Der ehemalige HRE-Vorstandschef Georg Funke (l.) gibt unter anderen Peer Steinbrück und Josef Ackermann die Schuld an der Pleite des Immobilienfinanzierers.
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Der ehemalige HRE-Vorstandschef Georg Funke (l.) gibt unter anderen Peer Steinbrück und Josef Ackermann die Schuld an der Pleite des Immobilienfinanzierers.

HRE-Prozess

Die Version von Ex-Bankchef Funke

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Muss die Geschichte der Finanzkrise neu geschrieben werden? Was der frühere HRE-Chef Georg Funke vor Gericht aussagt, erschüttert bisherige Darstellungen schwer.

Achteinhalb Jahre hat es in Georg Funke gebrodelt. Jetzt bricht es aus dem Exchef der deutschen Skandalbank Hypo Real Estate (HRE) geradezu heraus. Eigentlich muss sich der 61-Jährige als Angeklagter vor dem Landgericht München verantworten, weil er 2008 über die wahren Verhältnisse seines Kreditinstituts öffentlich gelogen haben soll. Mit Verteidigung hält sich Funke aber in seiner gut vierstündigen Replik auf die Anklage nicht lange auf. Er greift an und zwar vor allem den Exchef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sowie dessen früheren Amtskollegen, Jochen Sanio von der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Beide haben sich nach Funkes Version der Realität verschworen, die HRE auch mittels Verbreitung von Lügen zum alles überschattenden Rettungsfall zu machen.

Ackermann habe in der damals eskalierenden Finanzkrise von seiner und anderen deutschen Großbanken ablenken wollen, so Funke. Sanio habe unbedingt die deutsche Politik zum Kampf gegen die Finanzkrise mit ins Boot holen wollen. Denn die habe bis zum Fall HRE nicht begriffen, dass jene nicht nur die USA, sondern auch Deutschland betreffe. Die HRE selbst sei bis zuletzt kein Pleitekandidat gewesen, beteuert Funke.

Selbst nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 habe die HRE noch über Finanzreserven von 36 Milliarden Euro und andere Mittel verfügt.

Sich selbst mag der Westfale nur eines vorwerfen, und zwar dass er nach der Lehman-Pleite Ackermann um einen 15-Milliarden-Euro-Kredit gebeten habe. Dies sei aber kein Notkredit gewesen. Funke verweist dabei auf Daten zur damaligen Liquiditätslage der HRE. Vielmehr sei der Kredit aus Vorsorge für den Fall einer weiteren Eskalation der Finanzkrise beantragt worden.

Ackermann habe den Kredit auch rasch zugesagt und sei so ein Mandanten- und damit Vertrauensverhältnis mit der HRE eingegangen. Kurz danach habe der Schweizer das aber schamlos missbraucht und hintergangen und die HRE in wahrheitswidriger Weise denunziert.

Über die damals nicht existenzbedrohende Lage der HRE habe Ackermann erst gegenüber der Bundespolitik, der Bafin und Bundesbank, dann gegenüber dem gesamten Finanzmarkt die Unwahrheit gesagt und den Immobilienfinanzierer zum hoffnungslosen Fall hochstilisiert. Ackermann habe den angeblichen Finanzbedarf der HRE auch eigenmächtig und ohne Rücksprache mit ihr von 15 auf 35 Milliarden Euro nach oben korrigiert.

Der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück habe den Ball aufgenommen und von einer „geordneten Abwicklung“ der HRE gesprochen. Dadurch sei ein Sturm auf die HRE-Bankschalter ausgelöst worden, sein Haus habe schlagartig kein Geld mehr bekommen und sei ruiniert gewesen.

„Die Zahlungsunfähigkeit der HRE ist von Dritten ausgelöst worden“, sagt Funke. Die HRE hätte die Finanzkrise ohne Hilfe von außen überstehen können. Was Ackermann mit der HRE gemacht habe, sei vergleichbar mit dem, was dessen Amtsvorgänger Rolf Breuer bei der Kirch-Gruppe angerichtet habe, klagt der einstige HRE-Chef. Hier wie dort seien Kreditkunden hintergangen worden, um sie in die Pleite zu treiben. „Im Fall der HRE würde das bei einer rechtlichen Würdigung weite Kreise ziehen“, unkt Funke und meint damit auch Politik und Bafin.

Die Frage ist, ob es zu einer solchen Würdigung kommt. Denn der Beinahekollaps der HRE wird in München eigentlich gar nicht verhandelt. Angeklagt ist lediglich eine unwahre Darstellung der Lage der HRE durch ihre Vorstände. Bislang ist auch weder Steinbrück noch Ackermann als Zeuge geladen, was sich nach Funkes Vortrag ändern könnte. Die Staatsanwaltschaft erwägt jedenfalls bereits einen entsprechenden Antrag. Funke bringt es auf den Punkt. „Wer müsste heute hier eigentlich sitzen?“, fragt er – und meint damit die Anklagebank.

Die Anklage gegen ihn sieht er ohnehin als gegenstandslos an. Wenn die HRE sogar nach der Lehman-Pleite nicht zahlungsunfähig und stets liquide gewesen sei, dann folge daraus, dass er ihre Lage nicht beschönigt habe. Sein Vorstand habe alles korrekt geschildert und im Übrigen auch keine Managementfehler begangen, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet. Vielmehr seien er und seine Bank 2008 in einer emotional aufgeladenen Atmosphäre, die bis in heutige Gerichtssäle nachwirke, an den Pranger gestellt worden. „Der Populismus hat seine Wirkung getan“, kritisiert Funke. An der Anklage lässt er jedenfalls kein gutes Haar. Die Staatsanwaltschaft reiße Fakten aus dem Zusammenhang und verschweige Entlastendes.

Funke zeichnet das Bild von bankwirtschaftlich weitgehend ahnungslosen Juristen, die Denkfehler begehen und in ihrer Anklage mit Schrot schießen, in der Hoffnung, dass irgendwas schon treffen werde. Wer Funke bei seinen Ausführungen beobachtet, sieht einen Mann, der sich mehr und mehr in Rage redet und immer lauter wird. Hier rechnet einer ab. Noch schwerer wiegen seine Worte aber inhaltlich, sollten sie sich bewahrheiten. Die Frage ist allerdings, ob Richterin Petra Wittmann den Prozess derart ausweiten wird.

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