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Die Erde angezapft: Ölpumpen in Kalifornien. Apu GOMES/AFP

Erdüberlastung

Von nun an auf Pump

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Der Mensch lebt von den Leistungen, die ihm die Erde zur Verfügung stellt. Heute hat er sein Budget für 2020 aufgebraucht. Später als in früheren Jahren, aber noch immer viel zu früh.

Der Verbrauch der Menschheit an natürlichen Ressourcen ist so hoch, dass eigentlich 1,6 Erden nötig wären, um ihn nachhaltig zu decken. Am heutigen Samstag wird daher von Umweltverbänden der „Erdüberlastungstag“ ausgerufen – abgeleitet vom englischen „Earth Overshoot Day“. Dieser Tag markiert den Zeitpunkt im Jahr, bis zu dem die Menschen bereits so viel Leistungen von der Erde beansprucht haben, wie alle Ökosysteme im gesamten Jahr erneuern können. Alles, was von jetzt an noch verbraucht wird, bedeutet Zerstörung der Lebensgrundlagen.

In diesem Jahr allerdings bewirken die Folgen der Corona-Krise – Einbrüche unter anderem bei Industrie, Flugverkehr und Tourismus – eine unerwartete Verschiebung. Der Überlastungstag, der bislang wegen steigender Bevölkerungszahl und steigendem Ressourcenverbrauch fast jedes Jahr immer früher erreicht war, rückt gut drei Wochen nach hinten. Im vergangenen Jahr lag er auf dem 29. Juli, nicht wie dieses Jahr auf dem 22. August.

Berechnet wird der Erdüberlastungstag von der US-Organisation „Global Footprint Network“. Sie stellt dabei zwei Größen gegenüber: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Biomasse und anderen Rohstoffen sowie zur Aufnahme von Emissionen und Müll, andererseits den Gesamtbedarf an Ressourcen wie Ackerland, Wälder oder Wasser, die die Menschheit für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise brauchen. Das dafür genutzte Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ ist quasi ein Buchhaltungssystem für die natürlichen Ressourcen.

Bisher hat der Raubbau an der Erde seit dem Beginn der 1970er Jahren deutlich zugenommen. Bis Ende der 1960er Jahre übertraf die Neubildung die Nutzung der Ressourcen global gesehen noch. Anno 1971 war der Overshoot Day dann am 21. Dezember erreicht. Bis 2019 lag der Tag, abgesehen von Schwankungen etwa infolge der Ölkrisen oder der Weltwirtschaftskrise nach der Pleite der Bank Lehmann Brothers 2008, immer früher im Jahr. Zwar ist seit dem UN-Erdgipfel in Rio 1992 das Bewusstsein weltweit gestiegen, dass die globalen Ressourcen übernutzt werden. Doch trotz der damals verabschiedeten Konventionen zu Klima, Biodiversität und gegen Wüstenbildung sowie Initiativen zum Waldschutz wurde der Raubbau nicht gestoppt.

Auch Corona steht bisher nicht für einen Trend zum Besseren. So erwarten Klimaforscher, dass der globale Treibhausgas-Ausstoß 2020 nur zwischen vier und sieben Prozent unter dem Wert von 2019 liegen wird und schnell wieder alte Höhen erreichen kann. Auf dem Höhepunkt der Lockdowns im Frühjahr waren die Emissionen um 17 Prozent gefallen. Experten der Universität East Anglia im britischen Norwich rechnen damit, dass sie im zweiten Halbjahr annähernd wieder auf das alte Niveau steigen werden. „Wir haben erwartet, dass die Emissionen wieder wachsen. Doch dass das so schnell passieren würde, ist eine Riesen-Überraschung“, sagte die Hauptautorin der entsprechenden Studie, Professorin Corinne Le Quéré. Damit würde sich wiederholen, was schon nach der Finanzkrise geschah. Die globalen Emissionen erreichten 2009 bereits wieder den Vorkrisen-Wert und stiegen danach weiter an.

Umweltverbände warnen nun, dass der Corona-Effekt bereits im kommenden Jahr wieder verpufft sein werde, wenn der Weg aus der Krise nicht klima- und ressourcenschonend gelinge. „Dass sich der Erdüberlastungstag dieses Jahr nach hinten verschiebt, ist allein Folge der Corona-Pandemie und noch keine Trendumkehr“, sagt Steffen Vogel von der Umwelt -und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Um zu verhindern, dass der Erdüberlastungstag nächstes Jahr wieder deutlich nach vorne rücke, müssten die Investitionen zur ökonomischen Erholung nach der Pandemie konsequent an Nachhaltigkeit gekoppelt werden. „Unsere Wirtschaft darf nicht länger an Profit ausgerichtet sein, der Klimaziele und Menschenrechte untergräbt. Der Ressourcenverbrauch muss sinken“, fordert Vogel. „Wir sollten nicht neues Geld alten Ideen hinterherwerfen. Nur wenn wir es schaffen, dass der Erdüberlastungstag künftig auf einen Tag nach dem 31. Dezember fällt, hat unsere Erde eine Chance“, hieß es bei Brot für die Welt.

Auch die Jugendorganisationen der Umweltverbände Nabu und BUND mahnten die Politik, die Wiederaufbau-Milliarden gezielt einzusetzen. „Wir stehen bei der Bekämpfung der Klima- und Biodiversitätskrise weltweit an einem Scheideweg“, so Jan Göldner von der Naturschutzjugend. Werde die aktuell notwendige Unterstützung der Wirtschaft nicht für Anreize und zukunftsfähige Investitionen in Klima- und Ressourcenschutz genutzt, drohe sogar ein riesiger Schritt rückwärts. „Wenn wir jetzt nicht ambitioniert umsteuern, wird sich weltweit auch die Kluft zwischen Arm und Reich weiter verschärfen, die Abfallmengen werden weiter zunehmen und es wird teurer werden, diese Krisen abzuwenden – alles auf dem Rücken unserer und künftiger Generationen“, sagt Constantin Kuhn vom Vorstand der BUND Jugend.

Auf die Nord-Süd-Spaltung beim Ressourcenverbrauch wies die NGO Fairbindung hin. „Unsere auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaft geht nach wie vor auf Kosten der Menschen in Ländern des Globalen Südens“, sagte deren Mitglied Julius Neu. Ein gutes Leben für alle werde nur möglich, wenn die Industrieländer ihre Art zu produzieren und zu konsumieren grundlegend veränderten.

Tatsächlich wären nach den Berechnungen des „Global Footprint Network“, wenn alle Länder so wirtschaften und konsumieren würden wie Deutschland, drei Planeten Erde nötig. Bei einer Lebensweise wie in den Vereinigten Staaten bräuchte die Menschheit sogar fünf Erden, beim Modell des Schwellenlandes China wären es hingegen 2,2.

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