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Im Gegensatz zu anderen Verkehrsmitteln fährt er völlig emissionsfrei: Der Wasserstoffzug an der Bahnstation vor dem VW-Werk in Wolfsburg.

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Wasserstoff- statt Diesellok

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Der Bahntechnikkonzern Alstom setzt auf Brennstoffzellen-Technik. Die ersten emissionsfreien Züge sind seit September in Niedersachsen im Einsatz. Hessen will nun nachziehen.

Nach der Automobilbranche hat die Diesel-Debatte längst auch die Bahn-Branche erfasst. In vielen Bundesländern wird überlegt, wie der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) auf nicht elektrifizierten Bahnlinien von den Rußfahnen befreit werden kann, die Dieselloks und -triebfahrzeuge hinter sich herziehen.

Seit September 2018 sind zwischen Cuxhaven und Buxtehude (Elbe-Weser Netz) die beiden ersten mit Wasserstoff betankten Triebfahrzeuge täglich im Einsatz. Die Züge des Typs „Coradia iLint“, gebaut von der deutschen Landesgesellschaft des französischen Bahntechnikspezialisten Alstom, werden von emissionsfreien Brennstoffzellen angetrieben und sind nach Hersteller-Angaben bereits 50 000 Kilometer unterwegs.

„Unser Triebfahrzeuge haben eine Verfügbarkeit von 90 Prozent. Das ist für uns ein voller Erfolg“, bilanziert Alstom-Sprecherin Tanja Kampa auf FR-Anfrage die ersten Monate des deutschen Pilot-Betriebs von Wasserstoff-Zügen im regulären Fahrplanverkehr. In zwei Jahren wolle die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen den Fahrzeugpool auf 14 Triebfahrzeuge aufstocken.

Auch in Hessen wird schon bald die neue Eisenbahn-Epoche mit gleich 26 Wasserstoff-Zügen eingeleitet. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) steht kurz vor dem Kauf der Triebfahrzeuge mit dem zukunftsweisenden Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieb für vier Bahnlinien im Taunus. „Im ersten Halbjahr 2019 werden wir den Kaufvertrag für die Triebfahrzeuge und deren Instandhaltung unterzeichnen“, teilt RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann mit.

Der Verkehrsverbund Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in Nordrhein-Westfalen hat hingegen im vergangenen Jahr eine europaweite Ausschreibung rückgängig gemacht und die eigentlich festgelegte Entscheidung für den iLint revidiert. „Am Ende scheiterte das Verfahren aus Gründen der Wirtschaftlichkeit“, begründete der VRR seinen Rückzieher. Alstom sei nicht in der Lage gewesen, den in Aussicht gestellten Kostenrahmen einzuhalten. Alternativen? Keine. Einen anderen Zughersteller, der sich auf die Ausschreibung für Wasserstoff-Züge bewerben könnte, gibt es nicht.

Um den nicht erwarteten Rückschlag zu kompensieren, war Alstom nun auf Werbetour in Deutschland und Europa unterwegs. Von Ende Januar bis Mitte Februar hat der Zughersteller mit Sitz in Salzgitter seinen Coradia iLint in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen, Berlin und Brandenburg auf Präsentationsfahrt geschickt. „Wir stehen auch mit anderen Bundesländern in aktiven Vertragsverhandlungen über den Einsatz von Wasserstoffzügen“, sagt Alstom-Sprecherin Kampa. „Die neue Technik gewinnt auch in anderen Ländern wie Italien, Spanien, England, den Niederlanden und in Skandinavien, aber auch in Kanada an Bedeutung.“

Im Rhein-Main-Gebiet laufen die Vorbereitungen für den größten Fahrplaneinsatz in Deutschland auf Hochtouren. Die europaweite Ausschreibung des RMV sieht im Gesamtpaket neben den Triebfahrzeugen auch die Instandhaltung und Betankung der neuen Züge mit Wasserstoff vor. Für die erforderliche Infrastruktur werden derzeit verschiedene Optionen geprüft.

Eine davon befindet sich im Industriepark Höchst im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil. „Dort fallen jeden Tag sieben Tonnen Wasserstoff als Nebenprodukt an – eine Menge, die für den voraussichtlich benötigten Verbrauch mehr als ausreicht. Das passende Tankstellen-Konzept liegt bereits vor“, so die RMV-Sprecherin. Der spätere Betreiber braucht schließlich die Gewissheit, dass das Infrastrukturunternehmen auch die Kompetenz und die Erfahrung in der Wasserstoff-Betankung hat.

„Infraserv Höchst hat beides“, verspricht Thomas Bayer, Projektleiter bei der Infraserv, Standortbetreiber des Industrieparks in Höchst. „Voraussetzung ist ein Tank, der den Druck von bis zu 500 bar garantiert, bei dem die Betankung erfolgt. Unsere Investitionskosten für Verdichtung, Speicherung, Transport und Betankung liegen im zweistelligen Millionenbereich.“

Doch wie sieht es mit den Gefahren der Brennstoffzellen-Technologie aus? „Wasserstoff ist das leichteste aller chemischen Elemente“, erklärt Bayer. „Deshalb ist das Volumen sehr groß, das Gewicht hingegen klein. Deshalb wurden früher die Luftschiffe auch mit Wasserstoff gefüllt.“ Unweigerlich kommen da die Bilder der Zeppelin-Katastrophe von Lakehurst in den Sinn. Doch Bayer versucht, Ängste zu zerstreuen: „Jede Form von Treibstoff hat ein Risiko. Es ist die Aufgabe, die Technik sicher zu machen.“ Bei Benzinmotoren bestehe auch die Gefahr einer Explosion, wenn ein Tank leckt und eine entweichende Gas- und Dampfwolke entzündet werde. „Der Vorteil beim Wasserstoff ist, dass dieser bei einem Leck nach oben austritt“, erläutert der Projektleiter. Da sich der Tank auf dem Dach der Züge befindet, würde entweichendes Gas nach oben austreten und wie eine Fackel verbrennen.

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