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Die nächste Abhängigkeit

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Von: Joachim Wille

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Endkontrolle eines Solarmoduls im Werk von Meyer Burger Technology in Freiberg (Sachsen).
Endkontrolle eines Solarmoduls im Werk von Meyer Burger Technology in Freiberg (Sachsen). © dpa

Europa droht beim Ausbau der Solarenergie von China abhängig zu werden – so wie beim Erdgas von Russland. Doch die Chance zum Aufbau einer eigenen Photovoltaik-Industrie ist da.

Putin hat, mit seinem Ukraine-Krieg, unfreiwillig einen Turbo für die Energiepolitik erzeugt. Deutschland und die Europäische Union setzen alle möglichen Hebel in Bewegung, um von Kohle, Erdöl und Erdgas aus Russland unabhängig zu werden. Klar ist dabei: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss forciert werden, und die Bundesregierung stellt dafür mit ihrem „Osterpaket“ die Weichen.

Doch gerade mit dem Bau von Solaranlagen im Multi-Gigawatt-Maßstab droht eine neue Abhängigkeit – nämlich von China. Um das zu verhindern, muss in Europa wieder eine eigene Solarindustrie entstehen. Initiativen dazu gibt es.

Ohne China läuft kaum etwas: Wenn Privatleute sich heute eine Solaranlage für Strom aufs Hausdach schrauben lassen oder ein Energiekonzern ein großes Photovoltaik-Kraftwerk baut, dann kommen zumeist Produkte von dort zum Einsatz. Der autoritär regierte Staat dominiert den Weltmarkt für Solarzellen und -module. Rund zwei Drittel der heute standardmäßig eingesetzten Silizium-Solarzellen sind „made in China“. Asien insgesamt, inklusive der weiteren Herstellerländer Japan, Malaysia, Südkorea und Vietnam, erreicht sogar einen Anteil von 95 Prozent. Größere Solarproduzenten gibt es ansonsten nur in den USA und Kanada, Europa kommt auf beschämend geringe 0,4 Prozent.

Dabei waren es deutsche Unternehmen gewesen, die der Solarindustrie zum globalen Erfolg verhalfen. Firmen wie Solarworld, Q-Cells und Centrotherm dominierten den Markt in den 2000er Jahren, nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine kostendeckende Vergütung für den Sonnenstrom eingeführt hatte.

Solarenmodule: China produziert preiswerter als die deutschen Hersteller

Die Photovoltaik-Industrie begann, rasant zu wachsen, und auch ausländische Mitbewerber stiegen ein – vor allem aus China. Sie produzierten preiswerter als die heimischen Hersteller, dank Staatshilfen, niedriger Arbeitslöhne, billigerer Energie und größerer Fabriken. Hinzu kam, dass die Merkel-Regierungen den Solarzubau nach 2012 drastisch herunterbremsten. Die deutsche Solarindustrie verschwand fast komplett, rund 80 000 Jobs gingen verloren.

Nun, da die Solarpläne nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stark anziehen, droht Chinas Bedeutung für deren Umsetzung sogar noch größer zu werden. „Ohne das Land der Mitte ist die globale Energiewende derzeit nicht machbar“, sagt der Berliner Energieprofessor Volker Quaschning der Frankfurter Rundschau. Das Land sei in der Lage, neue Mega-Solarfabriken binnen eines oder anderthalb Jahren aus dem Boden zu stampfen.

Ein solches Tempo scheint auch notwendig. Im Jahr 2021 wurden weltweit Solaranlagen mit gut 180 Gigawatt (GW) Leistung installiert, in diesem Jahr erwarten Experten bereits ein Plus von 50 GW und für 2030 gehen manche Prognosen sogar bis auf 1000 GW.

Bei der Vorstellung, dass diese gigantischen Modul-Mengen zum größten Teil aus China kommen würden, gehen die Warnlampen an. Dazu muss man nicht einmal das Extremszenario eines Wirtschaftsembargos wie im Falle Russlands bemühen. Dazu könnte der Westen greifen, falls China das von ihm als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan mit dem Militär annektieren würde. Europa, die USA und andere westliche Industriestaaten wären generell nicht gut beraten, wenn sie sich beim Ausbau eines zentralen Pfeilers der Energieversorgung vom Pekinger Goodwill abhängig machen würden.

Günstiger Solarstrom

Photovoltaik (PV) wurde in den 1950er Jahren für die Weltraumtechnik entwickelt, um Satelliten mit Strom

versorgen zu können. Die ersten Anwendungen auf der Erde erfolgten in den 70er Jahren, allerdings blieb Solarstrom lange sehr teuer. Das änderte sich ab 2000 vor allem durch die Solarförderung in Deutschland und die darauf folgende Produktionsausweitung, die die Kosten senkte. Anfänglich wurde per EEG eine Kilowattstunde ins Netz eingespeister Strom mit rund 50 Cent (99 Pfennig) vergütet, heute kann Solarstrom hierzulande in großen Kraftwerken für unter fünf Cent produziert werden. In sonnenreichen Ländern sind noch niedrigere Kosten möglich.

Der Ausbau der Solarenergie boomt. In Mai wurde weltweit die wichtige Marke von einem Terawatt installierter Gesamtleistung erreicht, das sind 1000 Gigawatt. Bis 2025 werden zwei Terawatt erwartet, unter anderem wegen Plänen für Großkraftwerke in China, Nordafrika, im Nahen Osten, Indien, Südamerika und den Vereinigten Staaten. jw

China könnte ihnen zwar nicht den Solarstrom aus bereits installierten Solarmodulen abschalten (wie Russland die Erdgas-Lieferungen), aber ihre Energiewende-Pläne doch torpedieren. Quaschning sagt: „Ich rate dringend, die Solarproduktion in Deutschland und in der EU hochzufahren.“

Es gibt zwar erste Ansätze zur Reanimation der europäischen Solarindustrie. So hat das schweizerische Unternehmen Meyer Burger in Sachsen eine Zell- und Modulfabrik für in der Endstufe jährlich 1,4 Gigawatt Leistung aufgebaut, zum Teil in der alten Solarworld-Produktionsstätte. Andere Firmen planen Fabriken ebenfalls in Deutschland, aber auch in Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Polen und Rumänien. Allerdings reichen die geplanten Kapazitäten auch bei einer erfolgreichen Umsetzung bei weitem noch nicht aus, den absehbaren Bedarf in Europa zu decken.

Der renommierte Solarforscher Professor Eicke Weber hält es für angezeigt, rund zwei Drittel des künftigen Bedarfs in der EU auch dort zu produzieren und nur noch den Rest zu importieren. „In fünf Jahren wird die jährliche Installation in der EU nach Prognosen von heute 20 auf 50 Gigawatt angestiegen sein“, erläutert er. „35 Gigawatt sollten auch hier produziert werden. Dazu brauchen wir mindestens zwei oder drei richtig große Solarfabriken.“ Weber war langjähriger Chef des Fraunhofer Instituts für Solare Energieforschung (ISE) in Freiburg und ist heute Co-Präsident des „European Solar Manufacturing Council“ (ESMC), in dem Photovoltaik-Hersteller, Forschungsinstitute und Maschinenbauer vertreten sind.

Solarfabriken können in Deutschland und anderen Ländern nach Ansicht von Fachleuten ähnlich günstig produzieren wie die Konkurrenz in Asien, da sie hoch automatisiert sind. Es gibt sogar einen großen Vorteil, wenn sie jetzt hochgezogen würden: Es könnten Solarzellen der dritten Generation produziert werden, die sogenannten Heterojunction- oder Topcon-Zellen. Diese wurden von europäischen Forscher:innen entwickelt und haben höhere Wirkungsgrade als die Standardzellen, wie sie in China produziert werden. Sie wandeln also mehr Sonnenlicht in Strom um, senken dadurch die Kosten pro Kilowattstunde.

EU soll Aufbau einer eigenen Solarindustrie fördern

„Europa hat hier die Technologieführerschaft und sollte diesen Vorteil durch den Aufbau einer eigenen Industrie auch umsetzen“, meint Weber. Diese Chance dürfe nicht verpasst werden.

Webers ESMC trommelt dafür, dass die EU-Kommission den Aufbau einer eigenen Solarindustrie gezielt fördert, so wie sie das zuletzt bei der Batterietechnik für Elektroautos gemacht hat. Die Situation war ähnlich. Auch hier hatten Länder wie China, Japan und Südkorea die EU abgehängt, europäische Autokonzerne mussten die Batterien für ihre E-Autos dort kaufen. Inzwischen aber sind in der EU über 30 große Batteriefabriken im Bau oder geplant.

Möglich wurde das, weil die Förderung dieser Technologie durch die Regierungen der Mitgliedsländer von der Kommission zum „Important Project of Common European Interest“ (IPCEI) erklärt wurde. „Das brauchen wir für die Solarfabriken auch“, sagt Weber. Dabei gehe es weniger um viele Fördermilliarden, sondern eher um Kreditgarantien und schnelle Genehmigungsverfahren, so wie bei der Tesla-Autofabrik in Brandenburg.

Inzwischen kommt das Thema in der Politik an. Besprochen wurde es zum Beispiel unlängst bei einem „Produktionsgipfel“ im Haus von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Dort hieß es, die Ampel-Regierung wolle mehr Anreize für die Branche schaffen, das gehe „von verbilligten Krediten über Bürgschaften bis zu staatlichen Beteiligungen“.

Das könnte für das Angebot des Herstellers Meyer Burger wichtig werden, in einer früheren Kohleregion bis 2023 mit staatlicher Beteiligung eine Solarmodul-Fabrik für fünf Gigawatt jährlich zu errichten. Ein weiteres Projekt gibt es derzeit in Nordrhein-Westfalen: Dort, in der Nähe von Mönchengladbach, plant das deutsche Unternehmen MCPV den Bau eine Mega-Fabrik, die satte 15 GW jährlich herstellen könnte, also fast die Hälfte der von Webers ESMC für die gesamte EU angepeilten Produktionskapazität.

Und auch auf EU-Ebene scheint sich etwas zu bewegen. Am 20. Mai will die europäische Solarbranche zusammen mit Regierungsvertretern aus EU-Ländern, die die Solarpläne unterstützen, in Brüssel ihre Projekte vorstellen und für die Aufnahme als „Important Project“ werben. EU-Energiekommissarin Kadri Simson wird bei dem Termin dabei sein.

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