Gesundheit

Versicherte gehen seltener zum Arzt

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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In der Corona-Krise steigen die Ausgaben der Allgemeinen Ortskrankenkassen langsamer

Die Corona-Pandemie hat im ersten Halbjahr bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) zu einem deutlichen Überschuss geführt. Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) erzielten die AOK-Kassen bis Ende Juni ein Plus von 320 Millionen Euro. Im ersten Quartal gab es hingegen noch ein Defizit von 435 Millionen Euro.

Ursache für diese Entwicklung ist ein noch nie dagewesener Einbruch bei der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen nach Beginn der Pandemie. So wurden im Frühjahr praktisch alle planbaren Operationen in den Krankenhäusern verschoben, um Intensivbetten für Corona-Patienten frei zu halten. Aus Angst vor einer Ansteckung vermieden zudem viele Versicherte den Besuch beim Arzt oder beim Therapeuten.

Die Leistungsausgaben je Versicherten im „Corona-Quartal“ von April bis Ende Juni stiegen daher nur sehr leicht um 1,6 Prozent. Im Vorjahresquartal gab es noch ein Plus von 3,4 Prozent. Einen solchen Ausgabenknick habe es seit Bestehen der Quartalsstatistik noch nicht gegeben, hieß es bei der AOK.

Bei den elf AOK-Kassen sind derzeit rund 26 Millionen Menschen versichert, also etwa ein Drittel der Bevölkerung. Experten gehen davon aus, dass es auch bei den anderen Kassenarten – Ersatzkassen, Innungskrankenkassen und Betriebskrankenkassen – eine ähnliche Entwicklung gegeben hat.

Der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, warnte allerdings vor falschen Rückschlüssen. „Die Kassen werden zunächst weiter auf Sicht fahren müssen, denn das Finanzergebnis des zweiten Quartals ist bloß eine Momentaufnahme. Der weitere Verlauf des Jahres 2020 ist noch nicht abzusehen“, sagte er.

„Auf der Ausgabenseite sehen wir zwar in fast allen Leistungsbereichen starke Fallzahlrückgänge, bei denen unklar ist, ob und wann es dazu vergleichbare Nachholeffekte geben wird. Gleichzeitig müssen wir aber mit etlichen Extraposten rechnen“, betonte er. So stemme die gesetzliche Krankenversicherung über den Einsatz der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds die Finanzierung der zusätzlichen Intensivbetten, den Bonus für Pflegekräfte und die Covid-19-Testungen der Bevölkerung. Die private Krankenversicherung sei an diesen Ausgaben nicht beteiligt, kritisierte Litsch.

„Zugleich haben sich die Beitragseinnahmen im Gesundheitsfonds kritisch entwickelt, und es ist abzusehen, dass sie deutlich unter den Planungen bleiben werden“, führte er aus. Wichtig sei daher die Zusage zusätzlicher Bundesmittel von 3,5 Milliarden Euro für dieses Jahr. „Ob das aber ausreicht, müssen wir sehen. Dazu befinden wir uns mit dem Bundesgesundheitsminister im Dialog.“

Die Umsetzung der Sozialgarantie 2021, mit der die Sozialversicherungsbeiträge bis zum Jahr 2021 bei maximal 40 Prozent stabilisiert werden sollten, sei jedenfalls ein ehrgeiziges Ziel. Bei einer Normalisierung der Versorgung sei zudem im Jahr 2021 mit weiteren Nachholeffekten zu rechnen.

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