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Passagiere am Flughafen in München: Am Boden und am Himmel wird es immer enger für Airlines und Fluggäste.

Luftverkehr

Warten, warten, warten

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Was für ein Chaos-Sommer für Flugpassagiere. Es gab so viele Verspätungen und annullierte Flüge wie nie zuvor. Politiker und Branchenvertreter geloben Besserung und wollen auf einem Gipfeltreffen konkrete Gegenmaßnahmen beschließen.

Verspätungen, kurzfristig annullierte Verbindungen, Informationschaos – die Probleme im Flugverkehr haben die Geduld von Millionen Flugreisenden in diesem Sommer massiv auf die Probe gestellt. Nach Angaben von Branchenexperten hat es nie zuvor so viele Störungen im deutschen Luftraum gegeben. Die Zahl der gestrichenen Flüge und Verspätungen ist zwischen Mai und August um 100 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer verspricht nun Abhilfe. Gemeinsam mit Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hat der CSU-Politiker für diesen Freitag zu einem Luftverkehrsgipfel in die Hansestadt geladen. „Wir müssen uns mit allen Beteiligten zusammensetzen, einen Maßnahmenkatalog entwickeln und Lösungsansätze besprechen“, kündigte er an.

An dem Treffen nehmen neben Tschentscher und Scheuer der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der Chef des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und der Deutschen Flugsicherung, Klaus-Dieter Scheurle, der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr und der Chef des Frankfurter Flughafens, Stefan Schulte, teil.

In Vorbereitungspapieren für den Luftverkehrsgipfel heißt es, der Flugverkehr in Europa werde durch „die begrenzte Kapazität der Flugsicherungen, Streiks bei nationalen Flugsicherungsorganisationen und großen europäischen Fluggesellschaften sowie Extremwetterlagen“ belastet. Die Insolvenz von Air Berlin und die Übernahme der Flotte durch Wettbewerber hätten die Probleme noch vergrößert.

In der Erklärung, die in Hamburg beschlossen werden soll, sind unter anderem Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel bei der Flugsicherung vorgesehen. Fluglotsen müssten künftig zeitlich flexibler eingesetzt, die Ausbildungskapazitäten ausgeweitet werden. Die Airlines sollen zudem die Disposition ihrer Maschinen verbessern. Ein Vorschlag sieht vor, Ersatzflugzeuge für besonders verspätungsanfällige Strecken bereitzuhalten. Der Bund will zudem zusagen, die Vorgaben für die Sicherheitskontrollen an Flughäfen zu überarbeiten.

Bundesverbraucherschutzministerin Katarina Barley (SPD) pocht auf unbürokratische und rasche Entschädigungen bei Verspätungen und Ausfällen. „Die Airlines müssen ihren Kunden kompetente Anlaufstellen für die Entgegennahme von Beschwerden und Abwicklung von Entschädigungsansprüchen bieten“, sagte Barley. „Verbraucher haben ein Recht darauf, ihre Ansprüche ohne Verlust von Zeit und Geld zu erhalten. Schließlich muss dazu auch der Online-Zugang zu Informationen zu Entschädigungen, Beschwerden und Schlichtung für die Reisenden übersichtlicher werden.“ Leidtragende von Verspätungen und Annullierungen seien immer die Fluggäste.

Fluggesellschaften dürften nicht mehr zulasten der Verbraucher an Personal und Ersatzmaschinen sparen, sondern müssten hinreichend Reserven vorhalten, um Engpässe auszugleichen. „Wer einen Flug anbietet, muss ihn auch durchführen“, sagte Ministerin Barley. Wenn es zu einem Ausfall oder einer erheblichen Verspätung komme, sei es Aufgabe der Fluggesellschaften, von sich aus Entschädigung zu leisten. Ähnlich äußerte sich Deutschlands oberster Verbraucherschützer, Klaus Müller. „Im Vordergrund des Fluggipfels sollten die Interessen der Verbraucher stehen. Die Durchsetzung ihrer Rechte muss leichter werden“, sagte der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) auf Anfrage. „Dazu müssen sich die Flugunternehmen verpflichten, zeitnah, automatisiert und online-basiert zu entschädigen.“

Hamburgs Bürgermeister Tschentscher sagte der Funke Mediengruppe, er könne sich ein Preissystem vorstellen, das unpünktliche Airlines zusätzlich zur Kasse bittet. „Kurzfristig sollte jeder Flughafen seine Start- und Landegebühren so gestalten, dass verspätete Ankünfte und Abflüge für die Airlines spürbar teurer werden“, forderte der SPD-Politiker.

Nach einer Übersicht des kommerziellen Internetportals Air Help sind in Deutschland seit Beginn des Jahres mehr als 14.000 Flüge ausgefallen, mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 28,8 Prozent aller Flüge in Deutschland waren entweder verspätet oder wurden ganz gestrichen und lösten so Ansprüche der Passagiere an die Fluggesellschaften in Höhe von 823 Millionen Euro aus, heißt es in einer Mitteilung des Portals. Das sei ein Höchstwert in Europa, obgleich es etwa in Großbritannien mehr Passagierflüge gab als hierzulande. „In diesem Jahr gab es in Europa ein Flugchaos wie nie zuvor, und deutschen Reisenden wurde der Urlaub besonders häufig vermiest“, sagte Laura Kauczynski von Air Help.

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