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Wasserkraftwerke bedrohen Europas Wildflüsse

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Von: Norbert Mappes-Niediek

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Die Wasserfälle von Jajce in Bosnien-Herzegowina: Der Fluß Pliva stürzt hier in den Fluß Vrbas.
Die Wasserfälle von Jajce in Bosnien-Herzegowina: Der Fluß Pliva stürzt hier in den Fluß Vrbas. © dpa

Zwischen Slowenien und Griechenland sollen rund 3000 Wasserkraftwerke entstehen. Der massive Ausbau der Wasserkraft bedroht die letzten Wildflüsse Europas.

Wie auf einem Nadelkissen stehen dicht an dicht kahle Buchenstämme auf verschneiter Bergkuppe. Zwischen den Hügeln reflektieren schmale Bäche den stahlblauen Himmel. Wo es einsam ist, ist Bosnien wunderschön. Wo nicht, meist weniger. Wenn die junge Ökologin Jelena Ivanic der Tristesse ihrer Stadt Banja Luka entfliehen will, hat sie die Auswahl zwischen der wilden Schlucht des Vrbas und den sanften Bergen hier rund um die Quelle der Sana. Aber auch um die letzte Ressource, seine Landschaft, muss der geplagte Balkan kämpfen – mit sich selbst ebenso wie mit einem ignoranten Europa.

Zwischen Slowenien und Griechenland sind nicht weniger als 3000 Wasserkraftwerke geplant oder im Bau, sagt Ulrich Eichelmann von Riverwatch. Die in Wien ansässige Naturschutz-Organisation erhebt den Stand alle zwei Jahre – und war von der weltweit bislang unbekannten Zahl selber überrascht. Betroffen sind alle Flüsse, darunter die letzten wilden des Kontinents.

Mit dem Idyll an der Sana-Quelle, wo im Umkreis von ein paar Dutzend Metern überall sprudelnde Bäche aus dem Erdreich brechen und sich in kürzester Zeit zu einem ansehnlichen Strom sammeln, ist es bald vorbei, sagt Jelena und stapft durch den Matsch, den die Bagger hinterlassen haben. Hier baut ein Stromversorger aus Kärnten, Hauptanteilseigner ist die deutsche RWE, ein Kleinkraftwerk: Alles Wasser soll in Röhren durch einen Berg geleitet werden und dann mächtig in eine Turbine herabfallen und so Strom erzeugen.

Gerechtfertigt, wenn überhaupt, werden die beträchtlichen Eingriffe in die Natur mit Energiewende und Klimaschutz. Die Länder der Region haben sich mit den EU-Mitgliedsstaaten zu der in Wien ansässigen Energy Community zusammengeschlossen und verpflichtet, bis 2020 zwischen 25 und 40 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Dazu gehört die Wasserkraft. Handlungsbedarf gäbe es wirklich: Heute produzieren die 16 großen, veralteten Kohlekraftwerke in der Region fast genauso viel Ruß, Staub und Schmutz wie die 296 Kohlekraftwerke in der ganzen EU.

Wasserkraft, so scheint es, ist die Lösung – oder wenigstens ein Teil davon. Die wirklichen Motive aber, meint der US-amerikanische Gewässerökologe Stephen Weiss, der in der Region forscht, liegen woanders: „Die Investoren, die den Ausbau betreiben, wissen nicht wohin mit ihrem Geld.“

Aus Wasserkraft wird Strom gewonnen, seit vor 150 Jahren der Deutsche Werner von Siemens den Generator erfand. Staudämme gehören zu den legendären Bauwerken der Industriegeschichte. Die ehrwürdige Tradition sei für die Natur kein Vorteil, meinen Naturschützer. Energiefirma, Baufirma, Bank, das sei „ein eingespieltes Dreieck“, sagt Eichelmann. „Und das donnert jetzt in den Balkan und trifft dort auf Flusssysteme, die es bei uns so schon seit 200 Jahren nicht mehr gibt.“

Wichtigstes Energieproblem in der Region ist allerdings nicht Strommangel, sondern schlechte Energieeffizienz: Noch immer wird bei offenem Fenster geheizt, marode Leitungen verlieren den größten Teil ihrer Leistung. Zudem ändern die allermeisten neuen Wasserkraftwerke an der fatalen Klimabilanz der Balkanländer kaum etwas. Um auch nur eines der großen Kohlekraftwerke in Bosnien oder im Kosovo zu ersetzen, sind sie alle zusammen zu klein – mit einer Kapazität von fünf, manchmal weniger als einem Megawatt. Egal wie klein das Kraftwerk ist, den Flusslauf ändert es unrettbar. „Small is beautiful“, so Eichelmann, das sei „so eine Formel, die sich eingegraben hat.“ Geht es um Wasserkraft, ist die Formel fatal.

Bei Kleinkraftwerken sei „das Risiko besser einschätzbar“, verteidigt Kelag-Auslandschef Ingo Preiss die Entscheidung – und meint damit mögliche Änderungen am Tarif oder am Förderungssystem, die die Anlagen unrentabel machen könnten.

Bosnien zahlt etwa für eingespeisten Strom fast den doppelten Marktpreis, eine fette Subvention. Zusätzlich dürfen Unternehmen auf dem Balkan für ihre Kraftwerksprojekte auch mit günstigen Krediten rechnen, etwa von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, der EBRD. Wie das öffentlich finanzierte Institut den voraussichtlichen wirtschaftlichen Ertrag eines Projekts und den Eingriff in die Natur gegeneinander abwägt, lässt sich deren Umweltdirektor Dariusz Prasek nicht entlocken. Da gebe es keine Formel, schließlich gehe es „weniger um Wissenschaft als um Kunst“.

Flüsse gliedern auf dem Balkan das Land, geben den Landschaften ihre Namen, verbinden die Volksgruppen. Traditionell sind hier die wichtigsten Bauwerke Brücken – die alte Brücke von Mostar etwa, oder die Brücke über die Drina, über die der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andric seinen berühmten Roman schrieb. Aber auch wirtschaftlich haben sie ihre Bedeutung – für die urtümliche, wenig intensive Landwirtschaft und vor allem für den Natur-Tourismus.

„Die allerwenigsten Mitteleuropäer haben jemals einen echten Fluss gesehen“, sagt Eichelmann. Was man unter dem Namen kenne, seien Kanäle, nicht die breiten Tallandschaften, durch die sich mal hier-, mal daher das Wasser ergießt. Unterhalb von Kraftwerken, auch von kleinen, bleibt nur ein schmales, gerades Rinnsal zurück. Eine der wenigen realistischen Hoffnungen in der Region, die kaum attraktive Bauwerke und keine strahlenden Metropolen zu bieten hat, ist der Öko-Tourismus: Eine unberührte Natur, gepaart mit ein wenig Abenteuer und Karl-May-Romantik, Wildwasserkajak, Fliegenfischen – wie Kanada: nur eben wärmer und näher.

Aber der monströse Ausbau der Wasserkraft bedroht auch die klassischen Juwelen der Reisebranche und wichtigsten Devisenquellen: die Strände von Montenegro, Albanien und manchen kroatischen Inseln. Fein zerrieben, landet das viele Gestein, das Flüsse mit sich führen, besonders das vom bröckligen Balkan, an den Küsten an, erklärt der Gewässerforscher Christoph Hauer von der Universität für Bodenkultur in Wien. Ohne die Sedimente, die an Staudämmen zurückgehalten werden, bilde auch jedes Flussdelta sich zurück – wie das des Mississippi, das ganz verschwunden ist und dem Hurrikan Katrina freies Feld überlassen hat.

An der Quelle der Sana gräbt unermüdlich der Bagger. Im endlosen Meer kahler Buchen steht in der Ferne eine kleine serbisch-orthodoxe Kirche. Neben der Kirche stehen drei Häuser. Ljubinka, eine Frau in den Fünfzigern, füttert die Ziegen. Es ist ruhig hier, nur sie, ihr Mann und ihr Sohn wohnen hier; die anderen sind längst fortgegangen. Natürlich wollen sie das Kraftwerk da unten nicht, und das hat die energische Frau den Herren von der Gemeinde auch deutlich gesagt. Aber gebaut wird es trotzdem, sagt sie resigniert. „Sie waren halt mehr“, erzählt Ljubinka, „und sie waren mächtiger.“

Um in der einsamen Bergwelt mit den wenigen Menschen einen zu treffen, der sich gegen die Eingriffe wehrt, muss man eine knappe Stunde fahren. „Hier wird etwas sehr Wertvolles zerstört“, sagt Boro Jankovic, ein Künstler und Kleinunternehmer aus Belgrad, der in den bosnischen Wäldern einige Ferienbungalows vermietet. Ethnische Grenzen, sonst allgegenwärtig in der Region, kennt der Protest keine. Im kroatischen Dorf Gotu?a wehren sich die Anwohner ebenso dagegen, dass ihnen der Bach genommen wird, wie im zentralbosnischen Vitez, wo die „tapferen Frauen von Kru?cica“ nach einem brutalen Polizeieinsatz landesweite Berühmtheit erlangt haben.

Riverwatch will einen „Wildfluss-Nationalpark“

Dass die lokalen und die ausländischen Investoren ein Einsehen haben, können die Protestierenden sich kaum vorstellen – und wer hier seine Lebenserfahrung gesammelt hat, glaubt schon gar nicht an die Objektivität staatlicher Prüfungen. In Gotu?a und Vitez hoffen die Dorfbewohner, dass der Investor aufgibt – weil er mürbe ist oder weil er schon am Planungsverfahren genug verdient hat. In Albanien gehen die Pläne der Gegner weiter. Auf dem riesigen Skanderbeg-Platz in Tirana versammelten sich im letzten Herbst Zehntausende zu einem Konzert für Rettung der Vjosa, des größten, komplett naturbelassenen Wildflusses in Europa, der sich vom griechischen Pindos-Gebirge über 200 Kilometer durch den Süden Albaniens schlängelt.

Riverwatch will hier einen „Wildfluss-Nationalpark“ über die ganze Stromlänge errichten – nach dem Vorbild der USA, wo seit den 1960er Jahren 50 bis 60 Flüsse, die „wild and scenic rivers“ zur Gänze geschützt sind. Das werde „mit Sicherheit viele, viele Leute anziehen“, sagt Ulrich Eichelmann.

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