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Der Mensch setzt der Erde zu: Aktion zum Erdüberlastungstag in Mainz.

Welterschöpfungstag

Die Erde ist überlastet

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Die Menschheit verbraucht mehr Ressourcen, als die Natur in der Lage ist zu regenerieren. An diesem Montag ist das ökologische Konto für dieses Jahr bereits aufgezehrt. Umweltschützer fordern ein eiliges Umsteuern.

Vor 20 Jahren lag die kritische Grenze noch im Oktober, vergangenes Jahr war es der 1. August. In diesem Jahr ist der Stichtag nochmals zwei Tage früher: Am 29. Juli, diesem Montag, ist nach Berechnungen der Nachhaltigkeitsorganisation „Global Footprint Network“ Welterschöpfungstag. Die Ressourcen der Erde sind statistisch gesehen für dieses Jahr aufgebraucht, durch Verkehr, Abholzung, industrielle Nutzung, Wasserverbrauch, intensive Landwirtschaft und Fischfang. Wald, Wasser, Luft oder Erde, die ab jetzt genutzt werden, erneuern sich nicht mehr.

Das lässt sich laut Global Footprint Netzwork auch in eine andere Zahl fassen: „Mittlerweile nutzt die Menschheit die Natur 1,75-mal schneller, als sich Ökosysteme regenerieren können.“ Das heißt: Wir leben, als gebe es nicht eine, sondern 1,75 Erden.

Auf Länder aufgeschlüsselt, sind die Zahlen der Organisation noch dramatischer: Fünf Erden bräuchte es demnach, wenn alle Menschen so leben würden wie die Bewohner der USA. Ein weltweites Australien bräuchte vier Erden, Russland und Deutschland je ungefähr drei, China zwei. Indien, das ähnlich viele Einwohner wie China und vier Mal mehr als die Vereinigten Staaten hat, käme mit 0,7 Welten zurecht. Würden alle Menschen so leben wie in Deutschland, wäre der Erdüberlastungstag am 3. Mai gewesen.

In Deutschland tragen demnach vor allem die hohen Kohlendioxid-Emissionen in den Bereichen Strom, Verkehr und industrielle Landwirtschaft sowie der große Flächenbedarf zur Überlastung der Erde bei. Die CO2-Emissionen der Bundesrepublik seien seit 2009 nicht gesunken; das Festhalten an der Kohle verzögere eine Senkung.

Ein Überziehen des ökologischen Kontos ist laut Umweltschützern allenfalls für eine begrenzte Zeit möglich; dann beginne das gesamte System zu kollabieren. Schon jetzt zeigten sich die Auswirkungen: Bodenerosion und Wüstenbildung, abnehmende Fruchtbarkeit der Anbauflächen, Entwaldung und Verluste bei der Artenvielfalt sowie eine wachsende CO2-Konzentration.

„Wir leben als gäbe es kein Morgen“, stellt der World Wildlife Fund (WWF) fest. Der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz, Hubert Weiger, fordert: Umweltpolitik darf nicht länger unter dem Wachstumsvorbehalt der Wirtschaft stehen.“ Hierzulande sei es essenziell, schon vor dem Jahr 2030 aus der Kohlekraft auszusteigen. Kurzstreckenflüge müssten über Steuern verteuert, Bahntickets über den Wegfall der Mehrwertsteuer verbilligt werden. Auch die Landwirtschaft müsse umweltfreundlicher werden.

Auch weltweit steht Kohlenstoffreduktion ganz oben auf der Umweltagenda: Würde der Ausstoß halbiert, würde der Erdüberlastungstag dem Global Footprint Netzwork zufolge über drei Monate Richtung Jahresende verschoben. 15 Entlastungstage gäbe es demnach, wenn der Fleischkonsum weltweit halbiert würde, weitere zehn bei einer Halbierung der Lebensmittelverschwendung.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt fordert: „Wir müssen das Ruder rumreißen und zwar dringend.“ Die Entwicklung gehe nicht nur auf Kosten zukünftiger Generationen. Schon die heute lebenden Generationen seien davon betroffen, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Wie viele Warnsignale braucht die Bundesregierung denn noch, bevor sie Klima- und Umweltschutz endlich anpackt?“

Die Bundesregierung, die die selbstgesetzten Klimaschutzziele verfehlt und bislang kein Konzept zur CO2-Reduktion verabschiedet hat, reagierte mit Appellen auf die neuen Zahlen: „Damit auch künftige Generationen einen lebenswerten Planeten vorfinden, müssen wir heute handeln: Klimaschutz verbindlich und konkret machen, natürliche Lebensgrundlagen erhalten, nachhaltiger mit Ressourcen umgehen“, erklärte das Umweltministerium auf Facebook.

Der Nachhaltigkeits-Experte der Unions-Fraktion, Kai Whittaker, verwies auf das Konzept zur Bepreisung von Treibhausgasen, das im Herbst vorgelegt werden soll. „Es ist höchste Zeit, unsere Kräfte zu einen und Maßnahmen zu ergreifen, den Klimawandel einzudämmen“, sagte er.

Myriam Rapior aus dem Bundesvorstand der BUND-Jugend erklärte: „Meine Generation will nicht länger zuschauen, wie wir unserer Lebensgrundlage beraubt werden. Die Politik muss jetzt Entscheidungen fällen, um die systematische Zerstörung unseres Planeten zu beenden. Ansonsten werden wir 2050 auf einer kaputten Erde voller sozialer Konflikte leben.“ (mit kna)

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