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Nichts dreht sich: Die Corona-Pandemie gefährdet auch viele Fahrgeschäfte in ihrer Existenz. 

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Volksfest mit Maske

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Schausteller und Brauer sind in großen Schwierigkeiten, darum fordern sie, Feste im Freien vorsichtig zu starten.

Mark Roschmann ist auf Jobsuche. „Müllwagenfahrer, Spargelstecher, egal was“, sagt der Schausteller. Normalerweise ist der Betreiber eines Kinderkarussells und Chef des Schaustellerverbands Südwest mit seiner gesamten Familie auf Volksfesten unterwegs. Aber der Saison droht wegen der Pandemie dieses Jahr ein Totalausfall.

Bis Ende August hat die Politik Großveranstaltungen eine Absage erteilt. Starkbier- und Frühlingsfeste sind bereits bundesweit gestrichen, bilanziert der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds (DSB), Albert Ritter. Für alle anderen würden Mietverträge für Fahrgeschäfte und Stände nur noch unter Corona-Vorbehalt geschlossen. Auf den vermeintlichen Höhepunkt der diesjährigen Saison, der für die rund 9700 Veranstaltungen traditionell im Juni beginnt, blickt Ritter mit Schaudern. Es sieht düster aus für Deutschlands 5000 Schaustellerfamilien und die rund 55 000 daran hängenden Jobs.

Roschmann befürchtet einen Dominoeffekt, werden erstmal das Oktoberfest oder die Cannstatter Wasen abgesagt. Danach würden sich auch Veranstalter kleinerer Feste nicht mehr zu öffnen wagen.

Schausteller haben zwar oft ein zweites Standbein auf Weihnachtsmärkten. Bei der Familie Roschmann bringt das etwa ein Drittel aller Jahresumsätze. Aber bis dahin halten ohne weitere Hilfen wohl die wenigsten durch. Staatliche Soforthilfen würden zwar ein paar Wochen helfen, könnten aber den Ausfall einer kompletten Saison nicht kompensieren, klagt Roschmann. „Unser Betrieb ist inhabergeführt, ich hafte voll.“ Die Fahrgeschäfte der Familie würden dann zur Insolvenzmasse, was einen Neustart auch 2021 unmöglich mache. Weil ein solches Schicksal jetzt flächendeckend droht, sind damit auch die Existenzen der Volksfeste bedroht.

Das mögliche Aus für den Rummel versetzt auch Brauern einen weiteren Tiefschlag. Denn ihnen ist schon das Wirtshausgeschäft weggebrochen. Mit Volksfesten und Vereinsfeiern kippt ein zweites Standbein. Gerade kleinere Brauereien würden oft fast ausschließlich von der Belieferung lokaler Feste sowie ihrer eigenen Wirtshausbrauerei leben, erklärt Lothar Ebbertz als Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds. Weil rund 70 Prozent aller bundesweit gut 1500 Brauereien in diese besonders gefährdete Kategorie fallen, droht auch ein Brauereisterben.

Schon Ende März hatten fast alle Brauereien Kurzarbeit vor Augen, hat eine Umfrage des Deutschen Brauer-Bunds (DBB) ergeben. Drei Wochen später hat sich die Lage alles andere als entspannt. Im Gegensatz zu anderen Konsumbereichen könne die eigene Branche verlorene Umsätze nicht nachholen, so der DBB. Keiner trinke im Herbst das Bier, das er im Frühling nicht konsumiert habe. Bei Schaustellern sieht es ähnlich aus. Beide Branchen sind sich in ihren Forderungen einig. Staatshilfen in Form von Krediten oder Stundungen würden bei einem Geschäftsausfall nichts helfen sondern nur nicht rückzahlbare Zuschüsse und ein eigener Rettungsfonds. „Ein Drittel des Jahresumsatzes benötigen wir, um unsere Betriebe aufrecht zu erhalten“, kalkuliert Roschmann.

Alternativ könnte nur ein Wiederbelebungsszenario helfen. Dafür werben Brauer, Gastronomen und Schausteller bei der Politik. Vor allem auf Freiflächen oder in Biergärten, könnte man die Geschäfte vorsichtig starten. „Karussell fahren kann man auch mit Maske“, meint Ritter. Bier trinken wird schwieriger, räumt er ein. Aber ohne Änderungen gebe es viele Schausteller nächstes Jahr nicht mehr. Dem können Brauer nur zustimmen.

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