Der Höhenflug der VW-Aktie geht weiter.
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Der Höhenflug der VW-Aktie geht weiter.

Finanzspekulation

VW-Aktie explodiert

Die VW-Aktie wird in schwindelnde Höhen getrieben. Es ist das Werk von Zockern. Und ein Lehrstück über das Versagen des Finanzsystems. Von Robert von Heusinger und Christine Skowronowski

Von Robert von Heusinger und Christine Skowronowski

Ein Lehrstück in Sachen Casino-Kapitalismus gibt es am deutschen Aktienmarkt zu bestaunen. Ein wilder Höhenflug der VW-Aktie hat den Autohersteller am Dienstag zeitweise zum teuersten Unternehmen der Welt gemacht. Die Aktie markierte in der Spitze ein Rekordhoch von 1005,01 Euro. Zum Mittag flauten die Kurszuwächse dann wieder rapide ab. Die Aktie stand noch um 23,08 Prozent im Plus bei 640 Euro.

Der spektakuläre Höhenflug der VW-Aktie wirkt sich auf den gesamten Börsenindex Dax aus. Er lag am Mittag 5,5 Prozent oder 240 Zähler im Plus bei 4575 Punkten, die Titel des Wolfsburger Autokonzerns trugen allein 170 Zähler bei. Die VW-Aktie herausgerechnet hätte der Dax im Einklang mit den anderen europäischen Märkten etwa zwei Prozent höher notiert.

Damit geht eine unglaubliche Entwicklung vom Vortag weiter. VW hattte schon am Montag mit einem Plus von 146 Prozent bei 520 Euro geschossen - und so den gesamten Dax leicht ins Plus gezogen. Ohne die VW-Aktie hätte der deutsche Standardindex rund neun Prozent verloren.

Spekulanten, die in den vergangenen Wochen auf einen fallenden Kurs gesetzt hatten, wurden von einer Porsche-Ankündigung auf dem falschen Fuß erwischt. Sie mussten zu jedem Preis VW-Aktien kaufen. VW-Großaktionär Porsche hatte am Wochenende erklärt, den Anteil an den Wolfsburgern auf 75 Prozent aufstocken zu wollen. Gleichzeitig gab der Nobel-Hersteller bekannt, er halte inzwischen 42,6 Prozent der VW-Anteile. Für zusätzlich 31,5 Prozent gebe es Optionsverträge mit den Banken.

Mit dem wahren Wert von Volkswagen haben die Kapriolen längst nichts mehr zu tun. VW war am Dienstag an der Börse zeitweise mehr Wert als der teuerste Konzern der Welt, der amerikanischen Mineralöl-Riese ExxonMobil, der zuletzt 334 Milliarden Dollar kostete.

Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung von Toyota, der Nummer eins der Autobranche, beläuft sich auf 90 Milliarden Euro. Das globalen Schwergewicht Microsoft bringt es auf 152 Milliarden Euro. Realistischere Verhältnisse bekommt man, wenn man auf die stimmrechtslosen Vorzugsaktien von VW schaut. Sie notiert bei 37 Euro. Auch der Marktwert von Großaktionär Porsche spricht Bände: rund sieben Milliarden Euro.

Inzwischen sind Händlern zufolge auch andere Investoren gezwungen, VW-Aktien zu kaufen - etwa alle Fonds, die ihre Performance am Dax messen. Anderen Aktien würden nun ohne Rücksicht auf Verluste verkauft, nur um Aktien von Volkswagen finanzieren zu können, hieß es.

Die Verwerfungen der VW-Aktie sind möglich, weil es in Deutschland keine Regeln für sogenannte Leerverkäufe gibt. Der frei handelbare Anteil VW-Aktien beträgt rund sechs Prozent, da Porsche direkt und indirekt knapp 75 Prozent besitzt und das Land Niedersachsen 20 Prozent.

Zocker sollen indes gut 15 Prozent aller VW-Aktien verkauft haben, ohne sie zu besitzen, wissen Marktbeobachter. Bei einem Leerverkauf leihen sich Spekulanten die Aktien und verkaufen sie, in der Hoffnung, sie zu einem günstigeren Kurs kaufen und zurückgeben zu können.

Ihr Pech: Da Porsche fast alle Aktien besitzt, kann der Konzern die Zocker ausquetschen, denn nur Porsche kann risikolos VW-Aktien verkaufen. Dieses Verhalten weist Porsche jedoch weit von sich: "Wir sind ein Industrieunternehmen und keine Bank", betont ein Sprecher. (mit dpa)

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