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Für E-Autos von Kia müssen Kunden mit bis zu zwölf Monaten Lieferzeit rechnen.

Mobilität

Warten auf E-Autos

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Das Interesse der Käufer an strombetriebenen Fahrzeugen wächst. Doch die Hersteller haben die Nachfrage falsch eingeschätzt. Jetzt gibt es lange Lieferzeiten.

Die lange verschmähten Elektroautos stoßen bei den Autokäufern auf immer mehr Interesse. „Die Neuzulassungen bei Elektroautos bewegen sich zwar noch immer in homöopathischen Dimensionen. Der Durchbruch ist noch längst nicht erreicht“, sagt Autoexperte Peter Fuß von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aber es ist deutlich zu erkennen, dass sich die Nachfrage der Kunden in jüngster Zeit spürbar erhöht hat.“

Im ersten Halbjahr sind die Verkäufe in den fünf größten Märkten in Europa (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien) um mehr als ein Viertel gestiegen – bezogen auf reinrassige Stromer und Pkw mit Plug-in-Antrieb. Allerdings sind die absoluten Zahlen noch bescheiden. Der Marktanteil beträgt nun 2,1 Prozent – nach 1,9 Prozent im Vorjahr.

Doch mehr wäre möglich. Allenthalben beschweren sich Kaufwillige, dass die Fahrzeuge mit dem batterie-elektrischen Antrieb kaum zu kriegen sind. Zumindest nicht mehr 2019. Lieferzeiten von einem Jahr sind keine Seltenheit. Selbst bei einem Fahrzeug, für das der Kunde mindestens 40.000 Euro auf den Tisch legen muss, wie dem E-Niro von Kia. Allerdings hat er auch einiges zu bieten: Das wuchtige Sports Utility Vehicle (SUV) kommt nach Firmenangaben mehr als 400 Kilometer weit, im Stadtverkehrs-Zyklus sollen es sogar gut 600 Kilometer sein. Ein Fahrzeug also, das von vielen Nutzern mutmaßlich nur einmal alle zwei Wochen geladen werden muss. Doch wer sich im Internet einen E-Niro konfigurieren will, bekommt folgenden Hinweis zu lesen: Die europaweite Nachfrage übertreffe „deutlich die Erwartungen und die aktuellen Kapazitäten im Bereich der Batterieproduktion“. Es komme deshalb in Deutschland „zu deutlich verlängerten Lieferzeiten“. Bei Neuaufträgen sei aus heutiger Perspektive mit mindestens zwölf Monaten zu rechnen.

Unbestritten ist, dass es die Batteriehersteller – der Markt wird von einer Handvoll Unternehmen aus Japan, Südkorea und China dominiert – mit einem stark wachsenden Bedarf nach Lithium-Akkus zu tun haben. Dabei geht es nicht nur um Pkw, sondern auch um Pedelecs, Elektrotretroller, aber auch um kabellose Staubsauger, Akku-Schrauber und andere Werkzeuge. Nicht zu vergessen, dass Hunderte Millionen Handys und Laptops mit den Batterien bestückt werden müssen. Aus der Branche ist immer wieder zu hören, dass die Batteriehersteller frühere Lieferzusagen zurücknehmen und momentan ihre begehrten Produkte meistbietend veräußern.

Bewusste Verknappung?

Das dürfte insbesondere Autobauern nicht gefallen. Die haben ohnehin das Problem, dass sie mit den Batterie-Elektrischen derzeit deutlich weniger verdienen als mit den seit Jahrzehnten bewährten Verbrennern. So hat Porsche-Chef Oliver Blume gerade durchblicken lassen, dass er ein Effizienzprogramm angeschoben hat, um niedrigere Renditen im E-Auto-Geschäft des SUV- und Sportwagenbauers zu kompensieren. Mehr als 2000 Einzelmaßnahmen sollen laut „Handelsblatt“ zur Debatte stehen.

Von Umweltschützern ist seit geraumer Zeit der Vorwurf zu hören, dass Autobauer die Stückzahlen der Stromer bewusst klein hielten, um den Absatz der Verbrenner und damit zugleich die Gewinnspannen bei Neuwagenverkäufen insgesamt hoch zu halten. EY-Experte Fuß kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: „Denn einerseits brauchen die Unternehmen ganz dringend die Stromer, um die Abgasvorgaben der EU für 2021 zu erfüllen. Zweitens nützen mehr Fahrzeuge auf der Straße den Herstellern, um Erfahrungen mit der E-Mobilität zu sammeln, was dann wiederum Verbesserungen für nachfolgende Modelle bringt.“

Aktuelle Lieferengpässe hätten damit zu tun, „dass sich die Autobauer mit Bedacht und Vorsicht ins neue Feld der Elektromobilität vortasten“, so Fuß. Die Konzerne wollten nicht das Risiko eingehen, Autos auszuliefern, die sie einige Monate später wegen Mängeln zurückrufen müssten. „Der Flaschenhals, den wir momentan bei der Elektromobilität sehen, wird durch die Qualitätsanforderungen für die Fahrzeuge bedingt.“ Hinzu kommt nach Ansicht von Branchenkennern aber auch: Die Hersteller haben das in den vergangenen Monaten gestiegene Interesse der Kunden schlicht falsch eingeschätzt.

Fuß ist jedenfalls davon überzeugt, dass sich mit dem Hochlauf der E-Auto-Fertigung die Lage bei den Renditen wieder deutlich verbessern werde. „Die Branche steht gewissermaßen am Fuße eines Berges und vor ihr liegt ein steiler und beschwerlicher Anstieg mit geringen Margen. Diese Kraftanstrengung muss bewältigt werden“, erläutert der EY-Experte, der davon ausgeht, dass es in den kommenden zwölf Monaten erheblich mehr Neuzulassungen von E-Autos geben wird. Volkswagen etwa will von 2020 an mit den ID-Modellen eine ganz Familie vollelektrischer Pkw auf den Markt bringen.

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