+
Patrick Sochnikoff ist Europa-Chef von Sodexo.

Ernährung

"Viele sind bereit, für Essen mehr auszugeben"

  • schließen

Der Europa-Chef des Kantinenbetreibers Sodexo, Patrick Sochnikoff, spricht im FR-Interview über Sterneköche, Lieblingsmahlzeiten und Gesundheitstrends.

Die Currywurst und das Schnitzel sind immer noch die beliebtesten Mahlzeiten in der Kantine. Gleichzeitig ernähren sich immer mehr Menschen vegan und vegetarisch. Außerdem wächst die Zahl der Lieferdienste und die Arbeit im Homeoffice. Eine Herausforderung für Kantinenbetreiber wie das französische Unternehmen Sodexo. Seit September 2018 ist Patrick Sochnikoff Vorsitzender für die Region Zentraleuropa. Im Interview erklärt der Belgier, ob Sodexo an den Essgewohnheiten der Deutschen etwas ändern kann, und warum sich Verpflegungsgutscheine für Unternehmen lohnen.

Herr Sochnikoff, Sie holen Sterneköche in die Kantinen. Ist das ein Versuch, mehr Menschen zu Ihnen zu locken?
Wir müssen ja verschiedene Interessengruppen zufriedenstellen und Sodexo hat einen hohen Anspruch. Wachsen ist uns wichtig, wir wollen mehr Kunden bedienen. Einer der Wege um mehr Menschen in die Betriebsrestaurants zu bringen, ist die Zusammenarbeit mit Sterne-Köchen. Sie kennen die Trends und die Wünsche unser Verbraucher, wissen, was gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit bedeuten, und helfen, unseren Kunden authentisches und besonderes Essen anzubieten.

Immer mehr Restaurants liefern Essen auf Bestellung nun auch direkt ins Büro. Ist das eine große Konkurrenz für Sie?
Absolut. Wir wollen ja wie gesagt einerseits mehr Menschen in unsere Betriebsrestaurants bringen, aber andererseits ist es wichtig für uns, was die Kunden wollen. Also haben wir uns entschieden, ein Teil davon zu sein, wir wollten nicht nur zugucken. Wir arbeiten weltweit mit verschiedenen Start-ups zusammen, in Deutschland etwa mit dem Online-Betriebsrestaurant Smunch. Mit unserem tollen Küchen-Netzwerk, unseren Kunden, hohen Standards und der Zusammenarbeit mit Start-ups, die sich um den logistischen Teil kümmern, sind wir Teil der Konkurrenz.

Viele Arbeitgeber bieten ihren Angestellten Homeoffice oder flexiblere Arbeitszeiten an, was zu einer Verschiebung der Pausen führt, merken Sie das in den Kantinen?
Ja, das ist ein wichtiger Trend. Darum ist die Lieferung nach Hause auf unserem Radar. Aber wir haben auch andere Möglichkeiten, Arbeitnehmer zu unterstützen, wenn sie zu Hause arbeiten. Etwa mit unseren Verpflegungsgutscheinen. Ein Unternehmen kann seinen Angestellten also auch einen Vorteil bieten, wenn der Arbeitsplatz zu Hause ist. Durch die Verpflegungsgutscheine wird auch dort ihr Essen bezuschusst. Auf diese Weise unterstützen wir schon jetzt Mitarbeiter im Homeoffice. 

Warum geben Arbeitgeber Geld für Verpflegungsgutscheine aus? 
Firmen in Deutschland und auch Europa haben Schwierigkeiten Fachkräfte zu finden, und wenn sie sie gefunden haben, wollen sie diese auch halten. Also müssen die Firmen Leistungen und Benefits anbieten, einen Anreiz, um die Lebensqualität der Arbeitnehmer zu verbessern. Es ist natürlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, es gibt rechtliche Rahmenbedingungen in jedem Land, so dass man umsonst oder zu einem geringen Preis Restaurantschecks oder Mahlzeiten anbietet. Es gibt natürlich auch einen steuerlichen Vorteil. Arbeitgeber können so zudem gesundes Essen fördern, das ist gut für die Mitarbeiter, aber auch für das Unternehmen. 

Sie sind in ganz Europa aktiv. Ist die Mittagessenskultur von Land zu Land sehr unterschiedlich?
Studien zeigen, dass Deutsche etwa zehn Prozent ihres Einkommens für Essen ausgeben, in Frankreich und Italien sind es etwa 14 Prozent. Unterschiede gibt es auch bei der Dauer. In Frankreich etwa machen die Menschen eine längere Mittagspause. In Großbritannien nimmt man sich weniger Zeit. Deutschland liegt dazwischen. Natürlich sollte man im Blick behalten, dass es sehr wichtig ist, dass die Menschen eine Pause machen. Das ist nichts Kulturelles, sondern einfach gesund. Aber was man in seiner freien Zeit macht, hängt vom Land ab, aber auch vom Ort, an dem man arbeitet. Wenn man in einer Fabrik irgendwo auf dem Land tätig ist, verbringt man seine Pause natürlich anders, als wenn das Büro im Stadtzentrum von Frankfurt oder München liegt. Betriebsrestaurants gibt es aber in ganz Europa, wir beliefern 26 Länder. 

Und Ihr Angebot, ist das ähnlich?
Das, was wir anbieten, richtet sich nach dem, was die Verbraucher essen wollen und nach den kulturellen Vorlieben und Essgewohnheiten. Wenn sie beispielsweise nur hinüber in die Niederlande schauen, unterscheidet sich das Essverhalten bereits sehr. Dort isst man mittags oftmals nur eine Suppe oder Brot und Käse. Denn die Niederländer essen eher abends warm, dann erst gibt es Fisch und Fleisch. Solche Dinge berücksichtigen wir natürlich bei unseren Angeboten zur Mittagsverpflegung. 

In Deutschland galt ja lange die Currywurst als das beliebteste Kantinenessen, hat sich das inzwischen geändert?
Die vier beliebtesten Essen sind tatsächlich Curry-Wurst, Schnitzel, Spagetti Bolognese und Caesar Salat. Sehr traditionell, finde ich. 

Kann Sodexo Essgewohnheiten seiner Kunden reformieren?
Sodexo spielt eine Rolle, indem wir Gerichte vorschlagen. Ich würde aber nicht sagen, dass wir belehren, das wäre nicht realistisch, wir sind nur eine Firma. Aber Stück für Stück kann sich etwas ändern, wir können neue Möglichkeiten aufzeigen, gesundes Essen anbieten und so die Wahl geben. Zudem auf Trends reagieren. Aber die Realität ist, dass es immer noch die Currywurst ist, die die Menschen essen wollen. 

Andererseits ist aber auch Gesundes und Fleischloses sehr gefragt. Wie lassen sich diese Wünsche miteinander vereinbaren?
Um der Wünsche der Verbraucher zu befriedigen, müssen wir unterschiedliche Sachen anbieten – und das machen wir. Wir haben etwa das vegetarisch-vegane Programm Peter + Silie eingeführt, der bekannte Koch Roland Trettl hat die Menülinie kreiert. Auch unser Magazin „Vegazin“ kann unsere Kunden inspirieren oder sie wenigstens ermuntern, etwas zu probieren. Das klappt besser und besser. Da Vegetarier und Veganer weltweit immer mehr zunehmen, müssen wir als Firma natürlich darauf reagieren. Und das finden wir gut, denn wir denken, dass man durch gesunde Essgewohnheiten zu einer besseren Lebensqualität beiträgt. 

Gibt es weitere Trends in der Kantine?
Viele reduzieren ihren Fleischkonsum und essen nicht mehr jeden Tag Fleisch, das ist schon länger so. Regionales Essen ist ebenfalls gefragt, verlangt werden auch nachhaltig Angebautes und Bio-Produkte. Die Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt und was die Geschichte dahinter ist, so arbeiten wir mehr und mehr mit lokalen Erzeugern zusammen. Nicht bei allem natürlich, aber etwa bei Eiern und Fleisch, ein Großteil unserer Lieferanten findet sich in einem Umkreis von 50 Kilometern zum jeweiligen Betrieb. 

Wenn Sie Essen möglichst preiswert anbieten sollen, bleibt Ihnen trotzdem die Möglichkeit, auf Nachhaltigkeit zu achten?
Wir befinden uns natürlich in einem sehr wettbewerbsstarken Umfeld, aber eine gewisse Qualität hat auch ihren Preis. Damit meine ich nicht nur den Wert der Produkte, sondern auch den Wert der Menschen, denn man braucht talentierte Leute, um gutes Essen herzustellen. Aber es gibt die Tendenz, dass viele Menschen bereit sind, mehr Geld für gutes Essen auszugeben, wenn sie Qualität bei ihrem Essen bekommen und wissen, was darin ist und woher es kommt. Das hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun. Nach Zahlen vom Bundesministerium für Ernährung gaben die Deutschen 2017 ungefähr 6,20 Euro für ihr Mittagessen aus, 7,30 Euro im Jahr 2018. Eine deutliche Steigerung. Und sie sind bereit, mehr zu zahlen, weil sie bessere Qualität, nachhaltige Produkte und guten Service erhalten, nicht nur besseren Geschmack. Die meisten Mitarbeiterrestaurants sind außerdem bezuschusst. Es ist in den vielen Fällen preiswerter, im Betriebsrestaurant zu essen als außerhalb.

Erwarten die Deutschen einen Zuschuss für das Kantinen-Essen?
Ja, die meisten Arbeitnehmer erwarten das von ihrem Unternehmen, denke ich, sie sehen es als Benefit. Das ist aber auch nur fair, es ist ein Teil des Pakets, das ein Arbeitgeber seinen Mitarbeitern anbietet.

Wird in anderen Ländern bezuschusst?
In Europa auf jeden Fall, im Norden ist der Zuschuss meist höher als im Süden.

In vielen Kantinen kann man zwar Geld auf eine Karte laden und vielleicht den Speiseplan online einsehen. Nicht viel in Zeiten von Digitalisierung. Bieten Sie Innvativeres?
Wir haben eine App entwickelt, mit der Sie online bezahlen, aber auch Essen zu Ihrem Schreibtisch bestellen können. Außerdem können Sie Mahlzeiten in der Kantine vorbestellen, um sicherzugehen, dass Ihre Wahl noch verfügbar ist. Der Kunde kann sich über die App auch unterschiedliche Essenmöglichkeiten anschauen, nicht nur von Sodexo, auch von Restaurants in der Nähe, wir zeigen das Angebot und den Preis. Sie haben dann die Wahl. Außerdem lassen sich Nährwertangaben, Inhaltstoffe, Kalorienangaben oder Allergene im Essen nachlesen. Darüber hinaus können sich Kollegen über die App zusammentun und einen Tisch in der Kantine buchen. 

Sie kümmern sich viel um die Zufriedenheit anderer Angestellten, was bieten Sie Ihren Mitarbeitern?
Wir wollen natürlich, dass die Konsumenten eine bessere Lebensqualität haben, aber dafür müssen auch unsere Angestellten zufrieden sein. Alle zwei Jahre führen wir eine Befragung unserer Angestellten über einen externen Anbieter durch. Wir möchten etwa wissen, wie zufrieden sie sind, was verbessert werden könnte oder, ob sie Sodexo weiterempfehlen würden. Dieser Befragung sollen natürlich auch Taten folgen. Wir haben ein Programm eingeführt, das sich mit flexiblen Arbeitszeiten beschäftigt, damit die Mitarbeiter mehr und mehr flexibel arbeiten können und so ihr Privat- und Berufsleben besser vereinbaren können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare