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Kostprobe: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (Zweiter von rechts) beim Besuch eines Wasserwerks.

Schwarzbuch Wasser

"Wasser schützen, bevor es zu spät ist"

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Die Arbeitsgemeinschaft Bio-Mineralwasser legt das Schwarzbuch Wasser vor. Es ist die erste bundesweite Bestandsaufnahme ihrer Art. Sie gibt Anlass zur Sorge.

Nicht nur die Luft in deutschen Städten ist schmutziger als sie es sein sollte. Auch im Wasser schwimmt manches, was besser nicht dort gelöst wäre. Das weiß, wer wie Manfred Mödinger genau hinsieht. „An das Märchen vom Wasser als bestuntersuchten Lebensmittel glaube ich nicht“, sagt der Ingenieur für Getränketechnologie und Brauwesen, der für die Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser das Schwarzbuch Wasser erstellt hat.

Nach dessen Lektüre betrachtet man kühles Nass mit anderen Augen. Nitrate, Pflanzenschutzmittel und deren Abbauprodukte oder Rückstände von Medikamenten sickern demnach immer mehr ins Grundwasser, vom Oberflächenwasser ganz zu schweigen.

„Die Zahlen sind erschreckend und eine deutliche Mahnung, dass wir unser Wasser schützen müssen, bevor es zu spät ist“, fasst Franz Ehrnsperger die Studie zum Zustand von Grund- und Trinkwasser in Deutschland zusammen. Er ist Chef des Verbands der Bio-Mineralwasserhersteller und schlägt Alarm. Es dürfe nicht sein, dass unser wichtigstes Lebensmittel weiter mit Stoffen belastet wird, die da nicht hingehören und deren Wirkung auf Mensch und Umwelt nicht abschließend geklärt sei, warnt er.

Medikamentenrückstände in allen Fließgewässern

Fachlich angreifbar sind Mödingers Befunde kaum. Sie speisen sich aus öffentlich zugänglichen Daten von Wasserwirtschaft, Bundesumweltamt oder der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser. Zu einem bundesweiten Wasserzustandsbericht verdichtet hat sie vor ihm noch niemand, sagt der Wasserexperte aus dem bayerischen Siegsdorf.

Der Tenor der Faktensammlung lässt ahnen, warum das Verantwortliche scheuen. 36 Prozent deutscher Grundwässer sind in chemisch schlechtem Zustand. 28 Prozent aller Grundwassermessstellen liegen über dem gesetzlichen Grenzwert für Nitrat. In gut 19 Prozent von ihnen sind Pestizide nachweisbar. Kein untersuchtes deutsches Fließgewässer ist noch frei von Medikamentenrückständen.

Öffentlich bekannt ist nur das Nitratproblem, vor dem aktuell auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnt. Es geht auf Überdüngung von Feldern mit Gülle vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zurück, weshalb die EU Deutschland bereits verklagt hat. Wegen drohender Kosten für die Nitratbeseitigung könnte der Trinkwasserpreis um bis zu 62 Prozent steigen, sagt der BDEW. Nitrate sind aber nicht das einzige Problem, nur das einzige, das bislang genauer unter die Lupe genommen wird.

Fehlendes Wissen über toxikologische Wirkungen

„Pflanzenschutzmittel werden wenige erfasst und Arzneimittelrückstände müssen von Gesetzes wegen überhaupt nicht untersucht werden“, kritisiert Mödinger. Bei Pestiziden komme erschwerend hinzu, dass - wenn überhaupt - nur die Stoffe selbst, nicht aber ihre Abbauprodukte analysiert werden. Diese Metabolite seien oft wasserlöslicher als das Ausgangspestizid. Medikamentenreste wiederum seien für Trinkwassergewinnung aus Uferfiltrat – gängig an großen deutschen Flüssen – ein kommendes Rückstandsproblem. Nachweisbar sind sie bereits in so gut wie jedem Fließgewässer.

Wie gefährlich sie oder hunderte per Umwandlung entstandene Metabolite sind, wisse mangels Forschung niemand genau, sagt der Experte. Auch das Bundesumweltamt beklagt fehlendes Wissen über toxikologische Wirkungen solcher Gewässerbelastung. Rund fünf Prozent der bundesweiten Grundwassermessstellen haben zuletzt Pestizide über dem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm je Liter registriert. Das klingt nach wenig.

Mödinger warnt vor trügerischer Sicherheit. Teils vor Jahrzehnten auf Feldern ausgebrachte Stoffe würden derzeit noch in tonigen Erdschichten zurückgehalten. „Aber wenn die Filterkapazität einmal erschöpft ist, kann alles schlagartig in die Tiefe durchbrechen“, warnt der Wasserexperte. Er kennt jüngste Fälle, wo Mineralquellen mit Pestiziden aus den 70er Jahren verseucht wurden. Es gebe eine Reihe von „kommenden Stoffen“, unter ihnen als Bienenkiller bekannte Neonicotinoide.

Nicht nur auf den Gesetzgeber warten

Aber für Pestizide gebe es wenigstens noch Grenzwerte für Trinkwasser, wenn auch nicht für normales Mineralwasser, sagt Mödinger. Für Medikamentenrückstände gebe es die gar nicht. Dabei stufe das Umweltbundesamt 1200 gebräuchliche Humanarzneien als umweltrelevant ein. Als wassergefährdend würden auch Röntgenkontrastmittel gelten. Vielfach gebe es keine Nachweisverfahren, geschweige denn eine öko-toxikologische Bewertung. Wasserwerke an Rhein, Ruhr, Elbe und Donau hätten mangels dessen hilfsweise Zielwerte für Medikamentenreste festgelegt, die aber oft überschritten würden.

Bei dieser Faktenlage dürfe man nicht mehr nur auf den Gesetzgeber warten, appelliert Ehrnsperger. Um weiteren Schadstoffeintrag ins Erdreich und weiter ins Grundwasser zu stoppen, sei agrochemiefreier Ökolandbau das Gebot der Stunde. Das machen Hersteller von Bio-Mineralwasser, um ihre Quellen zu schützen. Auch einzelne Wasserversorger versuchen, in ihren Einzugsgebieten Bauern zur Umstellung auf einen Ökohof zu bringen.

Was möglich ist, hat Österreich vorgemacht. Dort wurde der Ökolandbau auf 22 Prozent der Landwirtschaftsfläche ausgedehnt, das Dreifache des deutschen Werts. Binnen 20 Jahren ist parallel die Quote von Messstellen mit überschrittenem Nitrat-Grenzwert von 16,4 auf 10,8 Prozent gesunken. Wasserschutz per Ökolandbau greift, aber es dauert. „In Deutschland sind wir von einer Trendwende bei der Wasserbelastung noch weit entfernt“, sagt Mödinger.

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