Soll abgerissen werden: Karstadt am Hermannplatz in Berlin.
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Soll abgerissen werden: Karstadt am Hermannplatz in Berlin.

Verödung der Innenstädte

Die Warenhauskrise

  • vonJulia Rathcke
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Corona beschleunigt den Niedergang der Kaufhaus-Kultur. Innenstädte ohne Handel kann es aber nicht geben. Ein Zukunftsszenario.

Großstadt, Weltstadt, Karstadt“ – so selbstbewusst bewarb man vor hundert Jahren noch jenes Warenhaus in Berlin-Kreuzberg, von dessen Glanz heute wenig übrig geblieben ist. Den großen, grauen Betonklotz am Hermannplatz will der Karstadt-Kaufhof-Eigentümer René Benko abreißen und das Gebäude im Originalstil der 30er-Jahre wiedererrichten lassen. Eine Auferstehung der Kaufhauskultur aber wird es nicht geben. Die Karstadt-Filiale mit bislang 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche soll in einer „zukunftsfähigen Größe“ weitermachen – mit Büro- und Gewerbeflächen in den anderen Etagen, einer öffentlichen Dachterrasse, Gastronomie, Kunst- und Kulturangeboten.

Es ist eine beispielhafte Entwicklung. Erst vergangene Woche sorgte Deutschlands letzte große Warenhauskette wieder einmal für Schlagzeilen: Galeria Karstadt Kaufhof will nun 62 seiner 172 Filialen und 20 der 30 Karstadt-Sport-Häuser schließen, mehr als 5000 Menschen verlieren ihre Arbeit. Das Amtsgericht Essen hat bereits ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für die Warenhauskette und acht zugehörige Unternehmen angeordnet. Es schließt an das Schutzschirmverfahren an, in das sich der Konzern Anfang April retten musste. Und während in Berlin immerhin fünf von elf Kaufhäusern bestehen bleiben sollen, werden Schließungen die meisten Standorte hart treffen – und die Fußgängerzonen deutscher Durchschnittsstädte weiter veröden.

„Eine Epoche ist an ihr Ende gekommen“, sagt Architekt und Städteplaner Wolfgang Christ, „und niemand wollte es wahrhaben.“ Experten wie der langjährige Professor an der Bauhaus-Universität Weimar prognostizieren einen Leerstand von 20 bis 30 Prozent der Handelsflächen in den Fußgängerzonen – schon innerhalb der nächsten Jahre. Mehr als hundert Galeria-Kaufhof-Karstadt-Filialen bleiben deutschlandweit den jüngsten Plänen zufolge zwar bestehen, für Experten ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch die dichtgemacht werden.

Und es sind nicht die einzigen: Der angeschlagene Modekonzern Esprit kündigte in dieser Woche an, die Hälfte seiner Geschäfte in Deutschland zu schließen – insgesamt 50 Filialen. Etwa 1100 Stellen in den Läden und der Verwaltung sollen gestrichen werden, weitere 100 Stellen sollen in Asien wegfallen.

Egal ob Esprit, Appelrath Cüpper oder Sinn Leffers: Bekannte Namen schützen in der Textilbranche nicht mehr vor dem Absturz. Fast im Wochentakt mussten seit Ausbruch der Corona-Krise namhafte Modehersteller und Textilhändler Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen oder gleich Insolvenzanträge stellen. „Wir laufen große Gefahr, dass Traditionshäuser, die unsere Innenstädte seit vielen Jahrzehnten prägen, in die Insolvenz gehen“, warnte Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE).

Wie also werden die Fußgängerzonen der Zukunft aussehen? Werden die Geisterstädte, wie wir sie im Corona-Frühjahr 2020 erlebt haben, langfristige Realität? Welche Konzepte und Lösungsansätze gibt es, um das zu verhindern?

Innenstädte werden seit jeher als Herzkammer einer Stadt begriffen, als Motor der Wirtschaft, als Bindeglied für sämtliche Funktionen und sozialen Schichten. Schon im Mittelalter waren Marktplätze die merkantile Mitte, der Raum für ökonomische, kulturelle, politische und gesellschaftliche Repräsentation. Sehen und gesehen werden als Prinzip, das gilt noch heute – nur eben nicht mehr rein analog, sondern zunehmend digital, in sozialen Netzwerken aller Art. Was einem lieb und teuer ist, wird auf Facebook gepostet, empfohlen werden Dinge oder Dienstleistungen von Influencern auf Instagram – gekauft wird über Onlineshops. Wozu also überhaupt noch in die Stadt gehen?

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg waren große Kaufhäuser Fixpunkte mit Magnetwirkung: Wo eines (ent)stand, kamen nicht nur die Kunden, es siedelten sich auch weitere Händler an: Fachgeschäfte, Dienstleister, Gastronomen. Wo erst Schienen die Stadtzentren zu Verkehrsknotenpunkten machten, sorgte man später mit dem Straßenausbau dafür, dass Menschen mit dem Auto noch bequemer und prestigeträchtiger den Weg in die Städte fanden.

Die 60er- und 70er-Jahre wurden zur Blütezeit der Warenhäuser – dank ihrer Festpreise, der Umtauschregelung und der schier riesigen Auswahl. Vom Seidentuch bis zum Kochlöffel gab es alles für jeden Geldbeutel. Es war die Zeit, in der die Deutschen nur die zwei Ks und die zwei Hs kannten: Karstadt und Kaufhof, Hertie und Horten. Es war die Zeit, in der Kaufhauskönige wie Helmut Horten mit dem Hubschrauber über Deutschland flogen, um neue Handelsflächen ausfindig zu machen. Es war vielleicht die Zeit, in der die 1000-jährige Handelsgeschichte ihren Höhepunkt erreichte.

Was gerade passiert, beschreibt Wolfgang Christ als konfliktträchtigen Transformationsprozess, in dem sich Städte angesichts der Digitalisierung befänden. Wobei „gerade“ bedeute – seit etwa 25 Jahren, eben seit dem Aufkommen von Amazon, Apple, Microsoft, Facebook und Google. „In keinem Wirtschaftszweig ist die digitale Transformation fortgeschrittener und vielerorts so krisenhaft spürbar“, schrieb Christ in einem Beitrag für ein Fachmagazin im Dezember – da war Corona noch gar nicht absehbar. Der 69-Jährige hatte 1999 einen Studiengang an der Universität Weimar eingerichtet, der auf einer Erkenntnis fußte: Städte und Händler müssen Konzepte entwickeln.

„Damals war ich ein einsamer Rufer“, sagt Christ heute. Lange Zeit hätten Politik, Wirtschaft und auch Städteplaner die Augen verschlossen vor dem, was längst sichtbar war. „Man hat über Jahrzehnte versucht, das Ende der Innenstädte abzuwenden, indem man alte Ansätze einfach weitergestrickt hat.“ Fußgängerzonen seien verlängert, Wohnräume in den Zentren weitgehend vermieden worden.

„Eine Epoche ist an ihr Ende gekommen“, sagt Christ, „und niemand wollte es wahrhaben.“ Christ spricht von einem „Titanic“-Moment, den es ohne Corona so nicht gegeben hätte. „Eine ganze Branche hielt sich für unsinkbar und hielt Kurs, trotz allem. Die Folgen der Digitalisierung sahen die meisten als Spitze des Eisbergs. Die Pandemie samt all ihren Maßnahmen und dem Lahmlegen des Einzelhandels beschleunigte den Aufprall bloß. Der Untergang ist nun unvermeidlich.“

Aber was wird aus kleineren und größeren Innenstädten ohne Handel? Nichts, sagen Experten wie Christ. Urbane Zukunftsszenarien gibt es so einige: Mal ist es die Landwirtschaft, die Leerständen entgegenwirken soll. Industriekonzerne wie Philips, Toshiba oder Panasonic bauen heute schon ehemalige Chipfabriken oder Hochhäuser zu Agrarflächen um – ohne jeden Kontakt zur Umwelt. So wachsen in Dubai oder Chicago Erdbeeren in Nährlösungen unter LED-Beleuchtung. Dachgärten mit Obst, Gemüse und Bienenstöcken sind auch in Berlin schon ein Trend.

Auch die „Smart City“ gilt als Idee der Zukunft und wird etwa im südkoreanischen Songdo City getestet: Tausende Sensoren, Chips und Kameras sammeln Wetter-, Umwelt- und Verkehrsdaten, Bilder von allen Straßen, Plätzen und Häusern. Anhand dieser Informationen steuert ein Computersystem die ganze Stadt. Droht etwa ein Verkehrsstau, ändert das System die Ampelschaltung. Verlassen Menschen ihre Wohnung, schaltet sich die Heizung ab. Ein ähnliches Konzept entwickelt derzeit auch das Fraunhofer-Institut mit der sogenannten „Morgenstadt“. Doch was nützen eine intelligente Verkehrsführung, ein klimaneutraler Supermarkt-Lieferservice und eine Hochhaus-Ökokultur, wenn die Menschen fehlen, die diese Stadtsysteme mit Leben füllen?

Für Wolfgang Christ ist es simpler. „Je stärker die Digitalisierung mit Hochgeschwindigkeit unser Leben bestimmt, desto mehr verlangen Menschen nach einer entschleunigten Gegenwelt mit greifbaren Grenzen“, so der Forscher. Anders gesagt: Wer im Onlineshop 347 Vorschläge bekommt, wenn er nach einem gelben Sommerkleid sucht, dem kommen fünf Kleider, die er im Geschäft gleich anfassen, anprobieren und direkt einpacken kann, womöglich ganz gelegen. Von dem „Bedürfnis nach einer analogen Insel im digitalen Meer“ spricht Christ. Das kann ein Kleidungsstück sein, ein Spaziergang im Grünen oder Kaffee mit Freunden.

Vieles davon hat Corona vorübergehend verhindert und beschränkt es immer noch – doch vielleicht ist es genau diese Sehnsucht nach haptischer Erfahrung, von der Innenstädte in Zukunft profitieren könnten. „Man muss den Menschen wieder einen Grund geben, in die Stadt zu kommen“, sagt Christ, „da geht es um drei Faktoren: Authentizität, Atmosphäre und Aura.“ Eine Stadt sollte mit ihrer Geschichte arbeiten, mit den historischen Gegebenheiten als Marketingmerkmal, sie sollte attraktiv gestaltet sein – womit nicht bloß ausreichend Parkplätze gemeint seien –, und sie sollte etwas Spürbares, Emotionales, Einzigartiges vermitteln, etwa über Persönlichkeiten, Denkmäler, besondere Orte.

Ihre Zentren vor der Verödung zu bewahren, das versuchen gerade vor allem kleinere deutsche Durchschnittsstädte, die nicht per se schon Touristenziele sind. Paderborn ist so ein Beispiel, 150 000 Einwohner, darunter 20 000 Studierende, ostwestfälische Idylle mit der Paderquelle als hübschem Alleinstellungsmerkmal. Seit drei Jahren hat Paderborn einen eigenen Citymanager, seit einem Jahr macht Heiko Appelbaum diesen Job. Der studierte Geograf und Medienwissenschaftler vermittelt zwischen Handel und Stadt und kümmert sich um Kunden, Wirtschaftsförderer und Werbeträger. Auch Leerstandsmanagement gehört dazu.

Manche Innenstadt wirkt so ausgestorben, dass Leerstandsverwaltung der Nachlassverwaltung eines Verstorbenen gleicht. Das ist zumindest in Paderborn aber nicht das Problem. Leerstand gebe es nur zum Teil in Nebenstraßen, sagt Appelbaum, in den Toplagen nicht. Auch die Kaufhof-Filiale soll bleiben. Und für das ehemalige Karstadt-Haus am Königsplatz fand man schnell eine Lösung. Nach kurzem Leerstand eröffnete die Uni einen Stadtcampus – und rückte damit nicht nur näher ins Zentrum, sondern schwemmte gleich die jungen Leute in die Fußgängerzone. Auch individuelle Gastronomie fülle viele Lücken, sagt Appelbaum, „hier gibt es weder Mc Donald’s noch Burger King in der Innenstadt“.

Sogar digital sollte Paderborn werden und bekam mit einem Modellprojekt 2019 bundesweite Aufmerksamkeit. Mit der Smartmarket-App sollten Kunden durch künstliche Intelligenz und Push-Mitteilungen direkt von der Straße in die Geschäfte gelockt werden – mit auf sie zugeschnittenen Angeboten. Doch die Kunden mit den Händlern zu vernetzen gelang in der Fläche nicht: „Zu wenig Kunden und auch zu wenig Händler haben die Chance ergriffen“, sagt Appelbaum.

Dann aber kam die Pandemie und zwang auch die letzten Digitalverweigerer ins Netz. Eine Plattform für kleine Händler sei entstanden, sagt Appelbaum, ein innerstädtischer, grüner Lieferdienst sei in Planung, um sich endlich von den Großen wie Amazon abzusetzen und zugleich die Region zu stärken. Paderborn erhofft sich eine Sogwirkung, von der auch Stadtforscher Wolfgang Christ glaubt, dass es funktionieren kann – wenn Politiker, Banker und Stadtplaner sich auf eine urbane Agenda einigen: eine Stadt der kurzen Wege schaffen, einen Ort zum Arbeiten, Einkaufen, Wohnen und Leben gleichermaßen. Eine analoge Antwort eben auf Bedürfnisse, die durch die Digitalisierung erst entstanden sind.

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