Gastwirtschaft

Mit Vielfalt gegen Krisen

Die Lehman-Pleite vor zehn Jahren hat die Weltwirtschaft an den Abgrund geführt. Kaum einer hatte die Finanzkrise kommen sehen. Doch in den Wirtschaftswissenschaften hat sich seither viel zu wenig verändert.

Am 15. September 2008 meldete die Bank Lehman Brothers Insolvenz an. In der darauffolgenden Finanz- und Wirtschaftskrise wurde über die Ursachen kapitalistischer Krisen diskutiert. Heute, zehn Jahre nach dem Schock, hat es zwar geringfügige Änderungen in der Finanzmarktregulierung gegeben, doch von der Debatte um grundlegende Änderungen und Wege zur Verhinderung solcher Krisen ist nicht mehr viel erkennbar.

Die Regulierer der deutschen Bundesbank haben nach der Finanzkrise einen bereits in Vergessenheit geratenen Ökonomen ausgegraben, den Postkeynesianer Hyman Minsky. Zunächst mussten die Banker akzeptieren, dass Märkte nicht immer effizient sind, zu Krisen neigen und der Regulierung bedürfen. Nach Minskys Theorie führen gerade stabile Phasen in den Finanzmärkten zu Übermut der Beteiligten und damit zu Blasenbildung. Banken sollen nun durch neue Regulierungsstandards für die von Minsky vorhergesagten, wiederkehrenden Krisen gerüstet sein. Die Regulierung bekämpft also vorrangig die negativen Symptome einer Krise. Denn an die Möglichkeit, Krisen zu verhindern, glauben die Bundesbanker nicht.

Internationale zivilgesellschaftliche Organisationen rufen deshalb zu einem Umdenken auf. Mit heterodoxen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen sollen die Krisenursachen bekämpft werden. Andreas Dombret, Ex-Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank, glaubt hingegen nicht an den Erfolg heterodoxer Ansätze. In der Theorie wirkten sie zwar vielversprechend, aber nur, weil ihre Fehler nie durch eine reale Anwendung aufgedeckt werden konnten.

Das kann als Ruf nach Durchführung wissenschaftlicher Experimente und Reallabore im Bereich heterodoxer Finanzwissenschaften gewertet werden. Leider beschäftigen sich nach einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung nur sieben Prozent der Volkswirte in ihrer Forschung mit den Finanzmärkten. Hinzu kommt, dass je nach Definition 76 bis 91 Prozent der Volkswirte heterodoxen Ansätzen ablehnend gegenüberstehen. Damit Finanzkrisen nicht zugleich Krisen der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin sind, sollte die heterodoxe Lehre und Forschung gestärkt werden. Ihre Forscher und Forscherinnen beschäftigen sich laut der Studie nämlich mehr mit Krisen als Kolleginnen und Kollegen aus dem Mainstream.

Der Autor ist Mitglied im
Netzwerk Plurale Ökonomik.

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