Obleute im Finanzausschuss beraten über Sondersitzung zu Wirecard
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Die schönen Gewinne der Firma aus Aschheim bei München gab es nie, jedenfalls seit 2015 nicht.

Wirecard

Verschwiegene Aschheimer Bande

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Die Dimension des Bilanzskandals beim Zahlungsdienstleister Wirecard ist hierzulande beispiellos. Die Masche aber nicht ohne Vorbild. Experten fordern jetzt Konsequenzen für den Börsenhandel.

Zahlungsdienstleistung ist ein branchenüblich margenarmes Geschäft. Eine Firma vermittelt dabei bargeldlose Zahlungen von Käufern an Verkäufer und kassiert dafür eine kleine Gebühr. Wieso ausgerechnet Wirecard dabei Traumrenditen jenseits 20 Prozent erwirtschaften konnte, haben sich Konkurrenten schon immer gefragt. Es bedurfte Staatsanwälten, um die Antwort zu liefern. Die schönen Gewinne der Firma aus Aschheim bei München gab es nie, jedenfalls seit 2015 nicht.

Vielmehr hat der Dax-Konzern mit seinen tatsächlich existierenden Geschäften in den vergangenen fünf Jahren nur Verluste erzielt, stellen die Ermittler nach Zeugenvernehmungen, der Sichtung zahlreicher Dokumente und großer elektronischer Datenmengen klar.

„Auch wir fragen uns, wie ein solches System etabliert werden konnte“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding ratlos, als sie das schier Unglaubliche ausspricht. Profitabel war Wirecard nur auf dem Papier, das in diesem Fall die eigene Bilanz gewesen ist. Mit vermeintlich sprudelnden Gewinnen wurden Anleger gelockt und Banken zur Vergabe von Krediten. Das allein summiert sich auf 3,2 Milliarden Euro, die nach Lage der Dinge verbrannt sind. Und das dürfte nur ein Teil der Gesamtverluste sein, die im Betrugsfall Wirecard entstanden sind. Es ist ein Skandal, der sich wiederholt.

„Wir hatten schon ähnliche Betrugsfälle“, sagt Bankwirtschaftsprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim und erinnert an Flowtex oder Comroad. Der Fall des Bohrmaschinenherstellers Flowtex aus dem badischen Ettlingen in den 90er Jahren gilt mit gut zwei Milliarden Euro Schaden bis heute als größter Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte, was Wirecard nun locker in den Schatten stellen dürfte. Flowtex-Gründer Manfred Schmider und Kumpane hatten damals die Existenz Tausender Bohrmaschinen und damit gut 90 Prozent des angeblichen Geschäfts frei erfunden. Knapp ein Jahrzehnt später beim Telematikanbieter Comroad betrug die Fake-Rate 96 Prozent. Das Unternehmen aus dem untergegangenen Börsensegment Neuer Markt war praktisch völlig frei erfunden.

In allen Fällen von Flowtex über Comroad bis Wirecard waren nicht Einzeltäter am Werk sondern eine Gruppe. Bei Wirecard sprechen Ermittler von gewerbsmäßigem Bandenbetrug. In Haft sitzen nun der frühere Wirecard-Chef Markus Braun, Kollege Burkhard Ley, der bis 2017 zwölf Jahre lang Finanzchef des Dax-Konzens war, und der Wirecard-Chefbuchhalter. Zuvor war bereits der Geschäftsführer einer Wirecard-Tochter in Dubai in Untersuchungshaft gekommen. Das Emirat steht im Zentrum des Betrugs um erfundene Geschäfte und Treuhandkonten mit angeblichen Vermögenswerten über 1,9 Milliarden Euro. Mit Jan Marsalek ist ein weiterer Hauptverdächtiger und Ex-Vorstand noch auf der Flucht. Damit sind drei von vier Vorständen und zwei weitere Spitzenkräfte verdächtig des Betrugs, der Untreue und der Marktmanipulation.

„Es ist erstaunlich, dass keiner was sagt“, findet Burghof und meint die verschwiegene Managergemeinschaft. Über Jahre hinweg ein Lügengebäude aufrecht zu erhalten, erfordere Disziplin. Angst vor Bestrafung könne ein starker Kitt sein. Bei Wirecard habe der Weg sogar in den Dax geführt. Das könne ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. „Man genießt die Zeit, in der alles gut geht“, vermutet der Bankwirtschaftler. Gleichzeitig rügt nicht nur er krasses Kontrollversagen.

Die Vorwürfe richten sich an den Wirecard-Wirtschaftsprüfer EY, die Finanzaufsicht Bafin und die Börsenaufsicht, mit deren Zutun Wirecard in die erste Börsenliga aufstieg. „Die Kriterien für die Aufnahme in den Dax sind aberwitzig“, findet Anlegeranwalt Peter Mattil. In erster Linie sei das die Marktkapitalisierung, also der Aktienkurs, der keinen Bezug zum tatsächlichen Geschäft haben müsse. Offenbar habe die Deutsche Börse aus dem Neuen Markt nichts gelernt, kritisiert Mattil. Der ganze Börsenhandel müsse nun auf den Prüfstand.

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