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Peter Bofinger, Ökonom und Wirtschaftsweiser, wird von Kollegen heftig angegangen.

Wirtschaftsweise

Vier gegen einen

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Im Sachverständigenrat der Bundesregierung fliegen die Fetzen. Der linke Ökonom Peter Bofinger wird von seinen Kollegen heftig angegangen.

Einen Streit unter Gelehrten stellen sich normale Zeitgenossen als gediegen, behäbig und eher langweilig vor. Doch auch unter Weisen können die Fetzen fliegen, wie der Sachverständigenrat demonstriert. Da werfen vier Kollegen um den Vorsitzenden Christoph Schmidt dem eher linken Peter Bofinger amateurhafte Fehler vor. Da kontert Bofinger mit der Aussage, die anderen Räte verhielten „sich viel zu konform“ und ließen sich von ihrer Liebe zum Markt blenden.

Eigentlich sollen die fünf Professoren der Bundesregierung im November für die neue Wahlperiode Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik an die Hand geben. Doch schon jetzt ist klar: Der Grundsatzstreit, den die Gelehrten in diesem Sommer in Gastbeiträgen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und deren Sonntagsblatt führten, wird auch dieses Gutachten prägen. So hart wie selten zuvor ringen die so genannten Wirtschaftsweisen über das richtige Verhältnis zwischen Staat und Markt, über Mindestlohn und niedrige Zinsen, die Förderung der erneuerbaren Energie und die Industriepolitik.

Bofinger, auf Vorschlag der Gewerkschaften zum Mitglied des Sachverständigenrates ernannt, setzte im August den ersten Nadelstich. Deutliche Kritik übte er an der der traditionellen Absage des Sachverständigenrats an eine staatliche Industriepolitik, wie sie ausführlich im Jahresgutachten 2009/2010 formuliert wurde.

Die Zweifel an dieser liberalen Haltung hätten schon in der Finanzkrise eingesetzt, hielt Bofinger dagegen. Auch die Versäumnisse der deutschen Energiekonzerne und Autohersteller führte er an, um das Versagen des Wettbewerbs zu belegen. Die einen hätten den technologischen Wandel durch erneuerbare Energien verpasst, die anderen durch ihre Fixierung auf den Diesel wichtige Innovationen verschlafen. Diesen Fehlleistungen setzt Bofinger die Erfolge der chinesischen Industriepolitik entgegen, mit der die dortige Regierung Schlüsseltechnologien wie Industrieroboter oder neue Werkstoffe und digitale Industrien gezielt fördere.

Eine solche Sympathiekundgebung für den chinesischen Zentralismus musste die liberalen Kollegen auf den Plan rufen. Die gemeinsame Antwort des Mehrheits-Quartetts ließ nicht lange auf sich warten. Unter der Überschrift „Vertraut dem Markt“ wiesen die vier Bofinger darauf hin, dass Planwirtschaften mit Innovationen meist kläglich gescheitert seien. „Marktwirtschaftliche Ordnungen sind hingegen wie kein anderes System in der Lage, die Kreativität, Neugier und Leistungsbereitschaft der Menschen in Innovationen umzusetzen.“ Bei sachlicher Kritik beließen es jedoch Schmidt und seine Mitstreiter nicht. Persönlich gingen sie Bofinger an in einem Ton, den arme Studenten aus Hörsälen kennen. Bofinger habe sich die schlechtesten Argumente für seine Argumente ausgesucht, polterten die vier Mehrheitsvertreter. Kaum zu glauben sei, dass er ausgerechnet den VW-Konzern als Beleg für die Schwächen einer Marktwirtschaft anführe. Dabei werde der doch maßgeblich vom Land Niedersachsen bestimmt. Und es folgten die Sätze, die für alle sichtbar das tiefe menschliche Zerwürfnis demonstrieren: „Laien verwechseln häufig die Liebe von Ökonomen zum Markt mit einer Liebe zu einzelnen Marktakteuren“, schrieb das Quartett an Bofinger gewandt. „Einem Profi sollte das nicht passieren.“ Diese direkten Attacken auf seine wissenschaftliche Integrität wies Bofinger mit einer leicht spöttischen Bemerkung zurück: „Ich liebe weder den Markt noch Marktakteure. Ich analysiere sie.“

Schon bald werden sich die Fünf in Wiesbaden treffen und wochenlang streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit über das nächste Gutachten beraten. Schon jetzt kann man sich gut vorstellen, welch frostige Atmosphäre in den Räumen ausbreiten wird. Die Missstimmung verschärfte noch ein Forscher von außen, der sich in rüdem Ton über Bofinger äußerte. Niklas Potrafke vom liberalen Ifo-Institut in München nimmt für sich in Anspruch, die Gründe für die Minderheitsvoten wissenschaftlich analysiert zu haben. „Die Öffentlichkeit sollte wissen, dass stets der Gewerkschaftsvertreter querschießt und dass er inhaltlich mit seinen wirtschaftspolitischen Ansichten alleine steht“, betonte Potrafke und fügte hinzu: „Gerade weil viele Journalisten ihre Leser nicht langweilen wollen, finden auch noch so wirre Ideen immer wieder Gehör.“ Unfreiwillig bestätigte Potrafke damit die Kritiker des liberalen Einheitsdenkens in der deutschen Volkswirtschaftslehre. Anders als etwa in den USA reicht hierzulande offensichtlich eine abweichende Meinung, um von anderen Professoren als unqualifizierter Querulant abgestempelt zu werden.

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