Nichts zu tun: Lufhansa-Ticketverkauf am Münchner Flughafen. 
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Nichts zu tun: Lufhansa-Ticketverkauf am Münchner Flughafen. 

Flugtickets

Warten auf die Erstattung

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Verbraucherschützer vermuten eine gezielte Verzögerungstaktik der Fluglinien. Der Reiseverband VDR sieht den Zeitpunkt gekommen, Vorauszahlungen abzuschaffen.

Es geht um Milliarden Euro. Tausende Airline-Kunden warten seit Monaten auf die Erstattung von Tickets für stornierte Flüge. Rufe werden immer lauter, die seit Jahren umstrittenen Vorauszahlungen für Flugscheine abzuschaffen. Wie im Hotel soll künftig erst bei der Erbringung der Leistungen gezahlt werden, fordert der Geschäftsreiseverband VDR.

Für viele Flugreisende ist es selbstverständlich, dass mit der Buchung seines Fluges auch augenblicklich gezahlt wird. Obwohl die Dienstleistung – Beförderung mit einem Jet – oft erst viele Monate später erbracht wird. De facto handelt es sich bei so einem Geschäft um einen zinslosen Kredit, den die Passagiere in spe der Airline gewähren. Die gesamte Luftfahrtbranche hat ihre Geschäftsmodelle darauf ausgerichtet, so versorgen sich die Unternehmen mit Liquidität. Schon vor Jahren gab es erste Initiativen diese Praxis abzuschaffen – vor allem weil die Zahlungen bei der Insolvenz einer Fluglinie mit großer Wahrscheinlichkeit futsch sind. Jetzt ist angesichts der Corona-Krise mit der zeitweise fast vollständigen Einstellung des Flugbetriebs das Thema wieder hochgekocht.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr räumte auf der Hauptversammlung seines Unternehmens Anfang Mai ein, dass noch 1,8 Milliarden Euro erstattet werden müssten. Spohr versprach die Forderungen zügig zu bearbeiten. Ende Juni war es aber immer noch gut eine Milliarde Euro. Bis Mitte August soll nun alles geregelt sein. Bei vielen anderen Airlines sieht es ähnlich aus. Ryanair etwa verspricht, dass Ende Juli 90 Prozent der Ansprüche ausgeglichen sein sollen. Dabei sind die Unternehmen eigentlich verpflichtet, das Geld innerhalb von sieben Tagen zurück zu überweisen. Die Branche rechtfertigt die Verzögerungen mit der Pandemie.

Verbraucherschützer und Experten für Fluggastrechte sind sich allerdings sicher, dass hier eine gezielte Verzögerungstaktik gefahren wird. So beklagt der Verbraucherzentrale Bundesverband, dass „fast alle Airlines“ den Kunden das Recht auf Rückerstattung erschwerten. Dabei werde mit Tricks und irreführenden Informationen gearbeitet: Es werde suggeriert, dass nur umgebucht oder ein Gutschein verlangt werden könne. Es würden unrechtmäßige Stornogebühren verlangt. Auf das Rückerstattungsrecht werde „so kompliziert und versteckt wie möglich“ hingewiesen. Und die Lufthansa hat eingeräumt, dass sie auf ihrem Geschäftskundenportal die Funktion für automatisierte Erstattungen abgeschaltet hat. Begründung: Einzelfallprüfungen seien nötig.

Als Konsequenz der Querelen fordert der VDR nun, das „Kundenkreditmodell“ abzuschaffen. Der „systemimmanente Fehler“ könne bei künftigen Krisen (Vulkanausbrüche, regionale Konflikte) erneut zum Tragen kommen. Der Verband schlägt ein neues Bezahl-Prinzip unter dem Motto „Pay as you check in“ vor. Gemeint ist ein Verfahren, das bei Hotelbuchungen seit Jahren praktiziert wird: Der Kunde gibt bei der Buchung seine Kreditkarten-Daten an. Damit wird das Geld zwar bereitgestellt, aber noch nicht vom Konto des Kunden auf das Konto des Hotels/der Airline überwiesen.

Die tatsächliche Transaktion soll erst beim Check-in im Flughafen geschehen. „Findet ein Flug nicht statt, erfolgt auch keine Transaktion und der Kunde muss keinerlei Vorleistungen zurückfordern. Ebenso entfiele der Aufwand für die Erstattungen auf Seiten der Fluggesellschaften“, sagte VDR-Präsident Christoph Carnier dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Krise als Chance

Das Modell biete Rechtssicherheit, da keine Ansprüche im Nachgang erfüllt werden müssten. Und der Staat müsse nicht einspringen, um den Rückerstattungsverpflichtungen insolventer Fluggesellschaften nachzukommen. Dem Verband schwebt vor, dass „Pay as you check in“ für alle Tarife als Auswahloption festgelegt wird. Vorauszahlungen sollen zwar nicht komplett wegfallen, die Entscheidung für einen sofort zu bezahlenden Tarif aber ausschließlich beim Kunden liegen.

Der VDR hält den idealen Zeitpunkt für eine Umstellung gekommen: „Die Krise bietet aus unserer Sicht die Chance, ein neues Modell aufzusetzen, das ausgewogen die Risiken verteilt und zudem die bisherige Praxis, die Geschäftsreisende und private Verbraucher gleichermaßen benachteiligt hat, zu beenden“, erläutert Carnier. Derweil fordern immer mehr Bundestagsabgeordnete, die Fluglinien zügig in die Pflicht zu nehmen. Das Luftfahrtbundesamt soll sich der Sache annehmen.

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