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Gabenzaun mit Spenden für Bedürftige und Obdachlose in Berlin.
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Gabenzaun mit Spenden für Bedürftige und Obdachlose in Berlin.

Armutsquote

Wächst die Armut?

  • vonHannes Koch
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Im vergangenen Jahr ging es hierzulande deutlich mehr Menschen finanziell schlecht, sagen neueste Daten. Doch die sind umstritten.

Ein wirtschaftlich gutes Jahr war 2019 eigentlich. Doch am Freitag erklärte der Paritätische Gesamtverband, dass die Armutsquote erneut gestiegen sei. 15,9 Prozent der in Deutschland lebenden Personen – 13,2 Millionen Menschen – seien arm oder armutsgefährdet. „Ein neuer Rekordwert – der höchste seit der Wiedervereinigung“, betonte Verbandschef Ulrich Schneider.

Das Statistische Bundesamt hat diese Zahl ebenfalls veröffentlicht. Eine andere Erhebungsmethode der Behörde zeigt allerdings das gegenteilige Ergebnis. Demnach ist die Armutsgefährdungsquote 2019 auf 14,8 Prozent zurückgegangen.

Diese Zahlen bilden die neueste Fortsetzung einer langen Debatte. Seit den unternehmerfreundlichen Reformen ab den 1980er Jahren und der Einführung von Hartz IV in den 2000er Jahren deutete viel darauf hin, dass die Armut zunahm. In den vergangenen Jahren gab es jedoch positive Zeichen. Der Mindestlohn machte sich bemerkbar. Auch die niedrigsten Einkommensgruppen profitierten vom Wirtschaftsaufschwung. Dass die Armutsquote 2018 sank, räumte auch der Paritätische Sozialverband ein.

Dann sei sie 2019 aber wieder gestiegen – „wir leben in einem sozial zerrissenen Land“, sagte Schneider. Wobei die Lage regional sehr unterschiedlich ist. Im reichen Bayern und Baden-Württemberg liegen die Quoten bei gut zehn Prozent, während sie in Berlin und Sachsen-Anhalt fast 20, in Bremen sogar 25 Prozent betragen. Hessen liegt mit dem neuen Höchstwert von 16,5 Prozent dazwischen.

Ein „besonderes Problem“ habe Nordrhein-Westfalen mit dem Ruhrgebiet, so Schneider. Dort lebten 21,4 Prozent, über eine Million Menschen, in Armut. Und die Corona-Krise werde diesen Trend wohl beschleunigen.

Die Armutsquote von 15,9 Prozent 2019 findet sich auch auf den Internetseiten des Statistischen Bundesamtes. Sie beruht auf einer Erhebung, die Mikrozensus heißt. 750 000 Menschen in allen Bundesländern sind verpflichtet, daran teilzunehmen. Die EU-weite Erhebung EU-SILC, an der hierzulande 24 000 Leute freiwillig partizipierten, hat dagegen die niedrigere Armutsquote von 14,8 Prozent ermittelt. Gegenüber 2018 ist sie demnach gesunken, nicht gestiegen wie beim Mikrozensus.

Experten des Statistischen Bundesamtes erklärten die widersprüchlichen Ergebnisse mit den unterschiedlichen Methoden der beiden Untersuchungen. Welche die Realität besser abbildet, sagten sie nicht. Eine Erklärung für die höhere Armut im Mikrozensus könnte darin liegen, dass die Einkommen der bundesdeutschen Bevölkerung während der vergangenen Jahre insgesamt teilweise deutlich wuchsen. Damit steigt auch die Armutsgrenze, denn sie liegt bei 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens der Gesamtbevölkerung. Durch diese relative Betrachtung rutschen möglicherweise mehr Leute unter diese Grenze, obwohl sich ihre persönliche Situation verbessert haben kann.

Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fand den Befund der steigenden Armutsquote „überraschend“. Er verwies darauf, dass die Quote derjenigen, die Hartz IV beziehen, seit 2016 Jahr für Jahr sinkt. Vor Corona sei auch die Kinderarmut zurückgegangen und die Zahl der Beschäftigen gewachsen, ebenso wie die Realeinkommen.

An die vermeintlich höhere Armutsquote knüpft der Paritätische Verband die Forderung, die Grundsicherung von pro Kopf 446 Euro monatlich auf 644 Euro anzuheben, die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I auf 36 Monate auszudehnen und eine existenzsichernde Kindergrundsicherung einzuführen.

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