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Abwärtsbewegung: Auch der japanische Leitindex Nikkei 225 bracht zeitweise ein.

ANALYSE

Das Virus und der Zins

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Die Zentralbanken reagieren auf die Corona-Krise. Das hilft zwar nicht dem produzierenden Gewerbe, beruhigt aber den Finanzsektor.

Das Coronavirus breitet sich aus und die großen Zentralbanken reagieren: In China vergibt die Notenbank verbilligte Kredite. In den USA wurde schon für Mitte März mit einer starken Zinssenkung gerechnet – diesen Schritt hat die Fed nun überraschend vorgezogen. Auch die Euro-Zentralbank hatte am Montag mitgeteilt, sie „stehe bereit“. Ökonomen wenden zwar ein, dass billigere Kredite das Corona-Problem der produzierenden Unternehmen nicht lösen können. Doch zielen die Zentralbanken weniger auf die Realwirtschaft als auf eine Beruhigung des Finanzsektors.

Die Ausbreitung des Virus trifft die globale Wirtschaft in einem schlechten Moment. In China schwächt sich das Wachstum schon seit Jahren ab. Der Staat versucht, durch erhöhte Ausgaben und vermehrte Kredite die Schwäche des Privatsektors zu kompensieren. Ein Ergebnis davon sind steigende Schulden – die des Privatsektors sind seit der Krise 2009 von etwa 120 Prozent auf über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Zum Rückgang des Wachstums in China gesellt sich eine globale Schwäche der Industrie, deren Produktion zuletzt gefallen ist. Absatzrückgänge verzeichnen vor allem die Sektoren Auto und Investitionsgüter.

Fed senkt Leitzins

Die US-Notenbank hat wegen der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Coronavirus ihren Leitzins überraschend um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Der Leitzins liege nun im Korridor von 1 bis 1,25 Prozent, erklärte die Notenbank Federal Reserve (Fed) am Dienstag.

Dazu addieren sich nun die Folgen des Virus. Chinas Schwäche bekommt die ganze Welt zu spüren über einen Rückgang der chinesischen Nachfrage. Die Importe des Landes machen immerhin elf bis zwölf Prozent der Welt-Importe aus. Zudem führen Produktionsstopps im Reich der Mitte zu sinkenden Exporten – und so zu Lieferengpässen in anderen Ländern.

Dagegen helfen niedrigere Zinsen zunächst tatsächlich nicht – kein verbilligter Kredit kann die Unterbrechung von Lieferketten kompensieren. Es ist daher anzunehmen, dass die Zentralbanken mit ihren Zinssenkungen vor allem eine Panik an den Finanzmärkten verhindern wollen. Zum einen an den Aktienmärkten: Hier waren in den vergangenen Wochen viele Börsenindizes auf Rekordhöhen gestiegen – trotz schwacher Konjunktur, schlicht weil die Zinsen so tief liegen. Zum anderen an den Anleihemärkten, also an den Märkten für Schulden. Hier droht echte Gefahr. Denn das globale Wirtschaftswachstum lässt zu einer Zeit nach, in der die Schulden stark gestiegen sind. Das trifft nicht nur Länder wie Italien, deren Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr wohl stagnieren wird. Sondern vor allem ärmere Staaten, die „Low Income Countries“ (LIC). Ihre Schulden sind laut Institute of International Finance (IIF) seit 2008 von 90 auf den Rekordwert von 115 Prozent der Wirtschaftsleistung angewachsen. Etwa die Hälfte der LIC sind laut IIF in einer prekären Finanzlage.

Dieses und nächstes Jahr müssen die LIC Anleihen über 255 Milliarden Dollar zurückzahlen, fast die Hälfte davon in ausländischer Währung. Sie sind daher angewiesen auf einen steten Zustrom internationalen Kapitals. Die Corona-Krise allerdings erhöht die Risikoscheu der Anleger und lässt Kapital aus den Schwellenländern abfließen: Im Februar brachen die Portfolioinvestitionen – also die ausländischen Kapitalzuflüsse in Schwellenländer-Aktien und -Anleihen – gegenüber Januar um knapp 90 Prozent ein, so das IIF. In solch einer Situation helfen Zinssenkungen der Weltwirtschaftsmächte zwar nicht dem Produktionssektor. Aber sie deckeln das globale Zinsniveau und machen so eine Schuldenkrise weniger wahrscheinlich.

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