungspolitische Ziele sind in der Regel nicht deckungsgleich. Die Ärmsten sind meist nicht die präferierten Kunden von Unternehmen. Wir dürfen die armen Länder, die für Investoren nicht interessant sind, nicht vergessen.

Sehen Sie diese Gefahr?
Dass die Bundesregierung die Mittel für die am wenigsten entwickelten Staaten in den vergangenen Jahren zurückgefahren hat, sehe ich als großes Problem. Wir müssen da ran gehen, wo es am schwierigsten ist. Und ich bin überzeugt, dass wir in diesen Ländern mit klugen Projekten die größte Hebelwirkung erreichen, wenn wir den Menschen in ihrer Heimat eine menschenwürdige Perspektive schaffen.

Im 2016 verabschiedeten Nationalen Aktionsplan hat die Bundesregierung die unternehmerische Verantwortung für die Achtung der Menschenrechte verankert. Bislang setzt die Regierung auf die Freiwilligkeit der Firmen. Brauchen wir eine gesetzliche Verpflichtung?
Ganz klar, wir brauchen ein solches Gesetz. Die Gutwilligen, die ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten wahrnehmen, dürfen nicht benachteiligt sein. Und da geht es mir nicht nur um die individuellen Menschenrechte, sondern auch um Rechte wie Organisationsfreiheit oder den Raum, den zivilgesellschaftliche Organisationen für ihr Engagement in den Ländern haben.

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Der Anteil der deutschen Entwicklungshilfe am Bruttonationaleinkommen – die sogenannte ODA-Quote – sinkt wieder und wird sich weiter vom 0,7-Prozent-Versprechen entfernen, das bereits 1970 gegeben wurde. Wie sehr besorgt Sie das?
Wir drohen unsere Glaubwürdigkeit und unser Gesicht als eine der wohlhabendsten Nationen zu verlieren. Schon deshalb müssen wir das 0,7-Prozent-Ziel ernstnehmen. Vor allem aber, weil wir es den Armen schuldig sind. Wir werden uns deshalb stark dafür einsetzen, dass Herr Müller diese Quote im nächsten Bundeshaushalt wieder erfüllen kann. Alles andere würden wir nicht hinnehmen.

Lassen Sie uns über die Finanzquellen der Welthungerhilfe reden. Wie gut kennen Sie ihre Spenderinnen und Spender eigentlich?
Sehr gut. Die typischen Unterstützer sind 60 Jahre und älter, das sind Menschen mit abgeschlossener Vermögensbildung, die etwas abgeben können und möchten, weil sie eine soziale Verantwortung spüren. Die haben noch die Erzählungen ihrer Eltern aus Kriegszeiten im Ohr und können sich viel leichter in die Lage der Menschen in Krisenregionen hineinversetzen. Es sind übrigens sehr viele Frauen darunter.

Aber in Deutschland spenden immer weniger Menschen. Und nur zwölf Prozent des Geldes kommen von Personen unter vierzig Jahren. Das muss Ihnen doch Sorgen machen. Müssten Sie nicht viel gezielter auch junge Leute über digitale Plattformen ansprechen, beispielsweise einen populären Influencer als Botschafter gewinnen?
Wir haben die Jungen schon im Blick. Zehn Prozent unserer Spenden erreichen uns übrigens bereits über digitale Kanäle, das wollen wir steigern – auch mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Wir versuchen auch in der Kooperation mit Start-ups neue Unterstützer zu finden, deren Produkte für junge Menschen interessant sind. Aber gerade die junge Generation ist immer weniger bereit, sich langfristig – etwa als Dauerspender – zu engagieren.

Macht Ihnen da die Bewegung „Fridays for Future“ keine Hoffnung?
Die Schülerinnen und Schüler bringen jetzt auf jeden Fall einen neuen Schwung, den wir nicht nur beim Thema Klimawandel, sondern auch für das Thema Gerechtigkeit in der Einen Welt gerne nutzen wollen. Dass mich das auch als Vorsitzende des Nachhaltigkeitsrates in der Sache sehr freut, muss ich nicht extra betonen. Es ist eine unglaublich wichtige Erfahrung für diese jungen Menschen, dass sie in der Gesellschaft Gehör finden und im politischen Raum ernst genommen werden.

Interview: Tobias Schwab

Zur Person

Marlehn Thieme ist seit November 2018 Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Die 62-Jährige hat Rechts- und Sozialwissenschaften studiert und 1986 das zweite juristische Staatsexamen abgelegt. Danach arbeitete Thieme in unterschiedlichen Funktionen für die Deutsche Bank. Unter anderem war sie Geschäftsführerin der Stiftung „Alfred Herrhausen Hilfe zur Selbsthilfe“, Leiterin Marketing und Kommunikation in der privaten Vermögensverwaltung und von 2005 bis 2013 für die unternehmerische Sozialverantwortung (CSR) im Konzern zuständig.

Ehrenamtlich berät sie seit 2007 als Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung die Bundesregierung. Seit 2012 ist sie Vorsitzende des Gremiums. Darüber hinaus steht sie seit Mitte 2016 dem ZDF-Fernsehrat vor.

Die Deutsche Welthungerhilfe ist eine Organisation der Entwicklungszusammenarbeit und der Nothilfe mit Sitz in Bonn. Seit ihrer Gründung im Jahr 1962 hat sie mit rund 3,27 Milliarden Euro mehr als 8500 Hilfsprojekte in 70 Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens durchgeführt. 2017 standen der Welthungerhilfe 263 Millionen Euro im Kampf gegen Hunger zur Verfügung.

Die Spendeneinnahmen lagen 2017 bei 63,8 Millionen Euro. Öffentliche Geber stellten 194,4 Millionen Euro für die Projektarbeit bereit – 45 Prozent davon kamen von der Bundesregierung. Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor.

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