Wirtschaftliche Prognosen

Visionen der Ökonomen

  • schließen

„Angenommen“ ist das Zauberwort für Prognosen. Damit wird gerne mal die Wirklichkeit ausgeschaltet.

Ein Klassiker unter den Ökonomenwitzen: Ein Kreuzfahrtschiff geht unter. Ein Physiker, ein Chemiker und ein Ökonom stranden auf einer Insel – und mit ihnen eine Dose Bohnen. Der Chemiker schlägt vor, die Dose mit Hilfe des Meersalzes und der Sonne zu öffnen. Der Physiker setzt auf eine Kokosnuss, die in einem bestimmten Winkel auf die Dose herabfällt. Der Ökonom hingegen lächelt listig und sagt: „Angenommen wir hätten einen Dosenöffner, dann …“

„Angenommen“ ist das Abrakadabra der Ökonomen. Damit wollen sie die Wirklichkeit ausschalten, um ihre Realität zu konstruieren und vor allem Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Insbesondere in den Analysen zum Einfluss digitaler Technologien auf den Arbeitsmarkt wird diese Zauberformel verwendet. So wie beispielsweise in der aktuellen Veröffentlichung des renommierten Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zum Thema Digitalisierung und Zukunft der Arbeit. Ginge der Wandel so weiter wie bisher – so heißt es in der Studie – steige die Beschäftigung. Unterstellen wir stattdessen, dass die Unternehmen stärker in die Industrie 4.0 investieren, steigt sie in geringerem Umfang. Andere Studien kommen zum gegenteiligen Ergebnis, wonach selbstfahrende Autos, Roboter und Drohnen die Beschäftigung senken werden.

Für eine Prognose zukünftiger Entwicklungen verwenden Ökonomen Daten aus der Vergangenheit. Robotertechnik in der Automobilindustrie oder das Internet verdrängten jedoch Arbeitsplätze ebenso wie sie neue schufen. Diese Unklarheit wird mittels mathematischer Modelle in die ungewisse Zukunft transportiert. Dazu kommt, dass zukünftige technologische Innovationen noch unbekannt sind. Oder wer hätte in den 60er Jahren gedacht, dass ein halbes Jahrhundert später in den Berliner Hinterhöfen nicht mehr Fabriken, sondern Startups zu finden sind, in denen Hipster an Dating-Apps tüfteln. Selbst Elon Musk räumte jüngst ein, dass in der Automatisierung der Produktion bei Tesla die Menschen unterbewertet wurden – die Beschäftigung steigt also wieder?

Studien zum künftigen Einfluss digitaler Technologien auf den Arbeitsmarkt sind zwar eine reizvolle Literatur. Der Wahrheitsgehalt – so erscheint es mir – ist jedoch auf dem Niveau von Aldous Huxleys Schöne neue Welt.

Die Autorin arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare