Lichtung: Wenn die Nährstoff-Versorgung nicht mehr stimmt, nimmt der Forst schnell Schaden.
+
Lichtung: Wenn die Nährstoff-Versorgung nicht mehr stimmt, nimmt der Forst schnell Schaden.

Umwelt

Dürre vernichtet hunderttausende Hektar Wald - mit verheerenden Folgen für Deutschland

  • Stephan Börnecke
    vonStephan Börnecke
    schließen

Emissionen aus Verkehr und Landwirtschaft schädigen wertvolle Buchenbestände. Das hat nicht nur Folgen fürs Klima, sondern beschert Deutschland auch ein Imageproblem.

  • Der Klimawandel macht sich auch in diesem Sommer in Deutschland bemerkbar
  • Hunderttausende Hektar Wald sind vernichtet
  • Das hat verheerende Folgen für Deutschland

Frankfurt - Rund 245.000 Hektar von Dürre und Klimawandel vernichtete Wälder. Der Regen der vergangenen Tage darf nicht darüber hinwegtäuschen: Die Waldböden sind leer gelaufen und teils bis in große Tiefen staubtrocken. Die Fichte gilt in tieferen Lagen inzwischen als unrettbar verloren, und selbst Buchen, die Deutschland natürlicherweise fast flächendeckend bewachsen würden, kippeln örtlich.

Denn mit der Trockenheit dringen Pilze vor, die man bisher nur von Kiefern kannte und die aus dem Mittelmeerraum stammen. Sie können Buchen vor allem dann den Rest geben, wenn sie schon zuvor an Vitalitätsschwäche litten oder aufgrund starker forstlicher Eingriffe nun plötzlich dem prallen Sonnenlicht schutzlos ausgeliefert sind.

Derweil suchen deutsche Förster den Superbaum, der Trockenheit und Stürmen besser widerstehen soll. Oder geht es eher darum, mehr Holz in kürzerer Zeit zu produzieren?

Klimawandel und Dürre: Die Folgen des „Waldsterbens“ in Deutschland

Die bislang vergebliche Suche lenkt ab vom Eruieren der Gründe, die abseits der Dürre zu einer Vorschädigung des deutschen Walds führten: Denn ein Teil jener Faktoren, die in den 1980er Jahren den Wald vor allem in den Kammlagen der Mittelgebirge bedrohten und den etwas irrigen Begriff vom „Waldsterben“ prägten, sind bis heute vorhanden und schädigen die Bäume weiter nachhaltig.

Dabei geht es um Stickstoffverbindungen wie Ammonium und Ammoniak aus der Landwirtschaft und zur anderen Hälfte um Stickoxide aus dem Verkehr. Denn in der Diskussion über die Luftreinhaltung in Städten und verschärfte Düngevorschriften auf Feldern geht meist völlig unter, dass auch die deutschen Wälder massiv von diesen Stoffen beeinträchtigt werden. Nur auf den ersten Blick bewirken Stickstoffverbindungen einen düngenden, das Wachstum der Bäume befördernden Effekt. Tatsächlich aber sind sie von fataler Langzeitwirkung.

Denn wenn die Stoffe etwa als Ammonium und Nitrat über die Luft im Wald landen, dann rauscht alles, was nicht aufgenommen wird von den Bäumen, ins Grundwasser – mitgerissen werden wichtige Nährstoffe wie Kalzium und Magnesium. Dann aber geraten die Nährstoffverhältnisse ins Wanken, und das Wachstum wird gehemmt. Die Widerstandskraft der Bäume nimmt ab. Die Folgen beschreibt Professor Johannes Eichhorn, Leiter der Abteilung Umweltkontrolle bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen, so: „Die Wurzelsysteme werden kleiner, mit Risiken bei Dürreereignissen und bei Sturm.“ Und genauso schlimm: „Lachgas, das extrem klimawirksam ist, entsteht.“

Wälder in Deutschland durch Klimawandel stark belastet

Mit Stickstoff aus den anthropogenen Quellen Verkehr und Landwirtschaft sind die deutschen Wälder reichlich belastet. Das geschieht, obwohl der Anteil der Schadstofffracht aus der Luft, die vor allem aus dem Verkehrssektor stammt, seit langem sinkt. Im Gegensatz zu jenem Anteil aus der Landwirtschaft, der nur schleppend abnimmt. „Die Ammoniakemissionen gingen mit minus 16 Prozent gegenüber 1990 nur geringfügig zurück und verharren auch seit zehn Jahren auf mehr oder weniger gleichem Niveau“, schreibt das Umweltbundesamt über den Part der Landwirtschaft an dem Problem in einer Mitteilung im März. UBA-Präsident Dirk Messner macht Druck: „Die Ammoniak-Emissionen sind nach wie vor deutlich zu hoch. Wir brauchen hier tiefgreifende Reformen, vor allem in der landwirtschaftlichen Praxis.“

Wie zuvor der Sachverständigenrat Umwelt (SRU), der bereits 2015 sehr deutlich vor den Folgen der Stickstoffdüngung warnte und Gegenmaßnahmen verlangte. Tenor: „Bei weiterer Ausprägung der Nährstoffdisharmonien infolge massiver Stickstoffeinträge ist in der Baumschicht ein Vitalitätsverlust der Fichte zu erwarten.“ Diese Befürchtung ist nun unübersehbar real geworden nach zwei trockenen Sommern. Der SRU weiter: „Stickstoffoxide (NOx), die in den Boden eingetragen werden, führen – vor allem auf Waldstandorten – zu Versauerung und irreversibler Degradierung der Böden, indem Tonminerale und andere Silicate gelöst werden.“ Und: „Eutrophierte Wälder sind anfälliger für Stressereignisse.“ Also auch für Dürrestress.

Das sieht der wissenschaftliche Beirat Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium in seiner aktuellen Studie für eine Waldstrategie 2050 ähnlich. Die Stickstofffracht „kann zur Mangelernährung der Bäume führen“.

Expertin erklärt: Das sind „die mit Abstand wichtigsten waldschädigenden Luftschadstoffe“

Drastischer formuliert es die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) Rheinland-Pfalz. Sie sieht in den Stickstoffverbindungen aus Tierhaltung und Kfz-Verkehr sogar „die mit Abstand wichtigsten waldschädigenden Luftschadstoffe in unserer Region“.

Spaziergänger können den Prozess, der sich schleichend im Wald abspielt, mancherorts hautnah beobachten: Brennnesseln zuhauf sind ein Indikator für zu viel Stickstoff. Diese und einige andere Pflanzenarten lieben den Stoff, und damit sorgen diese Pflanzen so ganz nebenbei noch für ein ganz anderes Problem, und zwar eines im Naturschutz, vor dem der Sachverständigenrat ebenfalls bereits 2015 warnte: Denn die Artenzusammensetzung in Naturschutz- und Natura-2000-Gebieten verfälscht sich.

Was zunächst wenig dramatisch klingt, könnte Deutschland ein echtes internationales Imageproblem verschaffen. Denn in den fünf Buchenwaldflächen, die auf Initiative Deutschlands in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen wurden, liegen die Stickstoffwerte oberhalb der duldbaren Menge für Eutrophierung. Der SRU verlangte bereits 2015 ausdrücklich Konsequenzen, und zwar eben auch wegen der Gefahren für die zum Welterbe gehörenden Wälder: „Eine Verminderung der Stickstoffbelastung für diese Gebiete wäre daher erforderlich, um sie keinem langfristigen Eutrophierungsrisiko auszusetzen und ihre biologische Diversität zu schützen.“ Denn für diese Buchenwälder trägt Deutschland „eine besondere Verantwortung, da ein hoher Anteil der weltweiten Buchenbestände in Deutschland vorkommt“.

Das „Waldsterben“ durch den Klimawandel hat verheerende Folgen für Deutschland

Deutschland könnte am Ende kaum besser dastehen als Rumänien, das wegen der geduldeten Abholzungen wichtiger Buchen-Naturwälder in den Karpaten seit Jahren in der Kritik ist.

Gerade wegen des Klimawandels aber gilt es, Buchenwälder zu erhalten – statt, was gerade in Hessen und Bayern mehr und mehr passiert, in hineingehauene Buchen-Lücken keineswegs sturmfeste Douglasien zu pflanzen. Denn der „Buchenwald ist das Kühlste, was wir haben“, sagt Professor Pierre Ibisch aus Eberswalde. Er weist auf enorme Temperaturunterschiede zwischen Wald und Stadt hin, die 20 Grad erreichen können. „Die Förster haben es in der Hand“, auf unser Klima steuernd einzuwirken. „Sie können an dem Thermostaten drehen. Holen sie alle Biomasse raus, ,versauen‘ sie die Klimabremse natürlich auch sofort.“

Viel Totholz, viel Biomasse, das ist es, was der Forstexperte empfiehlt: „Das sind die Kühlaggregate und Wasserspeicher.“ Wenn man als Förster vorsichtiger operiere, könne man die Temperaturen und auch die Verdunstung reduzieren. Denn je heißer es wird, desto mehr nimmt die heiße Luft die Feuchtigkeit mit. „Wald muss dunkel sein.“ Und damit kühl. Dann falle auch der Stress der Bäume viel kleiner aus.

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit macht sich der Klimawandel bemerkbar. Eine Studie ergibt: Der Klimawandel könnte ein Fünftel der Erdoberfläche zu unbewohnbaren Orten machen.

Die Stadt Frankfurt trocknet aus. Die Mitarbeiter des Grünflächenamts Frankfurt kämpfen bis zur Verzweiflung ums Grün, aber der Klimawandel liegt schier uneinholbar in Führung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare