Reproduktionsarbeit

Weiblich und unbezahlt

Care-Arbeit bleibt auch weiterhin Frauensache

Von Kollektiv für Gesellschaft und Ökonomie

Stell dir vor, andauerndes Kindergeschrei aus der Nachbarwohnung reißt dich aus dem Schlaf. Du wunderst dich, was da los ist, brauchst dringend Kaffee und gehst in die Küche, aber niemand hat dir dein Frühstück gemacht. Noch immer Schreie von nebenan. Du ärgerst dich etwas. Hat da jemand sein Kind allein gelassen? Du musst los – ohne Kaffee, ohne Frühstück. Während du für deinen Kaffee to go anstehst, fragt dich ein verwirrter, gebrechlicher Rentner in Unterhose nach seinem Klo. Du fährst trotz allem zur Arbeit – dort ist endlich alles normal. Ganz normal!

Nach einem langen Tag freust du dich auf dein gemütliches, warmes Zuhause und die versprochene Lasagne. Auf dem Heimweg rennt dir ein Kleinkind direkt vor dein Auto. Du kannst gerade noch rechtzeitig bremsen. Du fluchst. Keine Eltern in Sicht. Im Hausflur immer noch Kindergeschrei.

Jetzt hast du echt genug und willst nur noch deine Erlebnisse des Tages jemandem erzählen, dir endlich deinen Frust von der Seele reden. Doch die Wohnung ist kalt, keine Lasagne auf dem Tisch und niemand ist da, um dir zuzuhören. Du willst endlich wissen was los ist und machst die Nachrichten an: Streik der Reproduktionsarbeit heißt es dort. Zahlreiche Menschen haben heute ihre unbezahlte Arbeit niedergelegt.

Wenn auch zugespitzt, ist dies nicht bloß ein Gedankenexperiment: 1975 hat sich eine Gruppe von Hausfrauen dem isländischen Frauenstreik angeschlossen. So zeigte sich, dass unsere Gesellschaft – damals wie heute – von unsichtbarer, unbezahlter Arbeit getragen wird. Auch die letzte Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass gesamtwirtschaftlich weitaus mehr unbezahlte als bezahlte Arbeitsstunden geleistet werden. Diese Arbeit, auch Care-Arbeit genannt, umfasst nicht nur Altenpflege, Kindererziehung und Hausarbeit wie Putzen und Kochen sondern auch emotionale Arbeit wie Zuhören, Trösten und Verstehen. Diese Arbeit ist, genau wie die Erwerbsarbeit, oft mühsam, fremdbestimmt und zeitraubend, kann aber auch erfüllend, interessant und schön sein. Ganz normale Arbeit eben! Der große Unterschied ist nur, dass sie nicht bezahlt wird und überwiegend von Frauen geleistet wird. Das hat zur Folge, dass spätestens im Alter viele dieser Frauen von Armut bedroht sind.

Die Kolumne wurde nicht von einem einzelnen Autoren verfasst, sondern ist eine gemeinsame Arbeit des Kollektivs für Gesellschaft und Ökonomie. Das Kollektiv kritisiert und politisiert Ökonomisches aus feministischer Perspektive.

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