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Gewinn an Zeit und Lebensqualität: Homeoffice im Grünen.
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Gewinn an Zeit und Lebensqualität: Homeoffice im Grünen.

Wegen Homeoffice

„Kurzstreckenflüge werden überflüssig“

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Jens Clausen vom Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit über die Folgen von Corona für den Arbeitsalltag und das Klima.

Die Corona-Lockdowns trugen dazu bei, dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 erfüllen konnte – unter anderem wegen des zurückgegangenen Verkehrs. Stichworte Homeoffice und weniger Dienstreisen. Doch ob mehr Homeoffice auch zukünftig CO2 einspart, ist sehr fraglich, sagt Experte Jens Clausen vom Border-step-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit im FR-Interview.

Herr Clausen, Corona hat das Arbeitsleben verändert. Die Büros in den Bankentürmen in Frankfurt sind wegen Homeoffice halb leer, beim Versicherer Allianz in München haben 2020 bis zu 90 Prozent der Beschäftigten zu Hause gearbeitet, beim Softwarekonzern SAP ist das Homeoffice der beliebteste Arbeitsplatz. Für wen funktioniert das Homeoffice gut? Und für wen weniger?

Wenn es zu Hause einen ruhigen Arbeitsplatz gibt, am besten ein separates Zimmer, dann kann Homeoffice gut laufen. Besonders zufrieden scheinen Menschen zu sein, die gerne in Ruhe und für sich arbeiten. Wer dagegen stark vom persönlichen Kontakt lebt, für den ist das Homeoffice oft einfach nur einsam.

Wie groß ist der Wunsch, nach dem Lockdown doch wieder im Büro zu arbeiten?

Der ist bei kontaktfreudigen Personen wohl häufig. Eine Gruppe von 20 Prozent der Homeoffice-Erfahrenen hat aber erkannt, dass häufiges Homeoffice ihnen auch die Möglichkeit bietet, weiter hinaus ins Grüne zu ziehen, zu Freunden oder zur Familie oder in eine schönere Stadt. Die wollen dann wohl auch dauerhaft nur noch selten ins Büro.

Wird sich das Arbeitsleben durch die neuen Erfahrungen mit Videokonferenz und Homeoffice dauerhaft verändern?

Ganz sicher. Geschäftsreisende haben ja jetzt gelernt, man kann viel Zeit und Geld sparen, wenn man nicht morgens in den Zug oder den Flieger nach Berlin steigt, um dort zwei Stunden ein Gespräch zu führen und dann wieder den gleichen Weg zurückzufahren. Das entlastet ja auch nicht nur das Arbeitszeitkonto, man gewinnt auch Freizeit, weil man nicht schon um 5.30 Uhr zum Flughafen fahren muss oder erst um Mitternacht zurück ist. Wir bei Borderstep erwarten auf Basis einer repräsentativen Befragung von Geschäftsreisenden, dass künftig etwa jede dritte Geschäftsreise ersatzlos wegfällt. Gerade Teambesprechungen werden oft durch virtuelle Formate ersetzt werden. Allein die Autokilometer, die dann nicht mehr gefahren werden müssen, entsprechen der Jahresfahrleistung von rund 700 000 Dienstwagen.

Und beim Homeoffice?

Beim Homeoffice sind die Auswirkungen noch unklar. Je nachdem, wie viele von uns in Zukunft dem Büro öfter fernbleiben, werden sich die Bürolandschaften verändern. Der von der Corona-Krise heftig getroffene TUI-Konzern verzichtet in der Zentrale in Hannover auf zwei Bürogebäude und spart einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Dafür baut er den TUI-Campus aus und schafft dort offene Arbeitsflächen mit Desk-Sharing und Gemeinschaftszonen, es gibt nur noch 1770 Plätze für 3000 Mitarbeiter. Seit kurzem ist dort auch eine neue Betriebsvereinbarung für mobiles Arbeiten unter Dach und Fach. Gut möglich, dass diese Dynamik auch bei anderen Unternehmen einsetzt.

Jens Clausen: „Videokonferenzen haben eindeutig positive Wirkungen.“

Zur Person

Jens Clausen ist Mitgründer des „Borderstep Instituts“, das zu Nachhaltigkeit, Innovation und Entrepreneurship forscht. Der Diplomingenieur beschäftigt sich mit Innovations- und Transformationsforschung. Sein besonderes wissenschaftliches Interesse gilt den Themen Elektromobilität, Wärmeversorgung und Digitalisierung. jw

Wie ist die Klima- und Umweltbilanz unter dem Strich?

Videokonferenzen haben eindeutig positive Wirkungen. Während durch einen Flug oder eine Autofahrt von zwei Personen von Berlin nach Stuttgart leicht 400 oder 500 Kilogramm CO2 in die Luft gepustet werden, ist dies bei einer vierstündigen Videokonferenz von vier Personen nur circa ein Kilogramm. Hochgerechnet auf alle Dienstreisenden in Deutschland rechnen wir mit rund drei Millionen Tonnen weniger Treibhausgasemissionen durch weniger Verkehr dank Videokonferenzen. Homeoffice wird dagegen nicht nur zu Einsparungen, sondern auch zu Mehrverbräuchen führen. Größere Wohnung mit mehr Heizbedarf, das Haus im Grünen statt in der Stadt, oder zweimal die Woche längere Pendlerdistanzen, weil man in eine andere Stadt gezogen ist – da wissen wir noch nicht, ob es unter dem Strich wirklich zu Entlastungen kommt.

Aber in den Städten können dann Büros frei werden, die, zu Wohnungen umgebaut, den Wohnungsmarkt entlasten und Neubauten „einsparen“.

Da dürfte ein Potenzial liegen. 20 Etagen in den Türmen der Deutschen Bank in Frankfurt in schicke Wohnungen umbauen – das könnte für Immobilienentwickler attraktiv sein. Aber ich denke, so weit sind wir noch nicht.

Entlastet es nicht auch den Wohnungsmarkt, wenn man auf dem Land digital arbeiten kann?

Das ist grundsätzlich richtig. Man weiß: In New York sind die ersten Büroangestellten schon ins schöne Upstate gezogen. In Glasgow gibt es Wanderungsbewegungen in die Highlands. Wie viele Frankfurter schon in den Vogelsberg gezogen sind, weiß ich leider nicht.

Ende Juni läuft die staatliche Pflicht vom Homeoffice zur Corona-Bekämpfung aus. Nun wird in der Politik über das Recht auf Homeoffice gestritten. Sollte der Staat das unterstützen?

Unter Klimagesichtspunkten ein klares Nein. Es ist völlig unsicher, ob Homeoffice unter dem Strich das Klima ent- oder belastet. Da brauchen wir mehr Forschung. Wir sind dran. Naheliegend wären dagegen deutlich weniger Kurzstreckenflügen für Geschäftsreisende. Da gibt es jetzt eine echte Alternative.

Interview: Joachim Wille

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