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Guangyan Yin-Baron und Stefan Baron halten wine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den USA und China für durchaus möglich.

Handelskonflikt

"Das Vorspiel zu einem neuen Kalten Krieg"

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Die Autoren Guangyan Yin-Baron und Stefan Baron sprechen über die Gefahr eines Kriegs zwischen den USA und der Volksrepublik, die große Leidensfähigkeit der Chinesen und Missverständnisse im Geschäftsleben.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China bestimmte im ablaufenden Jahr die Schlagzeilen. Da kam das Sachbuch „Die Chinesen - Psychogramm einer Weltmacht“ des deutsch-chinesischen Ehepaars Guangyan Yin-Baron und Stefan Baron genau zur richtigen Zeit. In dem Werk beschreiben die Autoren das Denken und Fühlen der Menschen in der Volksrepublik in allen Aspekten – von Wirtschaft und Politik, Geschichte und Kultur bis zu kollektiven Vorstellungen über Familie, Hierarchien und Moral sowie den ökonomischen und geopolitischen Ambitionen Chinas. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau erklären die beiden, wieso sie einen bewaffneten Konflikt fürchten und wie Europa sich gegenüber China aufstellen sollte.

Frau Yin-Baron, Herr Baron, China und die USA wetteifern um die Führungsrolle als Wirtschaftsmacht. Wie wahrscheinlich ist ein Konflikt zwischen den beiden Staaten, der über einen Handelskrieg hinausreicht?
Baron: Der derzeitige Handelskrieg zwischen den USA und China ist nur das Vorspiel zu einem neuen Kalten Krieg. Und selbst ein Schießkrieg zwischen beiden Mächten ist keineswegs ausgeschlossen. Graham Allison, Politik-Professor an der Harvard- Universität, hat in einer Untersuchung festgestellt, dass es in zwölf von 16 Fällen, in denen sich eine Führungsmacht in den vergangenen 500 Jahren von einer aufsteigenden Macht herausgefordert sah, zum Krieg kam.

Das klingt nicht sehr ermutigend.
Baron:Eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den USA und China ist nicht zwingend, aber es ist durchaus möglich, dass beide Länder in die sogenannte Thukydides-Falle tappen, so benannt nach dem griechischen Geschichtsschreiber, der diese gefährliche Konstellation schon als Ursache für den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges zwischen Sparta und Athen ausgemacht hatte. So könnte es etwa über die Taiwan-Frage zu einem bewaffneten Konflikt zwischen China und den USA kommen.

Sie schlagen eine neue Ostpolitik gegenüber China vor, so wie Willy Brandt das in den 70er Jahren gegenüber dem Ostblock vorgeschlagen hat. Ist das nicht ein wenig übertourt? Schließlich gibt es noch keinen Kalten Krieg.
Baron: Die Anzeichen für einen neuen Kalten Krieg mehren sich fast täglich. Sie müssen sich dazu nur die Äußerungen führender amerikanischer Politiker, die Berichte diverser Regierungsstellen oder Washingtoner Denkfabriken zum Thema nationale Sicherheit anschauen. Wir plädieren in unserem Buch deshalb für eine Fernost-Politik Europas gegenüber China, die nach dem Vorbild der einstigen deutschen Ostpolitik gegenüber der Sowjetunion eine Entspannung im Verhältnis zwischen den USA und China anstrebt.

Wie wird die Zollpolitik von Donald Trump in China wahrgenommen?
Yin-Baron:Die Chinesen dachten zunächst, Trump wolle nur einen Deal und den Abbau des bilateralen Handelsbilanzdefizits der USA erreichen. Inzwischen haben sie sich darauf eingestellt, dass Trump China kleinhalten will, so wie Ronald Reagan damals die Sowjetunion kleingehalten hat. Es geht den USA darum, ihre Stellung als unumstrittene Führungsmacht in der Welt zu verteidigen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Unter einer solchen Auseinandersetzung werden beide Staaten zu leiden haben. Die Chinesen sind als Volk jedoch geschlossener und leidensfähiger als die Amerikaner. Sie können die Nachteile, die sich aus Zöllen, Sanktionen et cetera ergeben, besser und länger ertragen.

Aber es gibt den Vorwurf, dass China unfaire Handelspraktiken betreibt und den Zugang zum eigenen Markt für auswärtige Unternehmen unnötig erschwert. Dieser wird ja nicht nur aus den USA erhoben, zu Unrecht?
Yin-Baron:China hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten deutlich zur Welt hin geöffnet. Aber es ist richtig: Eine vollständige Gleichbehandlung oder Reziprozität gibt es immer noch nicht. Allerdings muss man hier schon berücksichtigen, dass China zwar die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, aber in punkto Wohlstandsniveau erst irgendwo um Platz 80 herum rangiert. Und bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit liegt China laut World Economic Forum erst auf Platz 24, Deutschland dagegen auf Platz drei. China will seine Wirtschaft erst auf ein vergleichbares Niveau bringen, bevor es seinen Markt so weit öffnet wie die führenden westlichen Industrienationen. Zumal der chinesische Markt auch noch weitaus größer ist und größeres Wachstumspotenzial hat als die Märkte der westlichen Industriestaaten.

Also ist die wahrgenommene Ungleichheit beim Marktzugang eine Art chinesischer Selbstschutz?
Baron: Ja, sicher. Auch das Argument, China betreibe unfairen Wettbewerb, weil der Staat den Unternehmen dort helfe, ist fragwürdig. Wir hier im Westen sind doch stets der Überzeugung gewesen, eine von Staatseinfluss freie Marktwirtschaft sei allen anderen Systemen überlegen. Zweifeln wir jetzt etwa daran, da China zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber wird? Im Übrigen unterstützen doch auch die USA über ihren riesigen Rüstungsetat die private Wirtschaft erheblich. Wie ist denn zum Beispiel das Internet entstanden? Und schließlich: Es ist kein Naturrecht, dass sich alle Welt wirtschaftlich oder politisch so aufstellt wie wir im Westen.

Wie sehen Sie denn die Zukunft Chinas? Wann sind sie die Nummer eins?
Yin-Baron: Irgendwann wird China die Nummer Eins sein, aber das wird noch eine ganze Weile dauern. Ich bin da skeptischer als viele im Westen, die meist nur die modernen Metropolen an der Küste und im Westen ausgebildete Englisch sprechende Chinesen kennen, oder nur auf die Bereiche schauen, in denen China heute schon zur Weltspitze gehört. Wenn man die gesamte Breite der Wirtschaft und das gesamte Land ansieht, hat China noch eine Menge aufzuholen. Außerdem wird die Auseinandersetzung mit den USA diesen Aufholprozess bremsen.

Was muss ein Unternehmer, der seine Zelte in China aufschlagen will, über die Menschen dort wissen?
Yin-Baron: Das lässt sich in einem solchen Interview nicht alles aufzählen. Dafür haben wir ja das Buch geschrieben. Ganz wichtig ist es aber zum Beispiel zu wissen, dass Chinesen nur Familienmitgliedern und guten Freunden wirklich vertrauen, allen anderen dagegen zutiefst misstrauen. Vertrauen wächst in diesem Bereich nur langsam.

Und wenn es zum Geschäft kommen soll, was muss man beachten?
Yin-Baron: Verträge ändern nichts an dem beschriebenen Befund. Sie stehen nicht unbedingt für Vertrauen. Westliche Geschäftsleute wollen in China oft viel zu schnell zur Sache kommen und mit Chinesen sofort über das Geschäft sprechen. Die aber wollen sie erst einmal richtig kennenlernen und herausfinden, ob – und wenn ja wie viel - Vertrauen sie verdienen.

Baron: Der große Irrtum von uns im Westen im Verhältnis zu den Chinesen ist die Annahme, dass diese im Grunde genauso ticken wie wir. Sie sind aber ganz anders. Wer mit ihnen auf Dauer gute Geschäfte machen will, muss sich daher schon der Mühe unterziehen, die Kultur, Geschichte und Philosophie des Landes kennenzulernen.

Und wann macht es bei den Chinesen klick, das ist ein guter Geschäftspartner?
Yin-Baron:Das lässt sich so allgemein schwer beantworten. Wichtig zur Vertrauensbildung ist für Chinesen etwa, welchen „Hintergrund“ der Partner hat, wie angesehen und gut vernetzt er ist. „Gesicht“ spielt für Chinesen überhaupt eine große Rolle. Sie achten sehr auf äußerliche Attribute, die Macht und Reichtum signalisieren.

Wie ist es umgekehrt für chinesische Firmen, die nach Deutschland wollen?
Yin-Baron: Viele Chinesen machen denselben Fehler wie umgekehrt viele Geschäftsleute aus westlichen Ländern in China. Sie kommen mit chinesischen Maßstäben hierher und denken, es müsste alles so laufen wie bei ihnen zu Hause. Und wenn sich ihre Vorstellungen nicht erfüllen, greifen sie schnell zum Vorwurf der Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit.

Alle schauen auf Chinas Seidenstraßenprojekt. Ist das etwas für Größenwahnsinnige?
Baron: Nein, keineswegs. Das ist im Gegenteil ein sehr vernünftiges Projekt. Für China, aber es bietet auch Europa eine Riesenchance. Das Ziel der Initiative, die beschleunigte Entwicklung des Mittleren und Nahen Ostens sowie Afrikas, birgt gerade für die starke deutsche Investitionsgüterindustrie enorme neue Wachstumsmöglichkeiten. Zudem reduziert eine solche Entwicklung den Migrationsdruck auf Europa und trägt so zu dessen Stabilisierung bei. Und schließlich böte ein kritisch-konstruktives Engagement Europas bei dem Projekt für unseren Kontinent auch die Möglichkeit, auf der Weltbühne wieder eine größere Rolle zu spielen. Es wäre ein zentraler Baustein der erwähnten Fernost-Politik.

Interview: Michael Hesse

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