+
Akten im Jobcenter Rhein-Main: Jede Nummer gehört zu einem Arbeitslosen.

Jobcenter

Weiterbildung, die verpufft

  • schließen

Fehlende berufliche Abschlüsse sind das größte Hindernis für Arbeitslose. Trotzdem versäumen Jobcenter es häufig, neue Qualifikationen kenntlich zu machen.

Fehlende berufliche Abschlüsse sind das größte Hindernis für Arbeitslose auf der Suche nach einem Job. Fast drei Fünftel aller Hartz-IV-Empfänger verfügen nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Insofern ist es folgerichtig, dass die Jobcenter besondere Qualifizierungsanstrengungen unternehmen. 563 Millionen Euro hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) im vergangenen Jahr für Weiterbildungsmaßnahmen ausgegeben.

Weniger folgerichtig erscheint es, dass die Arbeitsverwaltung erfolgreich absolvierte Qualifizierungen in vielen Fällen nicht aktenkundig macht. Dies stellt der Bundesrechnungshof in einem 28-seitigen Bericht an das Bundesarbeitsministerium fest. Danach hatten Arbeitssuchende zwar Prüfungen bestanden, Praktika absolviert und sogar formelle Berufsabschlüsse nachgeholt, allein: Auf dem Arbeitsmarkt bekam das niemand mit. Laut Rechnungshof wurden in 40 Prozent der knapp 500 untersuchten Weiterbildungsmaßnahmen die Ergebnisse der Fortbildungsbemühungen nicht in die Datensätze der BA-Kunden eingepflegt. Somit verfehlten die Jobcenter „die Grundidee eines gezielten Absolventenmanagements“: nämlich die im Anschluss an eine Fortbildung möglichst nahtlose Vermittlung des Arbeitssuchenden an ein Unternehmen.

Welch abstruse Folgen die Versäumnisse mitunter haben, belegt der Rechnungshof anhand von Beispielen. So durchlief eine langzeitarbeitslose Frau bis zum September 2014 zwar eine zehnmonatige Qualifizierung zur Erzieherin. Danach geschah allerdings monatelang nichts. Weder vermerkte das Jobcenter die neu erworbene Qualifikation in den Unterlagen, noch lud es die frisch gebackene Erzieherin zu weiteren Beratungsgesprächen. Als das Jobcenter das Bewerbungsprofil der Frau am 25. August 2015 – fast ein Jahr nach Ende der Ausbildung – auf den aktuellen Stand brachte, erhielt sie noch am selben Tag zehn Arbeitsangebote.

Ähnliches widerfuhr einem ausgebildeten Industriekaufmann, der sich binnen 14 Monaten zu einer Fachkraft für Lagerlogistik und zum Bürokaufmann weitergebildet hatte. Diese neu erworbenen Zertifikate fanden sechs Monate lang keinen Eingang in sein Bewerberprofil. Auch eine Verkaufshilfe, die sich zur Kauffrau im Einzelhandel weiterbildete und die Prüfung mit einem „Sehr gut“ abschloss, wurde weiter als Hilfskraft geführt.

Andere Beispiele deuten auf eine teils unkoordinierte Abfolge von Qualifizierungsmaßnahmen hin. Zwischen September 2013 und März 2014 ließ man einem Arbeitslosen zwar eine Fortbildung zum City-Logistiker angedeihen, berücksichtigte aber nicht, dass der Mann keinen Führerschein besaß – eine im Transportwesen nicht ganz unwichtige Voraussetzung. Anstrengungen, dem Arbeitssuchenden zu einer Fahrerlaubnis zu verhelfen, unternahm das Jobcenter indessen nicht.

Fazit der Untersuchung: Die Arbeitsverwaltung versäumte es in knapp 40 Prozent der Fälle, Qualifizierungserfolge und Abschlüsse in das Bewerbungsprofil und den Wiedereingliederungsplan der Arbeitsuchenden aufzunehmen. „Die Integrationsfachkräfte der Jobcenter haben damit zentrale Vorgaben der Bundesagentur nicht beachtet“, heißt es in dem Bericht, der der FR vorliegt. Folge dieser Praxis seien Entmutigung und Enttäuschung aufseiten der Arbeitsuchenden, ausbleibende Vermittlungserfolge und die Verschwendung von Steuermitteln: Im Schnitt zahlte die BA knapp 5000 Euro pro Qualifizierungsmaßnahme.

„Nichts ist so teuer wie eine schlechte Arbeitsmarktpolitik, die zuschaut, wie ein Teil unserer Gesellschaft dauerhaft abgehängt wird. „Einmal Hartz, immer Hartz muss endlich der Vergangenheit angehören“, findet die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer. Für die Mängel macht Pothmer den vielerorts eklatanten Personalmangel verantwortlich. Der Richtwert von einem Vermittler auf 75 unter 25-jährige Arbeitslose werde in der Realität weit überschritten, ebenso der Schlüssel von eins zu 150 für ältere Arbeitslose.

Die BA verweist demgegenüber darauf, dass der Rechnungshof nur insgesamt acht der bundesweit 408 Jobcenter untersucht habe. Bei den gefundenen Mängeln sei zu beachten, dass „die Maßnahme-Dokumentation in den Jobcentern eine sehr komplexe und zeitaufwändige Tätigkeit“ darstelle. Mängel in der Dokumentation führten zudem nicht zwingend zu Integrationsnachteilen. Gleichwohl sei eine gute und nachhaltige Dokumentation notwendig. Auf deren Bedeutung habe man daher auch schon vor Erscheinen des Rechnungshofberichts Führungskräfte der Jobcenter aufmerksam gemacht. Auch habe es Workshops zum Thema „Absolventenmanagement und Dokumentation der Integrationsfortschritte“ gegeben.

Das mag so sein. Viel genützt hat es aber offenbar nicht. Denn 2014 hatte auch die Innenrevision der BA festgestellt, dass in 41 Prozent der untersuchten Fälle die Bewerberprofile nicht um neu erworbene Qualifikationen ergänzt worden waren. In der Bundesrechnungshof-Untersuchung ein Jahr darauf war der Anteil nur minimal – auf 39 Prozent – zurück gegangen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare