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Volkswagen muss nachlegen

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Der Diesel-Skandal hinterlässt immer tiefere Spuren in der Bilanz von VW. Wegen weiterer rechtlicher Risiken muss der Konzern zusätzliche 2,2 Milliarden Euro zur Seite legen. Ob das reicht?

Der Volkswagen-Konzern legt zur Bewältigung der Abgasaffäre zusätzlich 2,2 Milliarden Euro zur Seite. Die Art und Weise wie das geschieht, ist indes ein Zeichen dafür, dass das Management die finanziellen Dimensionen der Betrügereien keineswegs im Griff hat. Die Nachricht über die zusätzlichen Rückstellungen wurde in eine Erfolgsmeldung verpackt.

In China und in Europa, den beiden wichtigsten Märkten des Konzerns, werden eigentlich richtig gute Geschäfte gemacht. Deshalb würde der Gewinn aus dem operativen Geschäft im ersten Halbjahr eigentlich auf 7,5 Milliarden Euro klettern – nach sieben Milliarden in der Vorjahreszeit. Aber da sind noch die 2,2 Milliarden die als „negative Sondereinflüsse erfasst“ werden müssten, und zwar „vor allem aufgrund weiterer rechtlicher Risiken, die im Wesentlichen auf Nordamerika entfallen“, teilt der Konzern mit.

Was ist passiert? Eigentlich wollte das Management bei Anlegern und Analysten, Politikern und Gewerkschaftern die massive Verunsicherung über die Folgekosten der Abgas-Betrügereien bei Dieselmotoren aus der Welt schaffen. Hauptschauplatz ist bislang Nordamerika. Dort wurde nach sehr zähen Verhandlungen mit Behörden und hunderten von Klägern eine Einigung über Straf- und Entschädigungszahlungen in Höhe von umgerechnet 13,8 Milliarden Euro erreicht. Doch wer glaubte, damit sei es getan, hat sich getäuscht. So gehen drei US-Bundesstaaten wegen Verstößen gegen Umweltrecht gegen den Konzern vor. Hier könnten mehrere hundert Millionen Dollar an Strafen hinzukommen.

In Kanada droht den Wolfsburgern ebenfalls einiges. Dort verhandeln Emissäre des Konzerns mit den Behörden noch über einen Vergleich zur Beilegung des Dieselskandals. Würden die Regelungen in den USA zum Vorbild genommen, könnten weitere Milliardenzahlungen drohen. Und genau damit rechnet der Vorstand nun offenbar – Details wurden am Mittwoch allerdings nicht genannt. Fest steht, das zurückgelegte Geld für die Aufarbeitung der systematischen Betrügereien ist nun auf 18,4 Milliarden Euro aufgestockt worden. Das kann der Konzern noch einigermaßen verkraften, hat er doch insgesamt 26 Milliarden Euro an flüssigen Reserven auf seinen Konten liegen.

Allerdings ist keineswegs ausgemacht, dass die rechtlichen Risiken sich allein auf Nordamerika und die erwähnten Fälle beziehen. Nur noch schwer zu überschauen ist, wo überall auf der Welt von Behörden gegen Volkswagen ermittelt wird. Darüber hinaus ist völlig unklar, ob es auch in Europa Schadenersatz für geprellte Kunden geben wird. Mehrere Großkanzleien sammeln derzeit Ansprüche von Autobesitzern, um Entschädigungen durchzusetzen. Als weiterer großer Posten können Klagen von Tausenden von Anlegern hinzukommen, die dem Vorstand vorwerfen, die Öffentlichkeit zu spät über den Abgasskandal informiert zu haben.

Alles spricht dafür, dass die aktuelle Erhöhung der Rückstellungen nicht die letzte war. Frank Schwope, Analyst der NordLB, erwartet etwa, dass insgesamt rund 30 Milliarden Euro zusammenkommen könnten. Hochrechnungen des Finanzanalysehauses Morningstar gehen sogar von maximal 55 Milliarden Euro aus. Sollte es tatsächlich so weit kommen, könnte es für den Giganten eng werden. Denn der VW-Konzern muss sich für die Zukunft mit Elektromobilität und autonomem Fahren fit machen. Hierfür sind elf Milliarden Euro bis 2025 eingeplant – Experten gehen davon aus, dass auch das nicht reichen wird.

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