Arbeitsschutz

Vier Überstunden pro Woche

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In vielen Branchen ist Mehrarbeit an der Tagesordnung - besonders betroffen sind Lkw-Fahrer und Paketzusteller.

Gewerkschaften und Opposition sehen in der seit Jahren nicht sinkenden Überstundenzahl in Deutschland eine große Belastung der Arbeitnehmer – und fordern politische Konsequenzen. Laut der jüngsten Arbeitszeiterhebung der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) leistet ein Arbeitnehmer durchschnittlich vier Überstunden pro Woche. Das sei im Vergleich zu den Vorjahren ein konstanter Wert.

Für Verdi ist das kein gutes Zeichen. „Zufrieden ist damit keiner“, sagt etwa Arno Peukes über die Überstunden im Sicherheitsgewerbe. Als Fachbereichssekretär ist er bei Verdi für diese Branche zuständig. Durchschnittlich sechs Überstunden leisten Mitarbeiter dort wöchentlich. Länger arbeiten laut der Baua-Statistik nur Transportfahrer mit im Schnitt 7,2 Stunden.

Doch auch in anderen Branchen wird in Deutschland mehr gearbeitet als Arbeits- und Tarifverträge veranschlagen: Knapp vier Überstunden fallen pro Woche pro Arbeitnehmer an, stellte die Baua in ihrer Studie fest – ein nahezu unveränderter Wert im Vergleich zur vorigen Erhebung. Befragt wurden dafür 10 000 Arbeitnehmer, die mindestens zehn Stunden wöchentlich arbeiten.

Die wenigsten davon teilen allerdings Peukes’ Erfahrungen aus dem Sicherheitsgewerbe, denen zufolge viele Überstunden freiwillig geleistet werden, um die in der Branche niedrigen Löhne aufzubessern. Stattdessen gab knapp die Hälfte der Befragten an, aus betrieblichen Gründen oder wegen expliziter Vorgaben länger auf der Arbeit zu bleiben. Ein weiteres Drittel glaubt, sein Arbeitspensum ohne Überstunden nicht schaffen zu können.

Dass die eigentlich veranschlagte Arbeitszeit so oft überschritten wird, ist aus Sicht von CDU/CSU eine Folge der guten Konjunktur und des gegenwärtigen Arbeitskräftemangels. „Schöner wäre es natürlich, wenn die Betriebe neue Leute einstellen würden, anstatt auf Überstunden zu setzen“, sagte Peter Weiß, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Derzeit gelte es aber vor allem, auf die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes sowie die Gewährung von Ausgleichleistungen zu achten.

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund hat die Reduzierung von Überstunden nach Angaben von Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach hohe Priorität. Vor allem die laut DGB knappe Milliarde unbezahlter Überstunden zeige, wie sehr Beschäftigte in Deutschland unter Druck stünden. „Wir wollen, dass die gesamte Arbeitszeit besser erfasst wird und damit auch Überstunden bezahlt werden“, sagte Buntenbach.

Handlungsbedarf sehen auch die Grünen: Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin Beate Müller-Gemmeke fordert, das Arbeitszeitgesetz um Verordnungen zu ergänzen, die Unternehmen vorschreiben, genügend Personal vorzuhalten. Auch brauche es mehr Kontrollen. „Das Gesetz und Gerichtsurteile sagen klar, es gibt keine unbezahlte Arbeit. Deshalb muss man dafür sorgen, dass jede Arbeitsstunde bezahlt wird.“

Mehr Kontrollen zur Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes fordert auch Sabine Zimmermann, Arbeitsmarktexpertin der Linksfraktion. Zugleich solle aber auch die gesetzliche wöchentliche Höchstarbeitszeit reduziert werden: 40 statt bisher 48 Stunden will die Linke gesetzlich festschreiben. Außerdem sei bezeichnend, dass mit Lkw-Fahrern und Paketboten Berufe besonders betroffen sind, in denen Leiharbeit besonders weit verbreitet sei. Sie betonte deshalb die Forderung der Linken, solche „prekären Beschäftigungsformen“ abzuschaffen.

Eine ganz andere Sicht hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): Unter Verweis auf andere Erhebungen zum Überstunden-Aufkommen hieß es von dort auf Anfrage: „Allen Studien zufolge ist die überwältigende Mehrheit der Erwerbstätigen mit ihrer Arbeitszeit zufrieden. Insofern sollten wir keine Problem herbeireden, wo keine sind.“

Die Grünen greifen einen weiteren Aspekt aus der Studie auf: Etwa ein Viertel aller Arbeitnehmer berichtet, für die Arbeit ständig erreichbar sein zu müssen. Eine Anforderung, die aus Sicht der Baua-Forscher mit gesundheitlichen Problemen und einer Verschlechterung der Work-Life-Balance einhergeht. „Wir müssen Nicht-Erreichbarkeit garantieren“, fordert Müller-Gemmeke deshalb.

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