+
"Wenn kein Kurier an die Öffentlichkeit gehen will, mache ich das eben", sagte sich Sarah Jochmann.

Sarah Jochmann

Voller Einsatz für Fahrradkuriere

  • schließen

Sie hetzte auf ihrem Rad von Haustür zu Haustür, lieferte Essen aus zum Hungerlohn. Dann war es genug. Nun kämpft Sarah Jochmann für die anständige Behandlung von Kurierfahrern.

Der Zusammenbruch kam zwei Tage vor Heiligabend. Sarah Jochmann war seit einigen Wochen für den Lieferdienst Deliveroo in Köln unterwegs und fuhr Essen aus – in ihrer eigenen Winterjacke und mit ihrem eigenen Fahrrad, denn die Arbeitsmittel stellte Deliveroo ihr nicht. Trotzdem machte ihr der Job Spaß, sie mochte die Bewegung an der frischen Luft und den Kontakt mit den Kunden.

Ihr Gehalt aber hatte sie seit zwei Monaten nicht bekommen. Bei Deliveroo konnte ihr niemand weiterhelfen. Den ganzen Dezember über lebte sie von Trinkgeld. In den Restaurants, in denen sie das Essen für die Kunden abholte, bekam sie manchmal eine Pizza umsonst. Aber irgendwann war es zu viel. „Der Druck, kein Geld mehr zu haben, hat mich echt umgeworfen“, sagt die 34-Jährige rückblickend.

Heute arbeitet Jochmann nicht mehr bei Deliveroo, ihr Vertrag lief Ende April aus und wurde nicht verlängert. Das Unternehmen setzt in einigen Städten in Deutschland mittlerweile auf selbstständige statt auf angestellte Fahrer – mit ein Grund dafür, dass die Kölnerin nicht mehr durch die Straßen hetzt und sich nun für bessere Arbeitsbedingungen für die Kuriere einsetzt.

Ersatzteile selbst bezahlt

Das Geschäft mit dem gelieferten Essen machen hierzulande drei große Unternehmen fast alleine unter sich aus: Deliveroo, Foodora und Lieferando, alle mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Kuriere. Bei Foodora und Lieferando sind die Fahrer angestellt und sozialversichert, Deliveroo arbeitet vermehrt mit Freelancern. Lieferando stellt den Fahrern teilweise E-Bikes zur Verfügung, bei Foodora und Deliveroo müssen die Kuriere ihr eigenes Rad benutzen. Verschleißpauschalen zahlen Deliveroo und Foodora, teilweise aber geknüpft an Bedingungen. Alle Unternehmen vergeben die Aufträge über Smartphone-Apps an die Kuriere. Handys und Verträge müssen die selbst zahlen. „Die Bedingungen sind prekär“, findet Jochmann.

Gemeinsam mit anderen Fahrern hat sie im Februar die Initiative „Liefern am Limit“ gestartet, um die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. Während sich ihre beiden Kollegen um die Facebook-Seite und die Vernetzung der Kuriere kümmern, übernimmt Jochmann die Öffentlichkeitsarbeit, diskutiert auf Podien und bemüht sich um Kontakte zur Politik.

„Reden hilft“, sagt Jochmann. Die strukturierte Art und Weise, in der sie an diesem Nachmittag in einem Café in Köln von den Problemen der Kuriere erzählt, zeigt, dass sie das nicht zum ersten Mal macht – im Gegenteil. „Ich mache momentan nichts anderes mehr.“

Oft geht es dabei auch um Betriebsräte – ein heikles Thema in der Branche. Die Deliveroo-Fahrer in Köln hatten mit Unterstützung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Februar eine Vertretung gewählt. Weil Jochmann erst seit einigen Monaten für Deliveroo arbeitete, konnte sie sich noch nicht zur Wahl stellen, half aber bei der Organisation. Es war der erste Deliveroo-Betriebsrat in Deutschland – und der letzte. Deliveroo ließ im Frühjahr die Verträge der Betriebsräte auslaufen und setzt zunehmend auf Freelancer. Das Gremium schrumpfte, bis es irgendwann keinen Betriebsrat mehr gab.

Bereits im Vorfeld, so schildert es Jochmann, habe das Unternehmen versucht, die Wahl zu verhindern. So habe es im Büro von Deliveroo in Köln beispielsweise keine Pinnwand gegeben, an der der Vorstand die Wahl hätte bekanntmachen können. „Es hieß, die Kuriere könnten die Zettel ja an die gelagerten Thermorucksäcke im Office kleben.“ Zudem habe Deliveroo versucht, Vorbereitungstreffen so zu torpedieren, dass möglichst wenige Fahrer hätten kommen können.

Auch bei Foodora gibt es offenbar Probleme. Zwar sind in Köln und Hamburg Betriebsräte gewählt worden, aber die Fahrer beklagen öffentlich immer wieder Probleme. Foodora soll gezielt die Verträge von Beschäftigten auslaufen lassen, die sich für die Mitarbeitervertretung einsetzen.

Betriebsräte nicht zu behindern, sondern mit ihnen zu kooperieren ist deswegen eine der Forderungen, die Jochmann und ihre Mitstreiter an die Lieferunternehmen stellen. Zusätzlich wollen sie unter anderem auch eine Ausweitung des Kündigungsschutzes für Mitarbeiter erwirken, die sich um die Wahl eines Betriebsrats bemühen.

Auch deswegen knüpft Jochmann derzeit Kontakte im politischen Berlin. Die Linke hat sie naturgemäß auf ihrer Seite, mit der CDU ist sie ebenfalls im Gespräch und auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich die Sorgen der Fahrer schon angehört. Unter anderem in Köln, wo er sich Mitte Juni mit Betriebsräten von Foodora und ehemaligen Vertretern von Deliveroo unterhalten hat.

Dass Jochmann sich irgendwann mal so engagieren und mit Politikern diskutieren würde, war nicht geplant. Bei Deliveroo fing sie an, weil sie Geld brauchte. Sie unterbrach ihr Wirtschaftsgeografiestudium und jobbte zusätzlich zu ihrem Kurierjob in einer Werbeagentur. Das war im vergangenen Oktober. Damals planten einige Deliveroo-Fahrer in Köln bereits die Gründung des Betriebsrats, denn der Unmut über die Arbeitsbedingungen wuchs. Im Februar machten die Kuriere die Verhältnisse öffentlich und organisierten einen Flashmob.

Wie geht Aktivistin?

Parallel baute Jochmann gemeinsam mit ihren Kollegen die Facebook-Seite auf, die der Bewegung bis heute ihren Namen gibt: „Liefern am Limit“. Seitdem werden dort Geschichten von Fahrern veröffentlicht, die schlechte Erfahrungen mit den Lieferunternehmen gemacht haben.

Weil alle damals noch als Kuriere arbeiteten, gaben sie sich zunächst nicht als Organisatoren zu erkennen. Irgendwann aber kamen immer mehr Presseanfragen und Jochmann fand keine Fahrer mehr, die bereit waren, öffentlich über die Arbeitsbedingungen zu sprechen. Schließlich entschied sie, es einfach selbst zu tun. „Ich war zwar noch in der Probezeit und es bestand das Risiko, dass ich rausgeworfen werde, wenn ich das mache“, so Jochmann. „Aber ich dachte, wenn kein Kurier an die Öffentlichkeit gehen will, mache ich das eben.“

In ihre neue Rolle als Aktivistin musste die Kölnerin erst reinwachsen. Am Anfang wusste sie nichts über Pressearbeit, auch die Feinheiten des Arbeitsrechts waren ihr neu. Sie schaute sich die Verträge ihrer Kollegen an und las sich in das Thema ein. „Es war klar, dass wir da noch einiges aufzuholen hatten“, sagt sie. Sogar in ihrer Masterarbeit, an der Jochmann derzeit schreibt, geht es um das Thema – auch weil sie darin die Gelegenheit erkannte, sich näher mit den arbeitsrechtlichen Aspekten der Kurierbranche auseinandersetzen zu können.

Das Engagement ist für die Kölnerin immer mehr zu einer persönlichen Aufgabe geworden. Seit einigen Wochen ist sie Mitglied in der SPD. Ihre Ziele will sie auch dort weiterverfolgen, allerdings weniger als Berufspolitikerin: „Mir geht es um die Inhalte, nicht um die Karriere in der Politik.“

Neben einem fairen Umgang mit Betriebsräten fordern Jochmann und ihre Mitstreiter von den Unternehmen, sämtliche Arbeitsmittel bereitzustellen oder die Kosten zu erstatten. Daneben sollten die Kuriere angestellt und nicht als Freelancer arbeiten sowie besser und pünktlich bezahlt werden.

Jochmann will nicht nur auf politischem Wege Druck auf die Lieferunternehmen ausüben, sondern auch ganz direkt. Bei Foodora will sie die Betriebsräte unterstützen, bei Deliveroo gestaltet sich das schwieriger – nicht nur wegen der fehlenden Betriebsräte. „Deliveroo reagiert gar nicht erst auf uns und unsere Anfragen“, sagt Jochmann, das Unternehmen bewege sich überhaupt nicht. Von Frustration will sie allerdings nichts hören. „Ich weiß ja, mit wem ich mich angelegt habe. Das ist David gegen Goliath.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare