Management

Die Weisheit schielt

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Denn der gerade Blick lässt außer Acht, dass andere Sichtweisen aufs Leben existieren.

Als Kinder haben wir gern absichtlich geschielt – zum Entsetzen der Mama. Dieses Spiel mit den Augen, der Wahrnehmung, dieses faszinierende andere Bild der Welt hat uns Kindern gefallen.

Die sogenannte Bildung in der Schule richtete den Blick geradeaus. Das nennt man Konzentration, eine Hürde, die nicht alle Menschen genommen haben.

Der gerade Blick, der konsequente Aufbau des Aufsatzes, der keine inhaltlichen Spielereien duldete, war die Vorbereitung für ein Leben, das geradeaus sein soll, kein Links, kein Rechts. Später heißt dann dieses Geradeaus „Logik“, das Credo der westlichen Welt. Logik ist eine klare kalte Linie, wer davon abweicht spinnt, so merkt man schnell. Alles ist gerade und ableitbar, auf eins folgt zwei und eins und eins ist zwei, nicht vier.

So trainiert sind die Heranwachsenden gut vorbereitet, nur das zu sehen, was im Fokus ist – und zwar nur das.

Die Kunst, die Maler haben uns gezeigt, dass das Nichtgeradeaus mehr lehrt als der starre Blick. Die verschwommenen Bilder van Goghs über die Nacht geben mehr Tiefe als der zielende Blick mit dem Fernrohr auf die Sterne.

Und es ist eine Sehnsucht spürbar nach einem Blick, einer schielenden Betrachtung der Welt. Das nennt man Kunst oder Poesie zwischen deren spielenden Zeilen sich mehr offenbart als sich der Verstand träumen lässt.

Was hat das mit Management zu tun? Der gerade Blick auf den Erfolg lässt außer Acht, dass andere Sichtweisen aufs Leben existieren, wie etwa die systemische „Realität“ wie Niklas Luhmann oder der Denker Paul Watzlawick uns in ein selten gelesenes Poesiealbum geschrieben haben.

Und noch etwas: Die Schielenden haben eine Alternative, sie sehen mindestens doppelt, ihnen gehört das Wort „und“, es öffnet den Blick und verbindet. Das Wort „aber“, ein uneheliches Kind der Lebenslüge „Logik“ engt ihn ein. Es ist der Rohrstock des kalten Lehrers Logik, der dem freien Geiste auf die Finger haut.

Wer muss eigentlich zum Augenarzt? Es sind die Geradeausgucker, nicht die Schielenden.

Ein Poet schrieb einmal: „Da ist mehr / längst mehr / als Dein Verstand erlaubt / Wolken, die schmecken und / Falter, die lachen.“

Gibt es nicht?

Was sieht ein Schielender, ein Blinder? Was sieht ein geradeaus Sehender nicht? Die Weisheit schielt, die Naivität schaut stracks geradeaus.

Der Autor ist Berater und Coach
im Top-Management.

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