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Schutz vor Ernteausfällen: Die Hannover Rück bietet zum Beispiel Bauern in Peru Versicherungsschutz.

Nachhaltig wirtschaften

Vier rein, vier raus

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Großer Plätzetausch: Vier neue Unternehmen rücken in den Nachhaltigkeitsindex GCX auf. Doch wo vier kommen, müssen auch vier gehen.

Es wird ausgewechselt. An diesem Freitag vollzieht der Global Challenges Index (GCX) seine halbjährliche Neugewichtung. Und diesmal steht ein großer Plätzetausch an: Vier neue Unternehmen rücken in den Nachhaltigkeitsindex auf, den die Frankfurter Rundschau täglich auf ihrer Börsenseite abbildet. Billerud Korsnäs, Hannover Rück, Lenzing und Rockwool International konnten die Börse Hannover und die Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom Research, die den GCX vor fast zehn Jahren lanciert haben, überzeugen.

Die Unternehmen trügen mit ihren Produkten „aktiv zu einer nachhaltigen Entwicklung und damit auch zur Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele wie den Sustainable Development Goals bei“, begründet Hendrik Janssen, Geschäftsführer der Börse Hannover, die Aufnahme der Unternehmen in den Index.

Doch wo vier kommen, müssen auch vier gehen, drei davon, weil sie den Kriterien des GCX nicht mehr genügen: Die BT Group (British Telecom) stolperte über umstrittene Bilanzierungspraktiken, das Transportunternehmen East Japan Railway konnte seinen Prime-Status, also die Top-Positionierung im Rating von Oekom, nicht mehr halten, und das britische Medienunternehmen Relx musste infolge eines Vergleichs in Zusammenhang mit vorgeworfener Lohndiskriminierung an zwei US-Standorten ausscheiden. Der spanische Windanlagenbauer Gamesa verlässt den GCX, weil die Fusion mit der Windkraftsparte von Siemens zum Rückzug von der Börse führt. Im Folgenden stellt die FR die Neuen im GCX vor:

Billerud Korsnäs zählt zu den weltweit führenden Papier- und Verpackungsherstellern. Das international aufgestellte schwedische Unternehmen mit Sitz in Solna hat es in den GCX geschafft, weil es bei der Herstellung seiner Produkte ausschließlich auf den nachwachsenden Rohstoff Holz setzt. Diesen bezieht Billerud Korsnäs aus als nachhaltig zertifizierten Quellen wie FSC oder PEFC. Die Forstzertifikate stellen hohe Anforderungen insbesondere an die Nachhaltigkeit, an die Umweltverträglichkeit der Waldbewirtschaftung, die Arbeitsqualität und an die soziale Kompetenz der Forstbetriebe.

Produziert werden bei Billerud Korsnäs Kraftpapiere, Sackpapiere und Wellpappen an fünf Standorten in Schweden, in zwei Werken in Finnland und in Großbritannien. Das Unternehmen beschäftigt 4200 Mitarbeiter und hat im Jahr 2015 einen Umsatz von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro erwirtschaftet, der Gewinn betrug rund 270 Millionen Euro.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach umweltverträglichen Verpackungen hat Billerud Korsnäs kürzlich die größte Investition in der Firmengeschichte beschlossen. Das Unternehmen wird in seinem Werk im schwedischen Gruvön für rund 600 Millionen Euro eine neue Produktionsanlage errichten. Probleme bereitet den Schweden derzeit die EU-Wettbewerbsbehörde: Vergangene Woche wurden die Büros des Papierkonzerns durchsucht. Die Kartellwächter gehen dem Verdacht nach, dass die Papierindustrie in einigen Bereichen gegen europäische Wettbewerbsbestimmungen wie Preisabsprachen oder Marktaufteilung verstoßen haben könnte.

Lenzing, das international agierende österreichische Textil-Unternehmen, hat im Nachhaltigkeitsrating mit seinen überwiegend holzbasierten Zellulosefasern überzeugt, die gegenüber konventionellen Baumwoll- oder Chemie-Fasern eine bessere Umweltbilanz aufweisen. Die von rund 6100 Lenzing-Beschäftigten produzierten Fasern werden in der Textilindustrie im Bereich Bekleidung, Heimtextilien und technische Textilien eingesetzt. „Wir freuen uns sehr über die Aufnahme in den Global Challenges Index“, sagte Stefan Dobozcky, Chef der Lenzing Gruppe. „Sie ist eine großartige Anerkennung für unser soziales und ökologisches Engagement.“ Die Auszeichnung sporne an, gemeinsam mit den Partnern weitere nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung haben die Österreicher kürzlich mit der Einführung der Recyclingfaser Refibra geschafft. Diese neue Fasergeneration ist die erste Cellulosefaser aus Holz und Baumwollzuschnittabfällen. Bei der Produktion von Kleidung und anderen Textilien entstehen tonnenweise Gewebereste, die bisher überwiegend auf der Müllhalde enden. Mit der Verwertung der Reste aus der Produktion von Baumwollbekleidung ist der Modebranche nun der Weg in die Kreislaufwirtschaft eröffnet. Mit Refibra ist Lenzing auch ein unternehmerischer Coup gelungen: Seit Anfang Februar wird die neue Faser in T-Shirts, Pullovern und Tops der Modekette Zara verarbeitet. Dem Gewinn von Lenzing, der 2015 bei 128 Millionen Euro lag, wird dies sicherlich einen Schub geben.

Rockwool International ist der weltweit größte Hersteller von Dämmstoffen und -systemen aus Steinwolle. Das dänische Unternehmen mit Sitz in Hedehusene westlich von Kopenhagen trägt mit seinem Hauptprodukt, dem Dämmstoff Steinwolle, zur Energieeffizienz von Gebäuden bei. Die energetische Optimierung von Gebäuden gilt als einer der größten und kosteneffizientesten Hebel zur Bekämpfung des Klimawandels. Rockwool unterhält mehr als 35 Produktionsstätten in Nord-Amerika, Europa, Asien und Russland und verkauft seine Dämmstoffe in mehr als 100 Ländern – im vergangenen Jahr hat das dem Dämmstoffhersteller einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro eingebracht. Für Anleger war Rockwool in den vergangenen zwölf Monaten eine lohnende Investition: Die Aktie konnte mehr als 13 Prozent zulegen. Bei Rockwool zeigte man sich erfreut über die Aufnahme in den GCX. Das sei „eine große Ehre“, sagte Jens Birgersson, Vorstandschef des Unternehmens.

Hannover Rück, der weltweit drittgrößte Rückversicherer, konnte mit seiner Integration von ökologischen und sozialen Standards in die Eigenkapitalanlage und mit der Forschung und Produktentwicklung zu Klimawandel, Ressourcenknappheit und demographischem Wandel punkten. Im Vordergrund steht aber das Versicherungsangebot für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. So bietet die Hannover Rück Mikroversicherungen und Agrarversicherungen an, mit denen sich Menschen vor den Folgen von Naturkatastrophen oder Ernteausfälle schützen können.

In Peru etwa konnten laut dem Geschäftsbericht im Jahr 2015 mehr als 450 000 Bauernfamilien ihre Ernte gegen Überflutung, Dürre, Hagel oder Frost bei der Hannover Rück versichern und so mit einem gesicherten Mindesteinkommen rechnen. In Burkina Faso erhielten 6200 Landwirte einen Versicherungsschutz für ihre Baumwollproduktion. In der Personen-Rückversicherung sind die Hannoveraner auf dem Gebiet staatlich geförderter Mikrokrankenversicherungen aktiv. Dadurch erhalten arme Bevölkerungsgruppen etwa in Indien eine Grundabsicherung für die wichtigsten Krankenhausbehandlungen. Dabei agiert der Rückversicherer extrem erfolgreich: 2016 legte der Konzern ein Rekordergebnis gepaart mit einer Rekorddividende vor und hängte damit sogar Branchenprimus Munich Re ab. 

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