Auch bei den aktuellen Modellen wurde getrickst.
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Auch bei den aktuellen Modellen wurde getrickst.

Volkswagen

VW-Skandal weitet sich aus

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Immer mehr Fahrzeuge sind von den Abgas-Manipulationen betroffen. Trotz vieler Rabattaktionen brechen die Verkaufszahlen bei Volkswagen ein.

Das nächste Kapitel im VW-Abgasskandal: Von den Manipulationen bei CO2-Werten sind mehr Benziner betroffen, als der Konzern bislang zugeben wollte. Die Frankfurter Rundschau erläutert, was das für die Halter bedeutet und wie Volkswagen den Absatz seiner Fahrzeuge stabilisieren will.

Was hat Volkswagen jetzt genau eingeräumt?
Die sogenannten unplausiblen CO2-Werte beziehen sich auf 430 000 Autos des aktuellen Modelljahres. Das heißt es sind Autos, die derzeit als Neuwagen bei den Händlern stehen. Darunter befinden sich auch 24 Modelle mit Benzindirekteinspritzung – VW Golf und VW Polo, VW Passat und VW Jetta, Seat Ibiza und Seat Leon gehören dazu. Bislang war von überwiegend Dieselfahrzeugen und nur von einem Modell mit Ottomotor die Rede. Die entsprechende Pressemitteilung wurde schon am späten Freitagabend verschickt, aber wegen der Anschläge in Paris, die sich zu dieser Zeit gerade ereignet hatten, kaum beachtet.

Was bedeutet das für VW?
Ein Konzernsprecher behauptet, die Gesamtzahl der betroffenen Fahrzeuge von insgesamt etwa 800 000 beim CO2-Thema habe sich bislang nicht geändert, da andere Fahrzeuge aus der Liste herausgefallen seien. Es werde aber mit den Behörden weiter untersucht, inwieweit Modelle der Vorjahre betroffen seien, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Bislang ist nicht klar, wie viele Autos in Deutschland davon betroffen sind.

Wie geht es jetzt weiter?
Der nächste Schritt ist, dass unter Aufsicht des Kraftfahrtbundesamtes nun die CO2-Werte der Autos neu festgelegt werden. Man werde sich, so der Konzernsprecher, nun auch mit den Finanz- und Steuerbehörden verschiedener Länder in Verbindung setzen. Der Hintergrund: In vielen Ländern ist die Höhe der Kfz-Steuer auch an den offiziell ermittelten CO2-Wert geknüpft. Das bedeutet, dass nach der neuen höheren Festlegung des Kohlendioxid-Ausstoßes mutmaßlich bei vielen Autos auch die Kfz-Steuer höher ausfällt.

Bleiben die VW-Kunden auf den Kosten sitzen?
Der Konzern hat angekündigt, dass das Unternehmen die Steuermehrbelastungen übernehmen wird. VW kalkuliert bislang, dass Aufwendungen von zwei Milliarden Euro benötigt werden, um die CO2-Manipulation aufzuarbeiten. Der Konzern betont, dass die Sicherheit der Autos nicht gefährdet sei. In den nächsten Tagen sollen für Halter alle wichtigen Informationen zu dem Thema auf den Internetseiten der Volkswagen-Marken zum Abrufen bereit stehen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv) ist das aber noch nicht genug. Vzbv-Chef Klaus Müller rief gestern Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) dazu auf, durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) eine Kostentragungspflicht feststellen zu lassen. Dadurch sollen auch Neben- und Folgekosten des Rückrufs wie Verdienstausfall, Mietwagen und geringere Wiederverkaufswerte durch VW ausgeglichen werden.

Ist damit das Thema Schummelei beim Kohlendioxid-Ausstoß abgearbeitet?
Nein, es sind noch viele Fragen offen. So hat Volkswagen bislang nicht erklärt, was es mit den „Unregelmäßigkeiten“ überhaupt konkret auf sich hat, also wie und warum der CO2-Wert manipuliert wurde. Es wird immer wieder auf laufende Untersuchungen mit Behörden verwiesen. Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer sagt, eine weitere Ausweitung des Abgasskandals sei „nicht auszuschließen“. Alles spreche dafür, dass der Konzern systematisch Software eingesetzt habe, die bei offiziellen Abgastests auf Prüfständen die Abgasreinigung aktiviere, damit die Werte den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen. Beim Betrieb auf der Straße wird die Abgasreinigung aber weitgehend abgeschaltet, wodurch der Schadstoffausstoß um ein Vielfaches wächst. Neben dem CO2-Thema sind bei weltweit elf Millionen Fahrzeugen die Stickoxidwerte von Dieselfahrzeugen mittels Software manipuliert worden.

Hat der Abgasskandal Auswirkungen auf die Verkäufe von VW?
Ja. Im Oktober sanken die Auslieferungen des Marktführers in der EU gegen den Trend auf knapp 277 000 Fahrzeuge. Das Minus des Konzerns lag bei 0,5 Prozent, wie der Branchenverband Acea mitteilt. Experten gehen aber davon aus, dass in den nächsten Monaten noch deutlich stärkere Einbußen verzeichnet werden, denn zwischen Bestellung und Auslieferung der Autos liegen meist mehrere Wochen. Besonders heftig hat es im Oktober Seat mit einem Minus von 11,4 Prozent erwischt. Bei der Kernmarke VW waren es in der EU nur 0,2 Prozent weniger; weltweit sank der Absatz aber um 5,3 Prozent – dabei spielen auch behördlich angeordnete Verkaufsstopps für Diesel-Autos eine Rolle. Insider vermuten, dass nun auch der Verkauf fragwürdiger Benziner gestoppt werden könnte.

Wie wichtig sind die Absatzzahlen für den Konzern?
Sie sind elementar wichtig. Einerseits können Meldungen über schwindende Verkäufe wie eine Lawine wirken und den Rückgang in einem sich selbst verstärkenden Effekt immer stärker werden lassen. Das hat Rückwirkungen auf die Finanzkraft des Konzerns, was wiederum die Kreditbeschaffung teurer macht. Zudem sinkt die Auslastung in den Werken. Der Konzern verdient dadurch immer weniger an jedem Fahrzeug. Die Beschäftigung in den Fabriken geht zurück. Zwischen Betriebsrat und Management soll es bereits Gespräche über Kurzarbeit geben.

Was kann Volkswagen gegen den Absatzrückgang machen?
Das Unternehmen fährt gerade eine bislang nicht gekannte Rabattkampagne, um den Absatz zu stabilisieren. Dudenhöffers Center Automotive Research (CAR) an der Uni Duisburg-Essen hat errechnet, dass es hierzulande beim Polo und beim Golf Rabatte von bis zu 30 Prozent gibt. Noch viel deutlicher fallen die Nachlässe beim Firmen-Leasing aus. Im November läuft eine Aktion, bei der es nach CAR-Berechnungen zum Beispiel für den VW Up einen Rabatt von mehr als 50 Prozent gibt.

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