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Seinen ersten Testflug hat der Lilium-Jet im Mai 2019 absolviert. Foto: Lilium

Flugtaxi-Pionier

Vertrauen in Zeiten von Corona

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Der Flugtaxi-Pionier Lilium sammelt 215 Millionen Euro ein. Hauptgeldgeber ist der Internetgigant Tencent aus China. Ein Zeichen für einen drohenden Ausverkauf deutscher Hightech?

Die Wirtschaft steht in großen Teilen still. Das gilt vor allem für die Luftfahrtindustrie. Dennoch ist es dem Flugtaxi-Pionier Lilium aus Weßling bei München mitten in der Corona-Krise gelungen, 215 Millionen Euro an neuen Finanzmitteln einzuwerben, was die gesamte Finanzierung des vor fünf Jahren gegründeten Jungunternehmens durch Investoren auf über 300 Millionen Euro hievt. Das ist erst einmal eine gute Nachricht in schlechten Zeiten. Stutzig macht, dass Hauptgeldgeber der jetzigen Finanzierungsrunde der chinesische Internetriese Tencent ist. Nutzt die in ihrer Wiederbelebung stehende chinesische Industrie das Einfrieren auch der deutschen Industrie zum Einkauf von Hightech made in Germany?

Lilium-Finanzchef Christopher Delbrück widerspricht. „Das ist ein großer Vertrauensbeweis“, betont er vielmehr. In chinesische Hände gewandert sei die Technologie damit nicht. Der Anteil von Tencent, die schon bei einer früheren Finanzierungsrunde mit dabei waren, liege aktuell immer noch unter einem Viertel. Größte Gesellschaftergruppe von Lilium seien weiter die vier deutschen Gründer um Firmenchef Daniel Wiegand. Zudem hätten jetzt auch andere Altinvestoren wie Skype-Mitgründer Niklas Zennström und der deutsche Investor Frank Thelen mitgezogen. Auch daran, dass Lilium in Deutschland entwickelt und ein Flugtaxiwerk am Heimatstandort in Weßling aufbaut, ändere das größere Engagement von Tencent nichts.

Jetzt in der allgemeinen Corona-Krise billig eingekauft hätten die Investoren auch nicht, betont der Lilium-Finanzchef. „Unsere Bewertung hat sich sehr erfreulich verbessert“, betont er mit Blick auf die aktuelle Finanzierungsrunde. Konkreter wird er nicht. Einer Milliardenbewertung dürfte sich Lilium damit aber zumindest angenähert haben, wenn sie nicht schon überschritten ist.

Der Vertrauensbeweis der Investoren ist umso bemerkenswerter, als nicht nur die Corona-Pandemie belastet. Gerade ist ein Prototyp des fünfsitzigen und senkrecht startenden Elektro-Flugtaxis abgebrannt. Kurz zuvor hatte ein Luftfahrtexperte Berechnungen präsentiert, nachdem Lilium mehr verspricht, als physikalisch jemals zu halten sei. Speziell die versprochenen 300 Kilometer Reichweite seien nicht zu schaffen. Delbrück hält entschieden dagegen.

Der Experte, der bis heute anonym geblieben ist, habe für seine Berechnungen eine falsche Formel benutzt und auch falsche Zahlen eingesetzt. „Das ist wie eine Fehldiagnose“, stellt Dellbrück klar. Richtig sei, dass der Liliumjet mit den aktuell verwendeten Batterien keine 300 Kilometer Reichweite schaffe. Aber die würden technologisch aus dem Jahr 2014 stammen. Batterien mit der nötigen Leistungskraft werde es bald geben. „Wir brauchen keine Wunderbatterie“, versichert der Flugtaxi-Manager.

Ein nicht wegzudiskutierendes Problem ist der jüngste Brand des einzigen Test-Flugtaxis. „Das hat wehgetan“, räumt Delbrück ein. Noch laufe die Untersuchung zu den Ursachen. Ein grundsätzlicher Konstruktionsfehler sei aber bislang nicht entdeckt worden und ein zweiter, verbesserter Prototyp bald fertig. Wann die Flugtests weitergehen, bleibt aber unklar. „Corona hat uns eine Zwangspause im Hangar verordnet“, sagt der Manager. Nur eine kleine Kerntruppe sei derzeit im Werk in Weßling, die meisten der 400 Beschäftigten im Homeoffice.

Noch stehe aber der Zeitplan mit dem Start einer Serienproduktion von Flugtaxis in Weßling und Flugtaxibetrieb auf ersten kommerziellen Strecken 2025. „Wir haben noch Puffer“, sagt Delbrück. Zudem habe Lilium von Anfang an konservativ geplant. Konkurrent Volocopter aus Bruchsal bei Karlsruhe, an dem Daimler beteiligt ist, will schon 2021/22 erste Flugtaxirouten bedienen. Zumindest war das vor Corona so vorgesehen. Auch Airbus testet am Hubschrauberstandort Donauwörth in Bayern ein eigenes Flugtaxi.

Bis der Liliumjet in Serie geht und erste Strecken fliegt, muss noch eine weitere Finanzierungsrunde kommen, räumt der Finanzchef ein. Welche Summen nötig sind, sagt er nicht. Aber beim nächsten Schritt würden neue und globale Investoren dazukommen. Schwer beeindruckt sind die Macher von Lilium von der Corona-Krise offenbar nicht.

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