Gastwirtschaft

Die Blindheit der Theorie

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Die Volkswirtschaftslehre hat ein Sexismus-Problem.

Jahrzehntelang blendeten die Wirtschaftswissenschaften Fragen der Diskriminierung von Frauen in der Volkswirtschaftslehre (VWL) systematisch aus. Erst seit Kurzem kommt die Debatte, die in anderen Disziplinen schon rege geführt wird, auch unter den Experten und Expertinnen unseres Wirtschaftslebens an. Mehrere Studien belegen, was nicht mehr zu übersehen ist. Nur 13 Prozent der deutschen VWL-Professuren sind weiblich besetzt. In den USA sieht es kaum besser aus – Tendenz stagnierend. Von Frauen verfasste wissenschaftliche Artikel werden kritischer in Reviewprozessen bewertet. Und Bachelorstudierende der Ökonomie sind überdurchschnittlich voreingenommen gegenüber den Fähigkeiten ihrer weiblichen Kommilitoninnen.

Oft reagieren Ökonomen auf solche Erkenntnisse mit Skepsis. Sie fragen, ob es sich dabei wirklich um Diskriminierung handelt. Oder haben Frauen nicht einfach nur andere Präferenzen, zum Beispiel für weniger kompetitive Berufszweige? Denn in den Standardmodellen, die oft weiterhin von rationalen Agenten und effizient funktionierenden Märkten ausgehen, kann Diskriminierung auf lange Sicht nicht existieren. In dieser theoretischen Idealwelt würden Firmen den Umstand, dass Frauen bei gleicher Qualifikation geringer entlohnt werden, ausnutzen. Sie würden nur die „billigeren“ Frauen einstellen und so Profit erwirtschaften, bis sich die Lohnlücke schlösse.

Die Blindheit ökonomischer Theorie für Diskriminierung trägt also ihren Teil zur Ignoranz gegenüber dem Sexismus in den eigenen Reihen bei. Den eingestaubten Theorien stehen zum Glück immer mehr aktuelle, meist empirische Studien gegenüber, die bewusste und unbewusste Vorurteile gegenüber Frauen und deren Folgen immer sichtbarer machen. Allerdings werden diese Erkenntnisse bisher in der VWL-Disziplin selbst nicht aufgegriffen.

Wie vor Gericht scheint auch in der Ökonomie zu gelten: Im Zweifel für den Angeklagten. Wenn Diskriminierung nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, muss das Problem nicht angegangen werden. Zu hoffen ist, dass die eingangs genannten Veröffentlichungen notwendige Diskussionen anstoßen. Wenn die Disziplin ihr Sexismusproblem jetzt intensiv angeht, werden nicht nur die Chancen von Frauen in der VWL besser, darüber hinaus kann die kommende Generation von Ökonom*innen den Stein für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft ins Rollen bringen.

Lotte Maaßen ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik.

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