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Einsatzkräfte versuchen, die lodernden Flammen zu löschen.

Regenwald

Waldbrände am Amazonas: Gier nach Rohstoffen vernichtet den Regenwald

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Die Feuer am Amazonas zerstören die grüne Lunge der Erde. Der Westen ist gefordert – auch weil seine Gier nach Rohstoffen den Regenwald mitvernichtet.

Der „Supertanker“ soll die Rettung bringen. Eingetroffen ist das gigantische rot-weiße Flugzeug in der Nacht zum Freitag. Boliviens Verteidigungsminister Javier Zavaleta hat den Feind ausgemacht: 846 Brandherde, die rund 738 000 Hektar Wald bedrohen oder bereits vernichtet haben. Auf die riesige Boeing B747-400 der amerikanischen Firma Global Supertanker setzen die Behörden ihre ganze Hoffnung, um die Feuersbrunst in den Savannen-Regionen Chiquitania und Chaco zu bändigen. Nicht nur Brasiliens Wälder brennen, auch Bolivien steht in Flammen.

Vor allem soll das Flugzeug auch den Vorwurf entkräften, Boliviens Regierung tue zu wenig, um die Brände zu bekämpfen. „Senor Evo Morales, unser Chiquitania steht in Flammen“, rief die Lokalpolitikerin Kary Mariscal in einem dramatischen Video dem bolivianischen Staatspräsidenten zu. Im Hintergrund des Clips fegt eine Feuerwalze über das Land. Aufgenommen wurde der Hilferuf im ostbolivianischen Puerto Suarez an der Grenze zu Brasilien, wo seit Tagen die Feuer wüten.

Brandstifter aus der Landwirtschaft könnten die Brände im Regenwald ausgelöst haben

Mutmaßlich ausgelöst wurden die Feuer durch Brandstifter aus der Landwirtschaft. Morales hatte sich zuletzt noch verständnisvoll über die in Bolivien weit verbreiteten Brandrodungen geäußert und musste dafür viel Kritik einstecken. Wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen am 27. Oktober in Bolivien eine gefährliche Entwicklung für Amtsinhaber Morales. Interessant: Nachbar Chile bietet Bolivien seine Hilfe an. Eigentlich sind die beiden Länder wegen eines langjährigen diplomatischen Streits verfeindet. In der Not scheinen Santiago und Santa Cruz einen Weg zu finden, wieder ins Gespräch zu kommen.

Laut der Tageszeitung „El Deber“ sollen in Bolivien in den vergangenen Tagen 500 000 Hektar Wald verbrannt oder stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. So viel wie zuvor im ganzen Jahr. Die Zustände sind so dramatisch, dass die katholische Kirche die Regierung aufgefordert hat den nationalen Notstand auszurufen. Am Sonntag soll in allen Kirchen gebetet werden: Für Regen und für Solidarität mit den Opfern.

Feuer im Amazonas-Regenwald

Die Feuwehr kämpft seit Wochen gegen die Brände im Amazoans-Regenwald.
Die Feuerwehr kämpft seit Wochen gegen die Brände im Amazoans-Regenwald. © rtr
Waldbrände in Bolivien
Auf dem vom Gouverneursbüro von Santa Cruz zur Verfügung gestellte Foto gehen Feuerwehrleute über verbranntes Land. Die Behörden sagen, dass Waldbrände etwa 400.000 Hektar Waldfläche verschlungen haben und sich der Stadt Santa Cruz im Osten Boliviens nähern. © Jose Salvatierra/Santa Cruz gove
Porto Velho
Eine Luftaufnahme eines entwaldeten Grundstücks des Amazonas in der Nähe von Porto Velho, Bundesstaat Rondonia, Brasilien. © rtr
Brände im Amazonas
Auf diesem vom Chico Mendes Institut zum Schutz der Artenvielfalt zur Verfügung gestellten Bild beobachtet eine Gruppe die Flammen bei einem Waldbrand im Naturpark Chapada dos Guimaraes. Seit Wochen wüten Tausende Feuer im Amazonasgebiet und den angrenzenden Steppengebieten. © Christian Niel Berlinck/ICMBio/dpa
Brände im Amazonas
Auf diesem vom Chico Mendes Institut zum Schutz der Artenvielfalt zur Verfügung gestellten Bild flieg ein Löschflugzeug über dem Naturpark Chapada dos Guimaraes. Seit Wochen wüten Tausende Feuer im Amazonasgebiet und den angrenzenden Steppengebieten. © Christian Niel Berlinck/ICMBio/dpa
Waldbrände im Amazonas
Auf diesem Bild vom 18.07.2019, das vom brasilianischen Institut für Umwelt und Nachwachsende Rohstoffe zur Verfügung gestellt wird, fliegt ein Löschhubschrauber über einen Brand bei Löscharbeiten. Seit Januar 2019 sollen die Feuer und Brandrodungen Brasilien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 83 Prozent zugenommen haben. Im größten Land Südamerikas wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren. © Vinicius Mendonza/Ibama/dpa
Brände im Amazonas
Auf diesem vom Chico Mendes Institut zum Schutz der Artenvielfalt zur Verfügung gestellten Bild brennen Bäume im Naturpark Chapada dos Guimaraes.  © Christian Niel Berlinck/ICMBio/dpa
Porto Velho, Rondonia
Rauchwolken während eines Feuers in einem Gebiet des Amazonas-Regenwaldes in der Nähe von Porto Velho, Bundesstaat Rondonia, Brasilien. © rtr
Waldbrände im Amazonas
Auf diesem von der Feuerwehr zur Verfügung gestellten Bild fährt ein Traktor auf einem brennenden Feld. In Brasilien wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren. Seit Januar 2019 sollen die Feuer und Brandrodungen im größten Land Südamerikas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 83 Prozent zugenommen haben. © ---/CBMMT/dpa

Der Erzbischof von Santa Cruz de la Sierra, Sergio Gualberti Calandrina, erklärt: „Die Brände betreffen ganz Bolivien, nationale Parks und Umweltschutzgebiete“. Das Feuer habe einen enormen Schaden unter anderem in den Savannen-Regionen Chiquitania und Chaco angerichtet. Leidtragende der seien vor allem die indigenen Gemeinden und die Bio-Diversität.

Bolivien erlaubt die Abholzung in zwei Amazonas-Provinzen

In der internationalen Kritik an Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wegen dessen umweltfeindlicher Politik gehen die umstrittenen Entscheidungen Boliviens unter. Vor wenigen Wochen hatte Morales ein Dekret verabschiedet, das die Abholzung in zwei Amazonas-Provinzen ausdrücklich erlaubt. Das Dekret Nummer 3973 ermöglicht die Rodung weiter Waldflächen in den Departements Beni und Santa Cruz.

Damit soll Platz geschaffen werden für die Viehzucht, Abnehmer des dann produzierten Fleisches sind die Chinesen. Zwar soll dies nachhaltig geschehen, doch Umweltschützer haben ihre Zweifel: „Das ist ein erpresserisches Dekret, das nur wirtschaftlichen Interessen dient und außer Acht lässt, dass die Natur angemessen und mit Zuneigung und nicht nur marktwirtschaftlich behandelt werden muss“, kommentierte Juan Carlos Ojopi vom Komitee zur Verteidigung des Amazonas die Entscheidung von Morales. Das bolivianische Amazonas-Gebiet hat nach Angaben des Amazonas-Netzwerks RAISG während der Amtszeit von Morales, der sich gerne als Umweltschützer inszeniert, im Zeitraum von 2005 bis 2018 bereits mehrere Millionen Hektar Waldfläche verloren.

Im internationalen Fokus stehen derzeit aber die gewaltigen Brände in Brasilien. Betroffen ist vor allem der Westen des Landes, die sogenannte Kornkammer in Mato Grosso. Inzwischen ist Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro mit seiner ebenso bizarren wie unverantwortlichen Behauptung, dass Nichtregierungsorganisationen hinter dem Feuer stecken könnten, um ihn in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen, zurückgerudert. Brasiliens Staatsanwaltschaft will nun untersuchen lassen, ob ein sogenannter „Tag des Feuers“ die Hauptursache für die Feuersbrunst gewesen sein könnte. An diesem Tag sollen Großgrundbesitzer und Landarbeiter Brände gelegt haben, um an weitere Flächen zu gelangen, die sie für die Landwirtschaft nutzen können. Diese Brandrodungen sind in Südamerika eine übliche Praxis, um neue Flächen zu erschließen.

Frankreichs Präsident Emanuel Macron bezichtigt Bolsonaro nun der Lüge und droht mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Auf dem Spiel steht der ohnehin umstrittene Freihandelsvertrag zwischen Europa und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Den sehen europäische Landwirte nicht nur aus Frankreich als Bedrohung an, weil die brasilianischen Agrar-Unternehmer billiger und rücksichtsloser produzieren können. Bolsonaro kontert mit einem Vorwurf, den man in dieser Form eher aus linksregierten Ländern wie Kuba oder Venezuela kennt: Er verbiete sich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. Macrons verhalte sich wie ein europäischer Kolonialist, der über Brasilien und den Regenwald bestimmen wolle.

Die Bolsonaro-Regierung lockerte zur Freude der Agrar-Industrie in den ersten Monaten ihrer Amtszeit zahlreiche Vorschriften, unter anderem wurden Dutzende Pflanzenschutzmittel erlaubt, die in Europa auf der Verbotsliste stehen. Und er will den Amazonas-Regenwald kapitalistisch erschließen. Bolsonaro selbst wirkt in der Krise überfordert. Ihm fehlt der Plan und offenbar auch die Kompetenz die Katastrophe professionell zu managen.

Durchgestrichenes Hakenkreuz: Frauen und Männer demonstrieren in Barcelona gegen die rechtsgerichtete Regierung Bolsonaro in Brasilien.

Für die Europäer ist Bolsonaro ein willkommener Prügelknabe, der beginnt zur weltweiten Hassfigur einer globalen Klimaschutzbewegung aufzusteigen. Doch bei aller berechtigten Kritik an Bolsonaros Politik, wird Europas Auftreten in Brasilien als kontraproduktiv empfunden. Denn Europas Klimabilanz ist ebenfalls eine Katastrophe. Vor allem die in Südamerika kaum praktizierte Kohleverstromung sorgt in Europa für eine miserable CO2-Bilanz. Bolsonaros Kritik an den Europäern, doch erst einmal vor der eigenen Türe zu kehren, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Brasilien und Bolivien: Agrar-Industrie bedient den steigenden internationalen Nahrungsmittel-Bedarf

Die Probleme liegen allerdings tiefer. Brasiliens und Boliviens Agrar-Industrie bedient lediglich den wegen einer ständig wachsenden Erdbevölkerung stetig steigenden internationalen Nahrungsmittel-Bedarf. Auch Europa importiert aus Brasilien die Soja-Bohne unter anderem als Tierfutter. Noch größer ist allerdings die Nachfrage aus China. Zudem ist die Agrar-Industrie vor allem in Brasilien eine der wichtigsten Säulen der Wirtschaft, vergleichbar mit der ebenfalls klimafeindlichen Auto-Industrie in Deutschland.

Deutschland und die Europäische Union sind nach Einschätzung von Experten zudem nicht ganz unschuldig an der Entwicklung in Brasilien. Sie machten sich mit ihrer Unterschrift unter das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten an den verheerenden Waldbränden mitschuldig“, sagt der Brasilien-Referent des kirchlichen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, Klemens Paffhausen. „Die versprochenen niedrigeren Zölle auf Importe von Rindfleisch und Soja aus Südamerika führen zu mehr Abholzung und mehr Anbauflächen.“

Die lateinamerikanischen Bischöfe riefen in einer gemeinsamen Stellungnahme die Regierungen Boliviens und Brasilien, aber auch die internationale Gemeinschaft auf, „ernste Maßnahmen zu ergreifen, um die Lungen der Welt zu retten.“ In einer in dieser Woche verbreiteten Stellungnahme des lateinamerikanischen Bischofsrates Celam heißt es weiter: „Was im Amazonasgebiet passiert, ist keine lokale Angelegenheit, sondern von globaler Tragweite.“ Damit haben die Bischöfe zweifellos recht: Eigentlich ist der Regenwald ein Fall für die Vereinten Nationen.

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