+
Container-Terminal Bremerhaven: Die Exporte der deutschen Wirtschaft stagnierten im Januar im Vergleich zum Dezember.

Konjunktur

Deutschlands verringerte Drehzahl

  • schließen

Die Industrieproduktion schwächelt und trübt die Aussichten für Deutschlands Konjunktur. Experten rechnen mit einem schwächeren Wachstum. Öffentliche Investitionen könnten dem entgegenwirken.

Nahezu täglich werden derzeit Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr zurückgestutzt. Indes sind wir von einer Rezession mit schrumpfender Wirtschaft und Jobabbau noch weit entfernt. In den vergangenen Wochen war aber nach fast zehn Jahren stetigen Wachstums ein Schwinden der Dynamik in Deutschland und in vielen anderen Ländern deutlich zu erkennen: Der Konjunkturmotor hat bildlich gesprochen die Drehzahl verringert.

Die Experten gehen mittlerweile durch die Bank davon aus, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts vom vergangenen Jahr (1,5 Prozent) nun nicht mehr erreicht werden kann. Der Bundesverband der Deutschen Industrie teilte am Montag mit, man rechne mit einem Plus von 1,2 Prozent – bisher waren es just jene 1,5 Prozent. Der Industrieländer-Club OECD prognostiziert sogar nur noch 0,7 Prozent und die Bundesregierung ein Prozent. Das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK erwartet immerhin über ein Prozent.

Das Statistische Bundesamt hat am Montag Zahlen vorgelegt, die die These von der konjunkturellen Abkühlung stützen. So stagnierten im Januar die Exporte im Vergleich zum Dezember. Der Wert der ausgeführten Waren von knapp 109 Milliarden Euro bedeutet zugleich zwar eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahresmonat, aber nur um 1,7 Prozent. Der Groß- und Außenhandelsverband BGA sprach denn auch von einem „schwachen Exportwachstum“. Bemerkenswert ist zudem, dass die Produktion der Industrie im ersten Monat des Jahres im Vergleich zum Dezember 2018 um 0,8 Prozent zurückging und dass bei den Firmen deutlich weniger Aufträge eingingen, insbesondere aus Ländern jenseits der Eurozone und im hohen Maß bei Investitionsgütern.

All diese Zahlen lassen sich als Bestätigung der derzeit unter Volkswirten herrschenden Meinung lesen, dass der Handelskrieg zwischen den USA und China nicht nur in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, sondern auch in Europa bremst. Schließlich sei die deutsche Außenwirtschaft „symbiotisch“ mit China verknüpft, so der BGA. Hinzu kommt unter anderem die Drohung der USA, die Importe europäischer Autos mit Strafzöllen zu belegen. Ein weiterer Faktor ist der nahende Brexit, für den es noch immer keinen halbwegs verlässlichen Fahrplan gibt. Genannt werden auch immer wieder die Probleme der Autobranche bei der Umstellung auf den neuen WLTP-Standard für Abgastests. Das hat den Absatz neuer Pkw seit September 2018 teils massiv gebremst. Doch im Februar stieg die Zahl der Neuzulassungen hierzulande wieder um 2,7 Prozent.

Ausbau von Infrastruktur

Ferner ist im grünen Bereich erkennbar, dass das hohe Niveau der Konsumausgaben als Stabilisator wirkt. Maßgeblich verantwortlich dafür sind die relativ hohen Tarifabschlüsse – zuletzt für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes.

Überdies hat die Europäische Zentralbank schon vorige Woche ein neues Sonderprogramm angekündigt, womit für Banken günstige Konditionen geschaffen werden, um mehr Kredite für Investitionen von Unternehmen zu vergeben. Auch die EU-Finanzminister diskutieren am Dienstag über eine Strategie für die nächsten Monate. Medienberichten zufolge pocht der deutsche Ressortchef Olaf Scholz (SPD) dabei darauf, dass die Staaten der Euro-Zone ihre Schulden weiter abbauen. Damit soll die Währungsunion wetterfest gemacht werden, um bei einem Abschwung Handlungsspielräume zu haben.

Das IMK bezeichnet derweil öffentliche Investitionen als ein treffsicheres Instrument – das ist genau das Gegenteil von Schuldenabbau. Aber der Staat könnte damit den Ausbau von Infrastrukturen forcieren, was hierzulande ohnehin massiv gefordert wird – vom schnellen Internet bis zum Schienennetz. Deutschland kann sich die zusätzlichen Ausgaben leisten. Die Staatsverschuldung entspricht mittlerweile wieder in etwa den Vorgaben der Währungsunion. Außerdem sind neue Kredite für den Bund extrem günstig. Investoren sind derzeit sogar bereit, dem deutschen Staat Darlehen mit einer Laufzeit von fünf Jahren zu einem Negativzins zu geben: Sie zahlen also eine Gebühr dafür, dass sie ihr Geld sicher anlegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare