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Zeit zum Durchatmen: Mutter mit Kind am Strand.

Gesundheit

Verzweifelte Mütter

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Für gestresste Eltern ist eine Kur oft der letzte Anker - der fällt jetzt weg.

Viele Mütter rufen uns derzeit verzweifelt an und fragen: Hat irgendeine Klinik, irgendwo in Deutschland noch auf? Ich brauche sofort einen Platz, ich kann nicht warten“, erzählt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Die gemeinnützige Stiftung ermöglicht es zu normalen Zeiten Elternteilen und ihrem Nachwuchs, in einer Mutter- oder Vater-Kind-Kur Abstand vom Alltag zu bekommen und wieder Kraft zu tanken.

Im Jahr 2018 nahmen 48 000 Mütter, mehr als 1600 Väter und rund 71 000 Kinder an den Maßnahmen des Müttergenesungswerks teil. Doch momentan sind Schilling und ihrem Team die Hände gebunden. Wegen der Corona-Pandemie haben nur drei der 73 Kliniken, mit denen die Organisation bundesweit zusammenarbeitet, auf. Die grob überschlagen um die 5000 Mitarbeiter der Kliniken sind in Kurzarbeit geschickt worden; es gibt für sie kaum noch etwas zu tun.

Das ist eine große psychische Belastung für die Mütter und Väter, die oft monatelang auf eine Kur gewartet haben. Ein halbes Jahr Wartezeit für eine Erholung in den Sommermonaten ist durchaus üblich, manche Kliniken sind auch deutlich länger im Voraus ausgebucht, in den Wintermonaten gibt es eine größere Chance, schneller zum Zug zu kommen. „Für viele Mütter, die uns kontaktieren, war die Kur ein positiver Ausblick, ein letzter Anker. Der ist nun weggefallen“, sagt Katrin Bange, Beraterin für Eltern-Kind-Kuren beim Diakonischen Werk in Frankfurt.

Laut einer Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2007 sind 2,1 Millionen Mütter und 230 000 Väter kurbedürftig. „Und diese Zahl dürfte seitdem deutlich gestiegen sein, denn immer mehr Frauen arbeiten, die Belastungen nehmen immer weiter zu“, meint Schilling. Neben der Erwerbsarbeit stemmten sie einen Großteil der Hausarbeit und der Kinderbetreuung und hielten die Familien zusammen.

Durch die Corona-Krise ist die Belastung der Familien und insbesondere der Mütter nochmal stark gestiegen. Beruf, Hausarbeit, Home Schooling, Beschäftigung der Kinder – alles müssen Eltern unter einen Hut bringen, dazu möglicherweise noch Existenzängste aushalten.

Wer eigentlich schon vor der Corona-Krise kurbedürftig war, für den oder die dürfte die gegenwärtige Zeit besonders hart sein. Hilfsangebote etwa in Form von ambulanten Therapien oder Beratung gibt es momentan kaum – und wenn, nur am Telefon oder übers Internet. Schilling geht deswegen davon aus, dass nach der Krise noch mehr Mütter und Väter eine Kur beantragen werden als sonst.

Immerhin scheint eine Insolvenz für die meisten Kliniken, die Mutter- und Vater-Kind-Kuren anbieten, abgewendet. Im ersten Rettungsschirm der Bundesregierung für Kliniken, denen die Patienten fehlen, wurden die Häuser nämlich nicht berücksichtigt. Die Bundesregierung hat aber nun nachgebessert: Seit Anfang Mai gilt, dass auch die Mutter-Kind-Kliniken 60 Prozent Ausfallhonorar erhalten.

Die Krankenkassen zeigen sich momentan auch kulant, was die Verlängerung der Kurgenehmigungen angeht – diese sind zu normalen Zeiten nur wenige Monate gültig. Eltern, die wegen Corona ihre Kur derzeit nicht antreten können, müssen bei vielen Krankenkassen nun nicht erneut durch das Antragsverfahren. So teilte etwa die Techniker Krankenkasse auf Anfrage mit, dass alle bereits erteilten Zusagen bis zum 31. März 2021 verlängert werden, bei der AOK Hessen ist der neue Termin der 30. April 2021. Auch Katrin Bange vom Diakonischen Werk sagt, dass die Krankenkassen momentan Entgegenkommen zeigten.

Die Kliniken des Müttergenesungswerks bemühen sich momentan, den Müttern und Vätern, deren Kur ausgefallen ist, Ersatztermine anzubieten. Diese liegen nun häufig schon im Winter. „Die Belegungspläne der Kliniken zeigen, dass es freie Plätze wieder so ab November/Dezember gibt, aber auch da ist die Auswahl nicht mehr groß“, sagt Bange. Wer nun neu eine Kur beantragt, muss damit rechnen, nicht mehr vor 2021 an die Reihe zu kommen. Noch ist aber unklar, wann die Kliniken überhaupt wieder öffnen können. „Einige Häuser hoffen, dass es im Juni wieder losgeht“, sagt Bange. Aber Eltern müssten sich momentan noch darauf einstellen, dass ihre Kur im Sommer womöglich sehr kurzfristig abgesagt würde. Für viele Mütter und Väter dürfte die ersehnte Erholung daher noch länger auf sich warten lassen.

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